Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 12. (18.3.1886)
- Date
- 1886-03-18
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
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Nun strömte die ganze große Schaar der Versammelten wohl geordnet in das herrliche Gotteshaus, während ein ergreifendes Präludium auf der prachtvollen Orgel den Einzug feierte. Während des nun stattfindenden Umzuges der Gemeinde-Aeltesten mit den Thorarollen stimmte der Kantor Herr Feibelmann mit mächtiger Stimme, begleitet vom Synagogenchor, die üblichen Gesänge an. Die Thorarollen wurden eingehoben, die heilige Lade geschlossen. Ein tief empfundenes Dankgebet folgte vom Rabbiner, hierauf Gesang, dann die Festpredigt, die den Texc ansführte: „An diesem Orte will ich Frieden geben". Es würde zu weit führen, wollten wir hier die inhaltreiche und zündende Predigt wievergeben. Nur soviel fei gesagt, daß auch nichtisrael. Zuhörer von derselben tief ergriffen und begeistert davon gingen. Ebenso müssen wir rühmend hervorheben, daß die Betheiligung seitens der hohen Beamten — auch die Protest. Geistlichkeit war erschienen — eine sehr rege war und daß zur Ehre des Tages sehr viele Fahnen von den Häusern der Nichtisraeliten herabwehten. An demselben Abend vereinigte alle Gäste eine Reunion, bei der Toaste auf den König, auf die Curatellbehörde, auf die Stadt, auf die Gemeinde und den Rabbiner u. s. w. ausgebracht wurden. Nach dem Gottesdienste an dem darauffolgenden Sabbath, bei dem, wie auch am vorhergegangenen Abendgottesdienste, die vom Kantor F. in wahrhaft erhebender und ergreifender Weise ausgeführten Gesänge, unterstützt von dem sehr gut geschulten Synagvgenchor, nicht wenig zur Erhebung und Begeisterung beitrugen, wurde unserm Rabb. bei Gelegenheit „eines Frühschoppens" vom Vorstande der Gemeinde als Anerkennung für seine Thätigkeit ein selten schöner Pokal überreicht. Am Abend vereinigte ein solenner Ball die Festgäste. Hervorheben wollen wir noch, daß die hieß Stadtverwaltung in hochherziger Weise eine jährliche Subvention von M. 500 für die Dauer des Baues bewilligt hat. Somit besitzt die Gemeinde, welche als die größte der Pfalz dasteht, auch das herrlichste Gotteshaus. ' —r. E. Aienöurg a d. W., 9. März. (Or.-Corr.) Am vergangenen Sonntag, den 7. d. M., feierte unser Vorsteher, Herr Jonas Valentin, seinen 70. Geburtstag. Schon am Sabbath vorher wurde in der Predigt mit Anknüpfung an den Midrasch des Wochenabschnitts fTUlDK WK mmn 3-1 (Spr. Sal. 28,20.) der treuen, selbstlosen Führung wie des reichen Segens gedacht, den dieser Ehrenmann während seiner zwanzigjährigen Amtsführung als Vorsteher der Gemeinde ausgestreut hat. — Sabbat Abend brachte die „Liedertafel" ein Ständchen. Sonntag früh 10 Uhr versammelten sich die Repräsentanten und der Lehrer der Gemeinde im Hanse des Jubilars zur Gratulation. Herr Lehrer Eckmann hielt eine Ansprache, die den Jubilar sichtlich tief ergriff. Das Wort „der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt" treffe bei ihm ganz und voll zu, denn gleich selbstlos habe der Jubilar sich überall erwiesen, sei es in R§th und Thal zum Besten der Stadt, zum Wohl der Gemeinde, zur Linderung der Noth oder zur Stütze des Privatmannes; immer habe er das Beste, was er geben könne, gegeben, nämlich sich selbst. Darum der volle Dank der Gemeinde wie jedes Einzelnen. Aber die dankbare Gemeinde wollte das mündliche Dankesvotum auch mit dem reellen Hintergründe eines sichtbaren Gepräges ausstatten. Es wurde darum nach der Ansprache dem Herrn Vale nt in eine kalligraphisch^ ausgeführte Adresse vorgelesen des Inhaltes, dag eine Sammlung in der Gemeinde und bei den aus Nienburg Verzogenen, die zu unserer Gemeinde aber in Beziehung geblieben, einen Ertrag von 500 M. ergeben habe, die einen Grändstock bilden sollen zu einem Fonds zwecks Erbauung einer Friedhofshalle; diese soll den Namen „JonasVa len ti n- Stiftung"tragen, damit „das nachgeborene Geschlecht erfahre", was H. V. der Gemeinde gewesen und was diese ihm ru verdanken habe, und daß seinem Namen ein dauerndes Gedächtniß gesichert sei. Mit dieser Stiftung wird ein Lieblingswunsch des H. V. erfüllt, denn der Verschönerung des Friedhofes war seine unausgesetzte Thätigkeit gewidmet. Der „gute Ort" ist in der That unter seiner Aufsicht ein „schöner Ort" geworden. Der Vorstand des D.-J. G.-B. hatte im Namen des Bundes seinen Delegirten mit einer inhaltlich wie kalligraphisch gleich schön ausgestatteten Adresse erfreut und zu Ehren 'und bleibendem Gedächtniß desselben in Nienburg eine „Valentin-Bibliothek" gestiftet, indem er einen Stamm Bücher von 51 Nummern gleich mitsandte. Die Bücher sind selbstredend zur Belehrung über das Judenthum: unter denselben befindet sich Wünsche's Uebers. der Midraschim. Der allbeliebte Jubilar in seiner bescheidenen Anspruchslosigkeit war herzlich erfreut und tief gerührt von allen Beweisen der Aufmerksamkeit und Hochachtung, die, wenn einem, ihm gebühren. Ein großer Theil der Familienmitglieder war an seinem Ehrentage um den Jubilar versammelt, die ihn mit allerlei sinnigen Geschenken und Blumenspendell erfreuten. Daß es an brieflichen und telegraphischen Glückwünschen nicht gefehlt hat,' braucht wohl kaum bemerkt zu werden. Wir erwähnen nur der Glückwunschschreiben der Herren Landrabbiner Or. Grone mann- Hannover und vr. Salfeld-Mainz. Herr V. bat sich, wie um die Gemeinde, so auch große Verdienste um die Stadt in 17 jähriger Wirksamkeit als Bürgervorsteher erworben. Durch seine Vermittelung ist der Stadt manches ansehnliche Legat zugeflossen. Noch einer schönen Tugend dürfen wir nicht unerwähnt lassen, das ist sein Sinn für Wohlthun. Der Mann, der für seine Person fast gar keine Bedürfnisse kennt, ist im Geben unermüdlich, sodaß man mit Daja ausrufen möchte: „Wenn ihr nur schenken könnt!" — Gott erhalte und schütze unfern Jubilar und gebe ihm noch viele Jahre dauernder Gesundheit und freudigen Schaffens. Stettin, 12. März. (Or.-Corr.) Als der Verfasser des Berichts in der letzten Nr. Ihres geschätzten Blattes über das 32 jährige Bestehen unseres Waisenhauses die Bemerkung schrieb: „Das verflossene Jahr habe keine Zwischenfälle aufzuweisen", dachte er wohl kauin daran, daß, bevor derselbe noch zum Abdruck gelangt, ein unerwarteter, für das Waisenhaus tief einschneidender Vorfall sich ereignen, daß der Tod der segensreichen Thätigkeit des Warsenvaters Herrn Rosen bäum ein Ziel setzen würde. Zehn Jahre hat der Dahingeschiedene als Vater in des Wortes edelster Bedeutung dem Waisenhause vorgestanden und die verwaisten Kinder haben unter seiner, wie seiner im Tode ihm vor nicht langer Zeit vorangegangenen edlen Gattin treuen Pflege und Obhut eine Heimstätte in dem Hause gefunden, die ihnen das Elternhaus vollständig ersetzte. Nach 23 jährigem segensreichen Wirken als Cantor, Lehrer und Prediger der Synagogen-Gemeinde in Greifenhagen zum Leiter an das hiesige Waisenhaus berufen, verstand er es alsbald, sich die Hochachtung seiner Vorgesetzten, wie die unbegrenzte Liebe sämmtlicher Zöglinge zu erwerben. Selbst Vater einer größern Anzahl wohlgerathener und gebildeter Kinder, die ehrenvolle Stellungen in der menschlichen Gesellschaft einnehmen, übertrug er seine echte väterliche Liebe auch auf die ihm anvertrauten Waisen, die zu ihm wie zu einem wahren Vater in kindlicher Ehrfurcht emporblickten. Neben seinem sonst reichen Wissen, auch mit vielem pädagogischem Geschick ausgerüstet, verstand er es vortrefflich, die Liebe des Vaters mit der nöthigen Strenge des Erziehers zu paaren und, der Individualität der verschiedenen Charaktere seiner Zöglinge Rechnung tragend, war es ihm möglich, dieselbell für ihren künftigen Beruf würdig vorzuberesten. — Aber nicht nur das Waisenhaus, auch die Gemeinde verliert in ihm einen tüchtigen, vorzüglich bewährten Lehrer unserer Religionsschule. Mit seltener Hingabe war er bemüht, unserer Jugend, der ja leider heut zu Tage so wenig Zeit für den Religionsunterricht übrig bleibt, so viel als möglich beizubringen und verwandte eine ganz besondere Sorgfalt für die Erlernung des correcten Lesens. Beneidet habe ich seinen selten schönen