Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 11. (11.3.1886)
- Date
- 1886-03-11
- Page
- Seite 89 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus Krakau kommt die Nachricht, daß das Ehepaar Ritter am 3. d. M. in Folge Auftrages des Cassationshofes freigelassen worden ist. Die Eheleute Ritter sind bekanntlich vor dem krakauer Schwurgerichte dreimal wegen Mordes zum Tode verurtheilt worden. Zweimal hob der Cassations- Hof dieses Erkenntniß auf und ordnete eine neue Verhandlung an. Wie aus der Enthaftung der Angeklagten hervorgeht, hat der Oberste Gerichtshof nunmehr dieselben freigesprochen. Dieses Erkenntniß, das in geheimer Sitzung gefällt wurde, konnte nach der Strafproceß-Ordnung nur einstimmig und mit Zustimmung des Generalprocurators erfolgen. Die Eheleute Ritter wurden am 10. März 1882 in Haft genommen; nahezu vier Jahre also haben sie die Leiden des Gefängnisses und die Aufregungen der gerichtlichen Procedur erduldet, bis der Sieg des Rechtes ihnen die Freiheit gebracht hat. — Es handelte sich in diesem Prozesse um die albernste aller fanatischen Anklagen, um die Anklage wegen rituellen Mordes: Juden sollten Christenblut zu Cultuszwecken gebraucht haben. Aukarest Üm die Leere auszufüllen, welche durch die Ausweisung der jüdischen Publicisten entstanden, giebt Herr Rabbiner vr. B e ck ein zweimal monatlich erscheinendes Journal „Revifta Jsraelita" heraus. Die erste Nummer enthält eineListe der seit dem Berliner Vertrag naturalisirten Juden, 6 7 an der Zahl. Der Unterrichtsminister Herr Sturdza hat ein neues Mittel ersonnen, um den jüdischen Kindern die Theilnahme am Unterricht zu verkümmern.. Er hat dem Parlament einen Antrag vorgelegt, der das Erheben einer besonderen Steuer von fremden, d. h. israelitischen Kindern, welche die öffentlichen Schulen besuchen, bezweckt. Land»». Hier ist eine kleine Spaltung in der Gemeinde zwischen den englischen und deutschen Juden entstanden. Die deutschen haben am 17. Januar unter Assistenz des Herr vr. Adler, durch das Parlaments-Mitglied M. S. Montagu, den Grundstein zu einer besonder» Synagoge gelegt. Herr Baron Rothschild hat aber die Bitte um einen Beitrag zurückgewiesen, mit der Motivirung: Ec kenne keinen Unterschied zwischen englischen und deutschen Juden! — (Anm. d. R. W.s sagen die deutschen Antisemiten zu diesem mit Anfeindung verbundenen Festhallen der deutschen Juden an ihrem Deutschlhume?) Paris. In der Commission, welche von der Kammer zur Abschätzung der Kroudiamanten ernannt morden ist, bcsindet sich auch unser Glaubensgenosse, Herr Emil Vanderheym. — Herr Baron Hirsch hat das Defieit der Allianz Jsr. Univ. im Betrage von 52,227 Fr. 40 Cent, auch in diesem Jahre wieder übernommen. Wietto. Hier kamen einige Bauern in die Schänke eines Israeliten und verlangten umsonst Getränke. Da der Wirth sich weigerte, wurde er sehr mißhandelt. Die Frau, die ebenfalls augefallen war, eilte zu dem in der Nähe wohnenden Geistlichen und bat ihn um Hilfe. Dieser kam, hielt den Gewaltthätigen eine ernste Strafpredigt, die ihnen auch zu Herzen ging, so daß sie sich entfernten. — Alle Ehre einem solchen Geistlichen! — Jerusalem. Die Häupter der Sephardim drohen dem „Zewi", den sie in den Bann gelegt, ihn, wenn er nicht seinem Kampfe gegen die Vorschubleistung, die der Missions- Gesellschaft durch die Knickerei der Sephardim erwächst, einstellen werde, bei der türkischen Regierung zur Anzeige zu bringen, alias zu verleumden. Der wackere Zewi läßt sich durch diese Drohung wenig einschüchtern. Er scheint zur Gerechtigkeit der türkischen Regierung mehr Vertrauen, als zu der der sephardischen Chachams zu haben, was freilich — tief blicken läßt". (Anm. der Redactiou. Nach unseren europäischen Begriffen ist der Kampf des „Zewi" ein höchst berechtigter, und das Verhalten der Sephardim eine Schmach sür's Judenthum. Haben denn die Herrn Collegen rc., die aus Deutschland so viel Geld nach Jerusalem schicken, gar keine Connexionen in Jerusalem um die Ehre der heiligen Stadt zu retten?) Jerusalem. Nachdem das Ausbleiben des Regens uns so lange geängstigt hatte, hat es nun ausreichend geregnet. Von Atlanta (Süd - Amerika) berichtet der „Univers": „Die Israeliten sagen sich los von ihren Ceremonien; die Christen nehmen sie auf. Unser Schochet ist ein sehr orthodoxer alter Mann, wurde von einem Redacteur der „Constitution", des Hauptblattes der Südstaaten interviewt und es erschien ein langer Artikel in derselben über Schechita und Bedika. In Folge dessen wird hier 5 Mal mehr koscher Fleisch verkauft, als früher, und zwar an Christen. — Etwas noch Ueberraschendcres: unser Kantor erzählt, er habe als „Mohel" 2 Mal so viel Kundschaft unter den Christen, wie unter den Juden. Die Aerzte unserer Stadt empfehlen nämlich^ alle diese Operation". (Ist wohl etwas Humbug dabei! Red.) Mittheilungen aus dem U. O. B. B. Magdeburg, lieber die Aufnahme der Juden in den Freimaurerorden sind wir in der Lage, folgende authentische Mittheilungen zu machen: Der Streit um die Aufnahmefähigkeit der Juden in die deutschen Freimaurerlogen dauert schon über 6 Jahrzehnte. Während diejenigen Logen in Deutschland, welche nach dem Schröder'schen System arbeiten (Schauspieldireetor Schröder in Hamburg hat die Hochgrade abgeschafft und nur die 3 Johannisgrade: Lehrling, Gesell und Meister, beibehalten), Juden seit dem vor. Jahrhundert aufuehmen. entstand in den Logen des eklektischen Bundes (süddeutsches System, zuerst 1823 eine Spaltung in Juden und Christeir. Die Christen traten aus und ließen bte Juden allein, die sich aber isolirt nicht halten konnten. In bcu vierziger Jahren gelang es den Juden, die Emaneipation im eklektischen Bunde durchzusetzendas Ritual wurde von christlichen Anklängen gereinigt und Juden auigenominen. Am längsten haben sich die Logen des schwedischen Systems gegen die Aufnahme der Juden gewehrt. In neuerer Zeit wird d i e Praxis beobachtet, daß man zwar selbst keine Juden aufnimmt, aber anderweitig aufgenommenen den Zutritt zu den „Arbeiten" gestattet. Durchaus exclusiv verhält sich die große Laudesloge von Deutschland. Berlin. Ist ein Gebet am Grabe als Leichenrede zu betrachten oder nicht? — über diese Frage, die ja für unfern Orden auch manche Berührungspunkte hat. bat das Kammergericht eine interessante Entscheidung gefällt. Ein Methodistenprediger hatte bei einer Beerdigung ein Gebet verlesen und war auf Grund einer Polizeiverorduung, nach welcher Laien nur mit Erlaubniß des zuständigen Pfarrers Leichenreden halten sollen, angeklagt worden. In erster Instanz freigesprochen, in zweiter verurtheilt, hätte er an's Kammergericht appellirt, welches end - giltig auf Freisprechung erkannte, mit der Begründung, daß das Verlesen oder Sprechen eines Gebetes nicht als „Rede" im Sinne des Gesetzes erachtet werden könne. Aus Rumänien. Der Präsident der Freimaurerloge „Bitoriul" in Bottuschani erklärt mit Bezug auf die unter Jassy in vor. Nr. gebrachte Correspondenz: Unsere Loge zählt zu ihren Mitgliedern auch einige der geachtetsten Juden, z. B. vr. Henry Jarim, sogar unter den Beamten der Loge sind Juden, wie der Großhändler Joseph Abrahamoviez. Was noch mehr ist, in den wenigen Jahren des Bestehens unserer Loge ist der Eintritt in das Innerste derselben einem Juden nie verweigert worden; sie wird niemals die unedlen Grundsätze bekennen, welche man ihr unterschiebt. Haben Sie die Güte, diese Widerlegung auch zu veröffentlichen und genehmigen Sie, Herr Redacteur, meine vorzüglichste Hochachtung Grigori Goilav, Meister vorn Stuhl der Loge „Bitoriul". (Dieser Brief beweist, daß es — woran wir keinen Augenblick gezweifelt — auch in Rumänien in den Reihen der christlichen Gesellschaft an vorurtheilslosen, Gerechtigkeit liebenden Männern von Einfluß nicht fehlt. Mögen dieselben ihre Stimme für die gerechte Sache laut und wiederholt vernehmen lassen, damit der vollen Gleichberechtigung der Juden der endliche Sieg zu Theil wird. Red.) Amerika. Die in Atlanta vom 7. bis 10. Februar tagende Distrietsgroßloge Nr. V beschloß die Errichtung eines Waisenhauses in einer der drei Städte Atlanta, Richmond oder Washington. Die Ortsfrage soll im Januar 1887 entschieden werden und zwar für diejenige der genannten drei Städte, welche die günstigsten Propositiouen machen wird. Die nächste Zusammenkunft soll in Baltimore stattfinden. Rew-Bork. Einem Berichte der dem Orden B'nai-B'rith zugehörigen Maimonides-Bibliothek entnehmen wir folgende Notizen: Dieselbe enthält gegenwärtig 3000 Bände, wovon 2709 sin letzten Jahre angeschafft wurden; 4708 Mitglieder benützen in dieser Zeit das Lesezimmer sowohl als die Bibliothek; es machte sich in der letzten Zeit eine erfreuliche Nachfrage nach wissenschaftlichen Werken geltend, welche besonders von jungen Leuten in der Verfolgung ihrer Studien benützt werden, während sich in der Nachfrage nach Novellen eine bemerkliche Abnahme kundgab. Jedenfalls ein Beweis für das durch den Orden geweckte Interesse für jüd Wissenschaft. San FranziSco. Hier tagte am 24. Januar er. die Distriet»- Großloge Nr. IV. Die Präsenzliste ergab die Anwesenheit von 110 Dclc girten. H. S. Zekind wurde zum Präsidenten gewählt, H. Louis Blank zum Seeretär.