Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 12. (18.3.1886)
- Date
- 1886-03-18
- Page
- Seite 96 (sequence 6)
- Language
- German
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7 '' - . &,< iutb verständnißvollen Vortrag, wenn er mich im Vorlesen aus der Thora vertrat, womit er die Besucher des Gotteshauses entzückte. Wer je Gelegenheit hatte, den 68 jährigen Mann mit dem schneeweißen Haar, mit seiner kerzengeraden Haltung zu sehen, der mußte unwillkürlich die Wahrheit des Satzes des weisen Königs anerkennen: „Eine herrliche Krone ist das Greisenalter". Seine Umgangsformen, sein tactvolles Benehmen, seine bescheidene Liebenswürdigkeit, seine Unterhaltungsgabe, sein geistvoller sprühender Witz wußten alle an ihm zu schätzen, die ihm nahe standen. Herr Rabbiner Dr. Vogelstein entwarf an der Bahre des Entschlafenen, anknüpfend an den Kernspruch unserer Weisen: Tlä^n na“1 IHK “|T1 D2 miJn ein schönes und farbenreiches Bild dieses seltenen Mannes, dessen Andenken im Waisenhause, in der Gemeinde und im Herzen seiner Amtsgenossen und Freunde stets ein gesegnetes bleiben wird. Sarasohn. «Liffa, Posen, 12. März. (Or.-Corr.) Am 8. März verstarb plötzlich Hierselbst in Folge eines Schlaganfalls der praktische Arzt vr. Heinrich Scherbel, kurz vor vollendetem 73. Lebensjahre. Er war eines der angesehensten, ehrenhaftesten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, welcher er seit ca. 50 Jahren angehörte, mit deren Interessen er aufs innigste verwachsen war, und die ihm in ihrer fortschreitenden Entwicklung sehr viel zu verdanken hat. Als langjähriger Präsident des Curatoriums der hiesigen Wollheimer'schen Stiftung hat er für das Gedeihen dieses segensreichen Instituts aufs fürsorglichste und hingebendste gewirkt. Er war kein frommer Israelit — denn in Glaubenssachen hatte er fast die äußersten Consequenzen seiner naturwissenschaftlichen Anschauungsweise gezogen — aber in Gefühl und Gesinnung war er ein wahrhafter Jude, und sein Herz schlug warm und treu für seine jüdischen Mitbrüder und Alles, was das jüdische Interesse berührte. Als Arzt war er weit über die Grenzen unserer Stadt und ihre nächste Umgebung hinaus, besonders aber in den Provinzen Posen und Schlesien, geschützt und verehrt; denn er war als solcher gewissenhaft, grundehrlich, mit einem seltenen diagnostischen Scharfblick begabt, von Liebe und Lust zu seinem Berufe erfüllt und voll Eifer in dem Bestreben, immer auf der Höhe seiner stetig fortschreitenden Wissenschaft zu bleiben. Besonders aber war er in den Kreisen des polnischen Adels beliebt, ja, wir möchten sagen, vergöttert; denn er war zugleich ein glühender Freund der polnischen Sache, für die er so manchen Kampf durchstritten, so manches Opfer gebracht hat. Mehrfach sind ihm Professuren an polnischen Universitäten angetragen worden, die er jedoch ausschlug, weil er sich von seiner Heimathstadt nicht trennen wollte. Als Mensch endlich war er ein durchaus edler Charakter, gutmüthig und gutherzig trotz der etwas derben, zuweilen sogar rauhen Art, die ihm eigen war; seinen Angehörigen ein liebevoller Verwandter und allen denjenigen, die mit ihm in nähere, intimere Berührung getreten sind, ein Freund voller Anhänglichkeit und Wohlwollen. Seine Name wird Allen, die ihn gekannt haben, unvergeßlich sein. Oesterreich. W. Karnopot, 10. März. Beim hiesigen Schwurgerichte wurde ein Raubmordprozeß verhandelt, der nicht verfehlte, den tiefsten Eindruck zu machen und die Aufregung auch weit außerhalb der Hallen des Gerichtes fortzupflanzen. Nicht etwa, daß ein Raubmord geschehen konnte, sondern wie er geschehen, und weil die Mörder vermeinten, sich kein Gewissen daraus zu machen. Im Sommer des Jahres 1885 haben vier Bauern christlicher Confession eine jüdische Familie, bestehend aus 7 Personen, ermordet und beraubt. Das Vermögen bestand blos aus 21 fl. ö. W., sage einundzwanzig Gulden ö. W. — Der Hausfrau, die ein Kind an der Brust hatte, wurden die Brüste abgeschnitten, der Hals durchschnitten, das Kind, wie der Mann und die übrigen Hausgenossen in Stücke gehauen. Eine Frau aus Stanislau, die zu Gast dort war, wurde vorher von Allen geschändet und dann, taub geg en ihr Flehem daß sie, da sie eine Fremde, Keinen persönlich kenne und die einzig Gebliebene sie doch unmöglich werde angeben können, unbarmherzig ermordet. „Um 21 fl. haben wir ein solches Blutbad angerichtet, war es nicht besser, zu jenem Juden zu gehen, zu dem ich gerathen", bemerkte einer der Mörder, beschämt über die so geringe Summe Geldes. Woraus die Uebrigen: „Es sind ja nur Juden!" leichten Herzens sich davon machten. Auch bei der Verhandlung zeigte keiner der Mörder Reue. Erst als das Urtheil auf den Wahrspruch der Geschwornen drei zum Tode durch den Strang und einer zu 15 Jahren schweren Kerker, verkündet wurde, rang Einer verzweifelt die Hände und Einer brach in Weinen aus. Der Dritte aber lachte trotzig. In ihre Zellen abgesührt, begannen alle Vier sich mit Schneebällen zu beschmeißen, als wäre nichts vorgefallen. Und solche Verwirrungen sind unter Menschen, die unter diesein Himmelsstrich leben, in diesem Jahrhundert leben und zu der Religion sich bekennen, die sich ihrer allgemeinen Menschenliebe rühmt, möglich?! Rußland. M. F-d. Aus Asten (Or. - Corr.) lieber die Aufhebung oder Erhaltung des Ansiedelungsrayon der Juden hat in der sog. „Petersburger Judeucommission", wie aus sicherer Quelle das hochofficiöse „Journal de St. Petersbourg" zu berichten weiß, am 4. Febr. eine Vorsitzung stattgefunden, wobei das riesige Material geordnet und geprüft wurde. In dieser in aller Stille vorgenommenen Sitzung hat ein erklärter Antisemit vom reinsten Wasser, Fürst N. N., Galicyn ein häßliches Referat unterbreitet, und doch ist er nach einer kurzen und heftigen Debatte zur großen Freude mit seinem Elaborat durchgefallen. Die Resultate dieser Sitzung werden geheim gehalten. Nach dem genannten Blattewar sie eine recht günstige. Die problematische Thätigkeit der sog. „Warschauer Judencommission" ist, wie der „W. D." angiebt, nicht zu ergründen. Sie hat jüngst zwei Juden in die Commission hincingewühlt. Wir haben noch eine „dritte Judencommission" zu begrüßen und willkommen zu heißen. Dem „Rig. Wiestmk" zufolge hat die Regierung in Riga eine Commission daselbst eingesetzt, welche die Ausgabe hat, über die Wohnungs¬ und Gewerberechte der Juden tn dieser Stadt zu berathem und Bestimmungen darüber zu treffen. Daß auch Ihre vielbekämpften Judenfresser Stöcker,. Treitschke und Consorten für Rußland Propaganda zu machen wissen, dafür giebt Ihnen folgende Nachricht den Beweis. Wie ich aus sicherer Quelle entnehme, soll das Ministerium des Innern einen Beamten — unter dem Pseudonym S—zeu — mit dem Aufträge nach Berlin, der Vaterstadt des Antisemitismus, diese Bewegung bezüglich der „Judenfrage" zu studiren, geschickt haben, wo er von den genannten Koryphäen des Antisemitismus unterrichtet wurde. Er ist nun von seinem Studium zurückgekommen und hat dem bezeichneten Ministerium die Resultate seiner Belehrung zugcstcllt. Das Ministerium hat unter sich die betreffenden Acten geprüft und dieselben mit seinem Votum der „Pahlen'schen Judencommission" zur Explanation zugestellt. Die gegenwärtig tagende Plcnar-Versammlung des dirigirenden Senats beschäftigte sich unter Anderm auch mit einigen Angelegenheiten berreffs der Rechte der Juden. In diesen Tagen wird die Klage der Kinder der jüd. ausgedienten Soldaten alter Ordnung, die nach der jüngsten Verfügung aus der Residenz ausgewiesen werden, entschieden. Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Wie der „Berliner Börsen-Courier" und andere Blätter berichteten, feierte am 8. d. M. Herr B. W. Klausner in Berlin mit seiner Gattin Pauline in geistiger und körperlicher Frische und Rüstigkeit das Fest der goldenen Hochzeit. Die Feier, die nur im engsten Familienkreise statt- '“T8*