Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 11. (11.3.1886)
- Date
- 1886-03-11
- Page
- Seite 86 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Oberschlesiens sich geltend zu machen. Die Meisten der Ausgewiesenen haben zunächst sich bittend an die preußischen Behörden um Aufschub gewandt und ist auch — so viel wir wissen — fast allen Bittstellern die Frist zur Auswanderung bis zum 1. April erstreckt worden. Nichtsdestoweniger gerathen Viele der Ausgewiesenen in die peinlichste Verlegenheit. Nachdem sie kaum die großen Mühen und Kosten der Übersiedelung überstanden haben werden, wird das Pessachfest in der Fremde ihnen, abermals nicht unbedeutende materielle Opfer auferlegen, ihnen, die in der neuen Heimath noch nicht festen Fuß gefaßt haben werden, die mit begründeter Sorge in die wenig hoffnungsfreudige Zukunft schauen. Manche haben die Nachsicht der Behörden zum zweiten Male angerufen und um ferneren Aufschub gebeten. Der Erfolg ist abzuwarten und erscheint mindestens zweifelhaft. Die Gemeinden Königshütte, Kattowitz, Nicolai und Soh rau mußten resp. müssen ihre ausländischen, nicht naturalisirten Cultusbeamten entlassen. Die Gemeinden Königshütte, Nicolai und Sohrau suchen bereits Ersatz für die scheidenden oder ausgeschiedenen Beamten. Die Reclamation der Gemeinde Gleiwitz im Interesse ihres Rabbiners war, wie bekannt, von günstigem Erfolge gekrönt. Letzterem ist die Fortführungsei ner amtlichen Tätigkeit in Gleiwitz gestattet worden. (S. unter „Gleiwitz" Red.) Wie wir hören, soll auch der mit der Ausweisung bedrohte Beamte der Gemeinde Kattowitz einen günstigen Bescheid von der Behörde erzielt haben. Der über 20 Jahre in Königshütte fungirende Cantor Broder, Vater von 12 Kindern, hat an höchster Stelle ein Gnadengesuch eingereicht, das die Bitte enthält, mit Rücksicht auf alle hier in Betracht kommenden Verhältnisse die Ausweisung aufzuheben. Die Bemühungen der Gemeinde Nicolai, ihren ausländischen Beamten, der zur vollsten Zufriedenheit der Gemeinde seinen amtlichen Verpflichtungen 21 Jahre obliegt, vor Verlust seines Postens und vor der Auswanderung zu schützen, verfehlten gänzlich ihren Zweck. — Wenn man annahm, daß in Folge der Ausweisungen nunmehr bei Vacanzen von Culms-Beamten-Stellen nur spärlich Meldungen eingehen werden, so trifft dies bei den besser dotirten Stellen entschieden nicht zu. In Königshütte sind nicht weniger als 58 Bewerbungen um den Posten des ersten resp. des zweiten Kantors eingegangen. Daß dort vielfach für die verschiedenen Candidaten agirt und agitirt wird, ist selbstverständlich. Jedenfalls wird Königshütte in allen Tonarten das Thema variiren können: „Wer die Wahl hat, hat die Qual". Als Nachtrag zu den Mendelssohniana, welche die „Wochenschrift" in aller Reichhaltigkeit gebracht, sei hier darauf hingewiesen, daß Herr Muhr in Pleß im Besitze eines Documentes ist, in welchem Moses Mendelssohn bei Stipulirung der hebräisch abgefaßten Verlobungs- und Ehepacten (HT&Wl) als Zeuge sigurirt. Die Schrift ist noch gut erhallen und bekundet die schöne Handschrift Mendelssohns, dessen Vater Thorarollenschreiber gewesen. Stettin. Das hiesige vom sel. Rabbiner Or. Meisel ins Leben gerufene israelitische Waisenhaus kann auf eine 32jährige segensreiche Wirksamkeit zurückblicken. Der Verwaltungsbericht pro 1885 hebt hervor, daß das verflossene Jahr keine besonderen Zwischenfälle aufzuweisen hat und stattet den Ehrenmüttern, den Damen Helene Meyer, Henriette Lisser, Sophie Lehmann, Minna Samuel und Minna Lew in für die Beaufsichtigung des Instituts besonderen Dank ab. Die Einrichtung, daß Herr Rosenbaum die Anstalt als Waisenvater und Frau Matthias deffen Hauswesen als Verwalterin leitet, habe sich bis jetzt bewährt. (Vergl. das Inserat in heutiger Nr.) Von den Zöglingen sind im vergangenen Jahre 3 in das bürgerliche Leben eingetreten und 2 neu ausgenommen worden. — Die Einnahmen betrugen 9457.33 M. (darunter Zinsen 5065 M.), die Ausgaben 9111.41 M. Das Gesammtvermögen beläuft sich auf 412 509.62 M. (1236 M. als im vor. Jahre). Jahresbeiträge (in Höhe von 3—45 M.) entrichteten 275 Mitglieder aus Stettin, 24 aus Berlin und 7 aus Stargard i. Pom., in Summa 3479 M.; Geschenke waren 912 M. und 896 zum Grundfonds eingegangen. Im Waisenhause befinden sich 7 Waisenknaben, 2 Waisenmädchen werden in einer Familie erzogen Worms. Der hiesige israelitische Unterstützungsverein legt in diesem Jahre eine 25jährige segensreiche Thätigkeit zurück. Die Entstehungsgeschichte desselben schildert der uns vorliegende Bericht mit folgenden Worten: „Die hiesigen Israeliten wurden auf's unangenehmste dadurch berührt, daß eine große Anzahl ihrer Glaubensgenossen und darunter zum Theil solche, die durch ihr Aeußeres ein Bild der Verkommenheit darboten und dadurch den Spott und Hohn der Straßenjugend, sowie die abfälligen Urtheile Böswilliger über die jüdische Gesammtheit hervorriefen, die Straßen der Stadt durchwanderten, um bald hier bald dort die Wohnungen der Juden zu erfragen, in welche sie, Unterstützung suchend, eintreten könnten. Dort machten sie ihre Ansprüche geltend ohne Rücksicht darauf, ob sie im Augenblicke störten oder belästigten. Die wenigsten Einwohner fanden Zeit oder waren geneigt, die ihnen vorgetragenen Klagen und die Begründnng der Bittgesuche genauer zu prüfen; man reichte eine Unterstützung, um den lästigen Bittsteller los zu werden. Mancher wurde auch gerührt, wenn ein gewandter Bittsteller in ergreifender Weise von den Unglücksfällen erzählte, die ihn alle betroffen hätten; man spendete eine reiche Gabe, ohne die Richtigkeit des Vorgebrachten zu prüfen und war getäuscht. Mancher wirklich unglückliche Arme konnte es nicht über sich gewinner, mit vielen Worten seine traurige Lage darzulegen und er erhielt eine kleine Gabe, die weder seiner Dürftigkeit noch seiner Würdigkeit entsprach. — Diese Mißstände sollten von Allem beseitigt werden; dann wollte man aber auch die Mittel schaffen, um den wirklich verschämten Armen, die unverschuldet in's Unglück gerathen waren, wirksam helfen zu können. — Ihr Ehrgefühl sollte nicht mehr dadurch gekränkt werden, daß sie nöthig hätten, ihre traurige Lage hier und dort zu schildern, um eine kleine Gabe zu erhalten." Auf diese Weise gelang es, den Haus- und Straßenbettel fast vollständig zu beseitigen. Vorsitzender der Verwaltung ist seit 15 Jahren Herr Rabbiner Dr. Stein; seit Gründung des Vereins gehört ihr bis heute ununterbrochen Herr Salomon Scheuer an. Herr L. Scheftel steht seit 17 Jahren an der Spitze der Vertheilungscommission; Herr Jul. Blü n bekleidet ebenso lange das Kassireramt, Herr Sal. Hüttenbach war unermüdlich für Errichtung eines eisernen Fonds thätig, der sich bereits auf 8624 M. beläuft. Die Einnahmen 1885/86 betrugen ca. M. 2685, während 1300 Gaben mit ca. M. 2780 zu verzeichnen sind. Während der 25 Jahre seines Bestehens hat der Verein die Summe von 67274 M. an Hilfsbedürftige vertheilt. Wir schließen uns dem Wunsche des Berichts an, daß der Verein zu den alten Freunden recht viel neue erlangen möge, damit er in immer ersprießlicherer Weise seine Thätigkeit erweitern kann. „b'DWS 7N bü „Heil Jedem, der vernünftig den Armen spendet!" Weiköurg. (Or.-Corr.) Den 25. Febr. Abends verlor unsere hiesige Gemeinde ein höchst würdiges Mitglied: Herrn Lazar Lazarus, im Alter von 81 Jahren. Es ist derselbe, der vor ungefähr 3 Monaten das Fest seiner goldenen Hochzeit beging. worüber Sie einen kurzen Bericht brachten. Am Abend saß der Verblichene noch gemüthlich mit den Seinen zusammen, um 9 Uhr ungefähr ging er zu Bette, und eine Stunde später war er schon eme Leiche. Trotz des hohen Alters des Verblichenen kam deffen Tod doch unerwartet, denn dieser war immer so frisch und rüstig, daß man allgemein hoffte, der Greis werde noch eine lange Reihe von Jahren in unserer Mitte weilen. Bei der hohen Achtung und Beliebtheit, die der Verblichene hier allenthalben ohne Unterschied der Confession genoß, hat dieser Verlust allgemeines Beileid erregt, wie auch das Leichengefolge, zu welchem.