Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 11. (11.3.1886)
- Date
- 1886-03-11
- Page
- Seite 88 (sequence 6)
- Language
- German
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- 88 — Freuden der allgemeinen Menschenliebe hingegeben und nun kommt der — Antisemitismus. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit. die Gleichheit der Staatsbürger gilt ihm nichts, er kehrt lieber in das Chaos zurück, er will lieber auf die paar Staatsgrundgesctze verzichten, wenn er nur den Juden schimpfen und hassen kann. Sehen Sie sich nur die antisemitische Agitation an. In Büchern wird aufgehetzt: bei Juden nichts zu kaufen, die Juden aus der Gesellschaft auszuschließen. Die Antisemiten heben immer nur die Fehler Einzelner hervor und machen hiefür die Gesammtheit verantwortlich, anstatt den Juden durch Gleichstellung mit den übrigen Bürgern die Wege zu ebnen. Sehen Sie nach Frankreich, wo im Jahre 1885 in der dortigen Armee 5 Generale, 5 Obersten, 25 Bataillonsärzte, 227 Offiziere Juden sind. Also nicht durch Verfolgung, sondern durch die Freiheit werden die Juden die Fehler verlieren, welche vielleicht in unangenehmer Weise hervortreten. Kaiser Joseph habe dasselbe Princip schon im vorigen Jahrhundert ausgesprochen. Ich wünsche, daß sich die gesunden Elemente aller Nationen, aller Confessionen die Hände bieten zur Unterdrückung der antisemitischen Allüren, damit durch dieselben nicht die Geister verwirrt, nicht die Herzen und Gemüther verroht werden, und damit nicht nach Jahren und aber Jahren ein Dichter etwa in Bezug auf die Bewegung und die Verkümmerung der Gemüther so singen und sagen möchte, wie Klopstock in seiner Ode an Kaiser Joseph: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht." (Haase wurde nicht nur von seinen Parteigenossen, sondern auch von Mitgliedern der Rechten mehrfach beglückwünscht.) RriMand. lU. F-d. Aus Aoken. (Or. - Corr.) Das schwedische „Judcnreglement" vom Jahre 1782 (26. Januar), wonach, als Finnland noch zu Schweden gehörte, die Juden in Finnland kein Niederlassungsrecht besäßen, welches noch bis auf heute seine Geltung behalten haben soll, soll demnächst abermals in dem diesjährigen finnischen Landtage in Hel singfors zur Verhandlung kommen. Bekaulitlich hat sich mit dieser Frage, ob jenes Reglement noch für Finnland Gesetz sei, der Landtag vom vor. Jahre beschäftigt und die Entscheidung auf die gegenwärtige Session aufgeschoben und darauf eine spezielle Prüfungscommission für diese Angelegenheit von den 4 Ständen eingesetzt. Diese sprach ihr Gutachten dafür aus, daß das alte Niederlassungsverbot noch heutigen Tages rechtsverbindlich für Finnland, weil es mehrere Male durch neue Verordnungen anerkannt sei (!!). So soll also jetzt den in Finnland domicilirenden Juden, 619 Familien in der Zahl, mit einziger Ausnahme der jüd. daselbst garnisonirenden ausgedienten Soldaten, denen nach der Bestimmung von 1858 in Finnland zu wohnen und Gewerbe zu betreiben gestattet ist, der Aufenthalt in Finnland versagt werden. Dieser tiefeinschneidenden drohenden Gefahr gegenüber gewährt jedoch eine Mittheilung von officieller Seite eine freundlichere Aussicht. Wie der Petersburger „Nowosti" meldet, wird im finnischen Landtage eine Massen - Petition für die in totum „vollständige Gleichstellung" der Juden mit den übrigen Finnländern eingebracht werden. Die gesammte finnische Presse tritt warm für diese Petition ein, desgleichen die Stände (Ritterschaft und Bürger). Der human gesinnte Gouverneur Finnlands äußerte in der letzten Landlagssession, daß die Beziehungen zwischen Christen und Juden die besten, und Gesetzesverletzungen seitens der Juden hier selten seien; voraussichtlich wird derselbe auch die Gleichstellung befürworten. _ (Schluß folgt.) Vermischte und neueste Nachrichten. Magdeburg. Die auch von uns gebrachte, einem jüdischen ungarischen Blatte entnommene Notiz von einem isr. Bataillon in der bulgarischen Armee und der besondern Auszeichnung des Lieutenannt Mizrachi wird nunmehr vom Oberrabbiuer in Sofia, Herrn Gabriel Abraham Almosnino (im „Hameliz") als Ente bezeichnet und aus folgendes Thatsächliche zurückgeführt: „die Wahrheit ist, daß die isr. Soldaten, in den verschiedenen bulgarischen Compagnien vertheilt. sich sehr brav gehalten und mehrere von ihnen militärischen Medaillen als Auszeichnungen empfangen haben, aber sie standen nicht unter dem besondern Oberbefehl eines jüd. Lieutenants; der Name „Mizrachi" ist erfunden". Hkeiwitz, 9. März. (Or.-Corr.) Vor einigen Wochen wurde Herr vr. W. Münz von der Gemeindevertretung definitiv zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewühlt. Die erste Mittheilung von dem an demselben Tage gefaßten Beschlüsse machte der Vorsitzende des Repräsentanten-Collegiums, Herr Sanitätsrath vr. Freund, bei dem Festessen der Chebra Kadischa und wurde dieselbe von den Versammelten mit aufrichtiger Freude und großem Jubel ausgenommen. In diesen Tagen ist nun auch die Nachricht von der Bestätigung der Wahl durch das Kgl. Ministerium hier eingetroffen. Dessau, 5. März. (Or.-Corr.) Wie seit der Mendelssohn-Jubiläumsfeier, bei welcher der Herzog sich anerkennend über die Predigt des hies. Rabbiners vr. Weiße aussprach,, allgemein erwartet wurde, ist Letzterer nunmehr zum Landesrabbiner für das Herzogthum Anhalt ernannt worden und hat bereits heute den Eid als Staatsbeamter in die Hände des Ministers geleistet. Aus der Staatskasse wird eine beträchtliche Subventiou zum Gehalt des Landesrabbiners gezahlt, der die Verpflichtung übernimmt, die Gemeinden des Herzogthums, die keine eigenen Rabbiner haben, jährlich mindestens einmal zu inspicircn. (Bis zum Tode des sel. Or. Herxheimer war der Sitz des Landrabbinats in Bernburg, der Landtag hielt es aber für geeigneter, denselben jetzt n ach der Hauptstadt des Landes zu verlegen.) — Für das hier zu errichtende Mendelssohn-Denkmal sind bis jetzt ca. 20.000 Mark eingegaugen. ßoethen. Der hiesige Rabbiner Herr A. Rosenthal ist für die vacante Rabbinerstelle in Rogasen gewählt worden. Aus Ketsenkirchen wird berichtet: Am Abend des 9. October v. I. wurde in der hiesigen Synagoge Gottesdienst abgehalten. Während desselben erschien in der Synagoge der Handelsmann Otto K. von Bulmke und störte den Gottesdienst durch wiederholtes lautes Rufen. Auf Grund des § 167 Straf.-G.-B. traf den K. seitens der Strafkammer zu Essen eine Gefängnißstrafe von 14 Tagen. Langensalza hat nach der letzten Volkszählung 10,901 Einwohner, darunter nur einen Israeliten. Viele Jahre hindurch hatte unsere Stadt gar keinen israelitischen Bewohner, obwohl hier eine Jüdengasse und ein Jüdenhügel sich befindet. Worek (Posen). Am 25. v. Mts. starb hier der sehr geachtete Kämmerer und Steuereinnehmer Carl Werner. Er verwaltete seine stüdt. Aemter 33 Jahre, und lange Zeit auch das Amt eines Vorstehers der hiesigen isr. Gemeinde. Ueber 1500 Personen der verschiedenen Confessionen folgten dem Leichenzuge. Herr Rabb. Labaschinski hob in der Trauerrede die vielen Tugenden des Verstorbenen, u. A. seine Pflichttreue, Wohlthätigkeit und Friedensliebe, in gebührender Weise hervor. Württemberg. Die gelehrten Schulen des Landes wurden 1885 von 6428(— 72Proc.) evangelischen, 2078 (— 23.2 Proc.) katholischen und 402 (—4,5 Proc.) israelitischen Schülern besucht. Die entsprechenden Zahlen bei den Realschulen sind 5776 — 81,4 Proc.. 997 14 Proc., 312 —4,3 Proc. Da die Zahl der israel. Einwohner Württembergs blos 13 000 — 0.65 Proc. beträgt, so stellen diese eine 6—7sache Zahl ihrer Schüler für die gelehrten Schulen. Stuttgart, 7. März. (Or.-Corr.) Bei dem gestrigen Geburtsfeste unseres geliebten Landesvaters wurde beim Gottesdienst in der hiesigen Synagoge die Bach'sche Motette „Lob und Ehre" gesungen und die Festpredigt vom Kirchenrath Br. v. Wassermann gehalten über l. Chron. 17,27. (Bekanntlich wird der gleiche Text für alle Synagogen des Landes von Sr. Majestät selbst ausgewählt.)