Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-03-25 · N° 13. (25.3.1886) · p. Seite 100

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 13. (25.3.1886)
Date
1886-03-25
Page
Seite 100 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585442--6142-9585444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

100 Trauerrede gehalten an der Bahre des Dr. Leopold Zunx in der neuen Synagoge zn Berlin den 21. März 188«; von Rabbiner vr. Maybanm. Durch Deines Heiligthumes Pforten, o König der Ehren, ist heute die Hülle des Mannes eingezogen, der mit seinem Geiste allezeit weilte in Deinen Heiligthümern, der alle Gebete und Danklieder, wie alle Seufzer und Klagen, die jemals aus Israels Synagogen zu Dir emporgestiegen, kannte und sammelte und wie kein Zweiter in seinem warmen Herzen nachsühlte. Und an der Redestätte Deines Hauses hält er Rast auf seinem Wege in die ewige Heimath: hat er ja gerade ihrer Wiederbelebung und Verherrlichung die ganze, reiche Kraft seines Lebens geweiht. Was er uns, was er Israel, was er dem Menschenthum gewesen, Du weißt es, Herzensknndiger! So bereite ihm eine lichte Stätte in Deinem himmlischen Heiligthume! Amen! Andächtige Trauerversammlung! Wenn irgendwo, so wäre an diesem Sarge berechtigt die Klage: jnx npb: rs *TDD rb: „Dahin ist die Herrlichkeit Israels, da hinweggenommcn wurde die Lade Gottes". Denn in diesem Sarge ruht ein Mann, dem selbst die Alten den Ehrennamen TD verliehen hätten, dieweil er in sich ausgenommen und sein Eigen nannte das ganze große Wissensgebiet, das sich seit Jahrtausenden an die sinaitische Offenbarungslehre angesetzt hatte; ein Mann, den auch die Israeliten der Gegenwart, soweit sie nicht auf die wissenschaftliche Begründung der Lehre verzichten, p"! „Lehrer und Meister" nannten, in dem sie ihren Stolz und ihre Zierde sahen, und auf den sie hinblickten, so oft sie sich für die großen Aufgaben des Judenthums begeistern wollten. Dennoch sollen hier fern bleiben die dumpfen Töne der Trauer und Klage! Denn wir haben hier nicht zu klagen. Um ihn nicht, weil sein bis an die äußersten Grenzen ausgedehntes Leben zu einem Segen ohne Gleichen geendet ist für die weitesten Kreise in Israel. Aber auch nicht um uns. Denn was unsere Weisen von der Bundestafel sagten, die Moses am Fuße des Sinai zerbrach, daß zwar der Stein zerschmettert wurde, nicht aber die Buchstaben des Zehnwortes, die gleichsam in der Luft umherflogen, der neuen Zusammenfügung und Verkörperung gewärtig, das gilt auch von unserem lodten Meister. Nur seine sterbliche Hülle scheidet heut von uns, nicht aber sein Geist; dieser lebt fort in unserer Mitte. Eine große Schaar begeisterter Jünger hat bereits längst sein geistiges Erbe angetreten, Jünger, die nicht blos den Mantel des scheidenden Propheten erfaßten, sondern vom Hauche seines Geistes sich angeweht fühlten. Er selbst aber — obgleich er, wie der vom Psalmisten gepriesene Gerechte, noch im Greisenalter blühte, und wie die Zeder markig und belaubt war; obgleich er noch in seinem 80. Lebensjahre eine hzxchbedeutsame bibelkritische Arbeit in der Zeitschrift der D. M. G. veröffentlichte — seitdem seine. edle, hochsinnige Gattin von ihm gegangen, war er in seinem geistigen Wirken und Schaffen gebrochen. Es fesselte ihn nichts mehr an das Leben, er fühlte sich einsam und verlassen trotz des eifrigen Zuspruchs seiner Verehrer, und er konnte den schmerzlichen Verlust nicht bannen, daß alle die ihm lieb und theuer waren, auch fast alle seine mitstrebenden Freunde und Genossen bereits in der Erde schlummerten, während ihn selbst der Tod vergessen zu haben schien. Nein, wir klagen nicht, wir danken vielmehr an dieser Bahre dem Allgütigen, dem Horte Israels, daß er uns den Meister erstehen ließ zu einer Zeit, da das Judenthum eine neue Entwickelung antrat, und daß er ihn uns als Lehrer und Führer am Leben erhielt, bis das große Werk vollbracht war und neue Führer, durch seinen Vorgang geweckt, sich naheten. die von dem erreichten Standorte zu neuen Zielen vorschritten. Nur sein schöpferisches, an idealen Erfolgen so reiches Leben laßt uns jetzt betrachten, bevor seine irdische Hülle von uns hinweggenommen wird. Wir wollen nicht verweilen bei seinem äußeren Lebensgange, der ja den meisten unter uns wohl bekannt ist. Er verlebte ja, seitdem er als Jüngling hierher gekommen war, sein ganzes Leben in unserer Mitte. Hier lagen die Wurzeln seiner Kraft, darum behielt ihn Prag nur kurze Zeit; er kehrte bald zu unserer Stadt zurück, von deren Geistesströmung er sich mächtig angezogen fühlte. Aber auch von den Werken und Schöpfungen des Gelehrten, von den Geistesschlachten, die er geschlagen, von den Veranstaltungen für Bildung und Wissenschaft im Juden - thum, die er theils selbst in's Leben gerufen, theils durch seinen Geist befruchtet hat, kann hier nicht im Einzellien die Rede sein. Denn die Geschichte der geistigen Wirksamkeit des Verewigten ist die Geschichte der jüdischen Wissenschaft in diesem Jahrhundert: wie vermöchten wir daher das Geistesleben eines so großen Zeitraums in den engen Rahmen eines Lebensbildes zu spannen! Nur den Geist, durch welchen und in welchem der verewigte Meister überall wirkte, wollen wir kennzeichnen, dieweil in ihm der Schlüssel liegt zu seinen segensreichen Erfolgen, und zur Erklärung jener staunenswerthen Thatsache, daß der schlichte Gelehrte, der als solcher weder Amt noch Stellung hatte, dennoch schulenbildend wirkte und allen bedeutenderen Leistungen seiner Nachfolger das Gepräge seines Geistes auforückte. Diesen Geist wollen wir kennzeichnen, indem wir anknüpfen an das Prophetenwort : iPs tm Tina "trs: nnan nna n -pns nnv irr Q'Ub DDTD „Seht meinen Knecht, den ich unterstütze, meinen Erkorenen, an dem meine Liebe Wohlgefallen sindet; ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, damit er das Recht den Völkern darlege!" (Jes. 42,l.) I. M. A.! Wir haben erst jüngst am Todestage Mendelssohns diesen großen Sohn unseres Stammes, der seine Glaubensbrüder in das deutsche Geistesleben einführte, als den Erwecker der deutschen Judenheit gefeiert. Was aber an jenem Gedenktage nicht gesagt wurde, weil es nicht gesagt zu werden brauchte, das muß gerade hier hervorgehoben werden. Mit der Erweckung der Judenheit, mit ihrer Einführung in das Geistesleben der Völker, war nur halbe Arbeit gethan, die, wie die unmittelbare Folgezeit bewies, gefährlich werden mußte, wenn sie nicht bald vervollständigt wurde durch die Erweckung des Judenthums. Sollte der gebildete Jude dem Judenthum erhalten bleiben, so mußte sich mit ihm auch das Judenthum verjüngen. Der geistige und sittliche Gehalt des Judenthums mußte daher aus dem Schutte der Jahrhunderte herausgearbeitet werden, damit seine unverwüstliche Macht klar zu Tage trete und seine edle Erscheinung die Herzen sich erobere. Diese Verjüngung des Judenthums aus sich selbst heraus war die Lebensaufgabe des verewigten Meisters. Und weil er an ihre Lösung ging nicht zu seiner Ehre, sondern zur Ehre Gottes, weil die Liebe zum Judenthum, weil die Sorge um die Erhaltung der Religion den innersten Kern seiner wissenschaftlichen Thütigkeit bildete, weil er bereit war, als ein Knecht des Ewigen für seine Wahrheit zu streiten: darum erkor ihn Gott vor Vielen und begnadigte ihn mit seinem Geiste, auf daß er das hohe Ziel erreiche. Denn nur Derjenige, auf welchem der Gottesgeist ruht, jener Geist, der in gleicher Weise ein 71 Htm nri rrn ein „Geist der Erkenntniß und der Gottesfurcht" ist,vermag Dauerndes zu schaffen, vermag die Menschen zu gewinnen und zu begeistern. Der Geist der Erkenntniß allein bewirkt es nicht, er bleibt unfruchtbar, so sich ihm der Geist der Gottesfurcht nicht zugesellt. Schon in der ersten Schrift, die unser Meister im zweiten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts veröffentlichte, stellte er mit staunenswerther Klarheit die Ziele der jüd. Wissenschaft auf und steckte mit aller nur wünschenswerthen Bestimmtheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.