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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-03-11 · N° 11. (11.3.1886) · p. Seite 87

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 11. (11.3.1886)
Date
1886-03-11
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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— 87 — aus der Nähe und Ferne Verwandte und Freunde herbeigeeilt waren, ein höchst imposantes, noch selten hier gesehenes war. Herr Dr. Goldschmidt gab der allgemeinen Trauer beredten und warmempfundenen Ausdruck. Wiesbaden Der 15. Rechenschafts-Bericht über den israelitischen Unterstützungsverein zu Wiesbaden für das Jahr 1885 liegt uns vor. Wir ersehen aus demselben, daß der Verein im verflossenen Jahre 29 neue Mitglieder gewonnen hat und jetzt 113 zählt, ein Beweis von dem Wohlwollen, das ihm unsere Gemeindemitglieder entgegenbringen, wie es ja auch ein solch' philanthropischer Zweck verdient. Die Einnahmen balancirten mit den Ausgaben in einer Höhe von M. 4471,03. Zur Vertheilung gelangten 2841 M., davon an Unterstützungsbedürftige im Orte selbst nur 1023, an Arme der Umgegend 248 M., an fremde Arme und Kranke 1 5 70. Hervorhebenswerth ist, daß die städtische Kurkasse dem Vereine 600 M. als Beitrag zukommen ließ. Das Gesammtvermögen des Vereins bezifferte sich am 1. Januar 1886 auf M. 8032,28. Wir wünschen dem segensreich wirkenden Verein ferneres Gedeihen. Arankfnrt a. W, im Februar. (Or.-Corr.) Mittwoch Abend, am 17. d. M., hielt Herr Professor Beyer aus Stuttgart im hiesigen „Zweigverein für ein internationales Friedensgericht" einen inhaltreichen Vortrag über Völkerrecht und Völkerfrieden, worin er zunächst die allgemeine Gerechtigkeit gegen jeden Menschen als die Grundlage für das allgemeine Völkerrecht darstellt, woraus sich dann der internationale Völkerfriede entwickeln muß. Dabei hielt der Vortragende eine historische Uebersicht der alten Völker und ihrer gegenseitigen Könige und hob unter anderen die Aussprüche der beiden biblischen Testamente über die Menschenliebe hervor, wobei er auch den Vorzug des neuen nach Math. 5,43 dem alten gegenüber 3. M. 19,18 bezeichnete. Sein sonstiger Vortrag wurde von den Anwesenden sehr beifällig ausgenommen und zeichneten sich Alle*) als Mitglieder des Vereins ein. — Hierauf sprach ich den Herrn Prostssor wegen der erwähnten Stelle in der sogenannten Bergpredigt des neuen Testamentes „und Deinen Feind hassen", daß dieser Zusatz unrichtig oder gar gefälscht ist! denn man wird im alten Testamente keine-Stelle finden, worin Feindeshaß erlaubt oder gar geboten wäre. Im Gegentheil gebietet das mosaische Gesetz mehrmals, dem Feinde alle Wohlthaten zu erzeigen, wie jedem andern Menschen z. B. 3. M. 23,4 und 5 und Sprüche 25 und 21. Entweder sei jener falsche Zusatz dem Pathos des Predigers zuzuschreiben, wie dergleichen überschwängliche Gegensätze dort mehrere Vorkommen (vergleiche z. B. V. 29 und 30, dann 39 und 40.); oder es ist jener Zusatz eine später eingeschobene Glosse, was selbst Luther in seiner Erklärung (in der Bibelausgabe, Tübingen im I. 1729) bei dieser Stelle andeutet. Hätte jedoch Jesus selbst einen Gegensatz aufstellen wollen, so konnte er sich nur auf die mosaische Stelle (3. M. 19,17) beziehen und wurde später das Wörtchen „nicht" aus fanatischem Eijer ausgelassen. Diese Stelle lautete dann wahrscheinlich: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist, „Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind nicht hassen" rc. denn das Judenthum ist eine praktische Religion der Thätigkeit und nicht der Schwärmerei! Es befiehlt darum unser« Gefühlen nicht das Unmögliche „den Feind so herzlich zu lieben, wie den Freund", aber es gebietet dafür, un>re Gefühle zu beherrschen und dem Feinde nichts entgelten zu lassen, sondern ihm dieselben humanen Liebesthaten zu erweisen.**) *) Ich bin bereits in 2 Vereinen Mitglied, 1. im Thierschutzverein, damit, wenn in demselben die jüdische Schlachtweise angefochten wird, ich dies widerlegen kann; und 2. in dem internationalen Friedensverern in Folge der oben angedeuteten Ursachen. •*) Vergl. hierzu meine „Erläuterungen zu meiner biblischreinen Glaubens- und Pflichtenlehre" Nr. 66. „das Judenthum gebot zuerst den Nächsten zu lieben und selbst dem Feinde wohlzuthun". (Selbstverlag.) Herr Professor Beyer freute sich sehr über diese Erklärung und meines Erachtens müßte jeder jüdische Religions¬ und Confirmandenlehrcr die reifere Schuljugend hierüber aufklären. vr. Benjamin Hochstädter. Arankfnrt a. W. (Forts.) Ueber die Thätigkeit beider Krankenkassen findet sich das nachfolgende interessante Actenstück im Archiv der israelitischen Gemeinde. „Unterthänigster Bericht des v. Jtzstein an Se. Königl. Hoh. den Fürsten Primas. . Jüdische Krankenkassen betr. Bei der dahiesigen Judengemeinde bestehen zwei sogenannte Kranken-Cassen, die ältere und die jüngere; beyde haben ein und den nemlichen Zweck, sie sind zur Unterstützung der leidenden Menschen gestiftet und sind nur in Ansehung der Zeck der Stiftung von einander verschieden. Man kann diese Institute nicht genug loben; aus einzelnen Beyträgen und milden Gaben bestehend, leisten dieselben unendlich viel und erleichtern die G'meinde- und öffentlichen Ausgaben, weil mancher, der im Elend und Krankheitszustano den Staats- Cassen zur Last fiele, dort Pflege und Unterstützung findet. Diese Kcanken-Cffsen, so gemeinschaftlich ihr Zweck ist, wetteifern sehr gegen einander, aber nur allein darauf sind sie eifersüchtig, wer von beyden dem Kranken die beste und wirksamste Hilfe leistet. Zur besseren Begründung der wohlthätigen Anstalt haben dieselben ihre Statuten in Druck gegeben und sind stolz darauf. Ew. Königl. Hoheit, dem Beschützer der Armuth und dem Vater der Leidenden, ein Exemplar zu Füßen legen zu dürfen. Die Vorsteher haben mich gebeten, die Zusendung an Ew. Königl. Hoheit zu besorgen, daher ich dieses andurch vollbringe und Ew. Königl. Hoheit Höchsten Schutz für diese sehr lobenswürdige Anstalten zugleich erbitte. In tiefster Verehrung harrend Ew. Königl. Hoheit unterthänigst gehorsamster * Jtzstein. Frankfurt a. M.. den 12. Juni 1810. Der Fürst rescribirte auf diesen Bericht eigenhändig die folgenden Worte: Ich bitte beiden Gesellschaften nebst freundlichem Gruß zu sagen, daß Ich ihre wohlthätige Gesellschaftsverträge mit innigstem Vergnügen lese. Der Allmächtige segne diese wohlthätige Absichten. Herzlich werde Ich Mich erfreuen, wenn Ich diesen würdigen Männern Beweise meiner Hochschätzung geben kann. Hanau, den 17. Junius 1810. Carl. Am 1. Juni 1823 wurden nochmals von den Verwaltungen der alten und der neuen israelitischen Männer-Krankenkasse neue Statuten beraihen und beschlossen und gleichlautend für eine jede dieser Anstalten in den Druck gelegt. (Schluß folgt.) Qesterreich-Ungarn. Wien, 5. März. Bei Berathung über die Börsensteuer in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses nahm Superintendent Theodor Haase das Wort, um mit dem ganzen Aufwande [eiltet glänzenden und blendenden Beredtsamkeit den Antisemitismus zu geißeln und das Treiben seiner Anhänger zu beleuchten. Er sagte u. A.: „Der Antisemitismus ist die Verleugnung der Bildung und der Cultur unserer Zeit, die Verleugnung der allgemeinen Menschenliebe, die Verleugnung der Sittlichkeit und Christlichkeit. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen. Ruf von der Antisemitenbank: Er wird zum Ehrenjuden ernannt.) Ich werde auf die Einwürfe von dieser Seite nicht antworten. Wir sind in unserer Jugend in den Traditionen der allgemetnen Menschenliebe aufgewachsen, man hat uns gelehrt die Achtung für die Mitmenschen aller Nationen und aller Confessionen. (Abg. Prior Posielt, der Nestor der Verfassungspartei und gewesener Alterspräsident des Hauses, stimmt tiefbewegt den Ausführungen Haase's zu.) Das ist uns in unserer Jugend gesagt worden. Wir haben mit Stolz die Glaubens- und Gewissensfreiheit auf unsere Fahne geschrieben, wir haben uns mit

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