Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 11. (11.3.1886)
- Date
- 1886-03-11
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 85 meine Absicht gewesen, in dieser Sache gegen Gneist Triumphe zu feiern, so hätte ich ihm Nachweisen können, daß er meine Schriften (ich glaube es handelte sich dabei um englische- Recht) sehr gründlich benutzt hat, — jedenfalls ein Beweis also, daß Herr Gneist auch „bekannte Muster" nicht immer verschmäht —, aber wie wäre mir das eingefallen? Herr Pres. Gneist ist ein hochbegabter, scharfsinniger Mann, ein ausgezeichneter Gelehrter re., der und nur den Fehler hat, daß er ein wenig eitel ist, dennoch bleibt er eine Zierde der deutschen Gelehrtenwelt, das habe ich nie verkannt und das habe ich meinen Freunden gegenüber stets betont und doch kennen sie mich so wenig, daß sie mir gratuliren, wo es mir Schmerz machte, sprechen zu müssen." — Die Moral j hieraus, d. h. zwischen dem Deuker Laskers und Gncists ergiebt sich von selbst, und nach diesem Muster Gneists würde wohl im umgekehrten Falle Eduard Lasker nicht gehandelt haben. - Weber die Schulen der Allianz. III. Herr Pariente hat sehr ausführlich über die Schulen in Bulgarien und Ostrum elien berichtet, wobei ich darauf aufmerksam machen muß, daß die Jnspection vor der Erhebung Ostrumeliens und den folgenden Verwicklungen ftattfand, in deren Folge ein Theil der Schulen geschlossen werden mußte, was jetzt wohl wieder anders wird. Ich will noch ferner bemerken, daß die bulgarische Regierung der Schule sympathisch gegenüber steht und sie zum Theil materiell unterstützt. Es ist auch bekannt, daß der hochgemuthcte, tapfere deutsche Fürst, welcher an der Spitze dieses Landes steht, seine edle Gesinnung auch den Juden gegenüber erweist. Die bulgarischen Juden, welche übrigens, wie die türkischen, meiste ns von Spaniolen herstammen, haben es in dieser Hinsicht viel besser, als ihre rumänischen Glaubensgenossen, welche größtentheils aus Polen und Rußland eingewandert sind. In Sophia, der Hauptstadt Bulgariens, mit einer jüdischen Bevölkerung von 6000 Seelen, unterhält die Allianz eine Knaben- und eine Mädchenschule, erstere von 500 letztere nur von 83 Zöglingen besucht. Das Lccal der Knabenschule, welches der Gemeinde gehört, ist ungeeignet und sehr reparaturbedürftig. Da alle Kinder ausgenommen werden müssen und ein Theil der Gemeinde im großen Elende lebt, so fand Herr Pariente eine Menge von an Hautkrankheiten, Augen- und Halsübeln leidender Kinder. Auf feine Veranlassung wurden 200 kranke Schüler entlassen, die nicht eher wiederkommen dürfen, als bis sie geheilt sind. Der Inspizient klagt über das unzureiche nde Unterrichtsmaterial, welches die Gemeinde liefert, sowie namentlich darüber, daß ein eigentlicher Unterricht nur alt 100 Kinder ertheilt wird, die übrigen werden nur von den eingeborenen Rabbinern, und zwar nur m Hebräisch, bei ungenügender Schuldisciplin unterrichtet. Außer den 10 Rabbinern fungiren an der Schule der Director, zwei Hülsslehrer und ein Lehrer der bulgarischen Sprache. Von dem 17600 Mark betragenden Jahresbudget der Schule trägt die Allianz 3000 bis 4000 Mark^. Herr Pariente hat mit dem Schulvorstande verschiedeueMaßregeln verabredet,welchedenMängeln abhelfen sollen. Die Mädchenschule machte im Aeußern, sowie im Unterricht einen besseren Eindruck als die Knabenschule, obschon sie erst wenige Monate bestand. — Die Vorsteherin der Schule, Fräulein Helene Kohn, deren Schwester, ein Lehrer des Hebräischen und eine Hülfslehrerin bilden das Lehrpersonal. Im Verein mit Frl. Kohn hat Herr Pariente eine Werkstatt für 18 Mädchen organisirt, welche im Zuschneiden, der Confectivn, Leinenarbeit und im Plätten Unterricht erhalten sollen. Die ca. 2000 M. betragenden Kosten soll zur Hälfte die Allianz, zur Hälfte eine locale Gesellschaft tragen. Da es sich hierbei um ganz arme Mädchen handelt, so sollen die Einkünfte der Werkstatt später zur Ausstattung der Schülerinnen verwendet werden. Ebenso hat man mit der Errichtung eines Lehrlingswerkes für Knaben begonnen. (Schluß folgt.) Berichte und Korrespondenzen. Deutschland. Karmsver. (Or.-Eorr.) Gestatten Sie mir in Veranlassung des überaus gründlichen Referats des Herrn Rabbiner Or. Krön er in Brandenburg über die „Gedanken eines Juden" eine Bemerkung, die mir schon lange auf der Zunge schwebt. So sehr ich nämlich auch die Gründlichkeit des gelehrten Herrn Referenten, die ich bereits in seinem „Speis- und Spaßvogel" zu bewundern Gelegenheit hatte, anerkenne, so geschieht doch den „Gedanken?! des Herrn Amtsrichters Simon allzu viel Ehre, durch eine so erschöpfende Beachtung in einem Blatte, wie das „Litteraturbl." Ob der Herr Amtsrichter, wie er irach seinem Vorwort zur zweiten Auflage anzunehmen scheint, durch seine „Gedanken" in den Augen urt Heils fähiger, objectiv denkender Leser seiner Schristchen, sei es bei Freund oder Feind solcher Schritte, gewonnen hat, mag hier unerörtert bleiben. Ich habe keinen gehört, der ihn darum beneidet hätte oder auch nur mit sonderlicher Achtung von diesen „Gedanken" spräche. Ob hier nicht Schweigen klüger gewesen wäre, mag seine Sache bleiben. Wenn aber ein Mann, wie der Herr Amtsrichter Simon, der unseres Wissens niemals eine jüdische Schule, niemals, oder fast nie, den öffentlichen jüdischen Gottesdienst besucht hat, als einziger Sohn eines reichen völlig unabhängigen Juristen und selbst Jurist, der sich um das ganze Eeremonialgesetz wohl niemals viele Kopfschmerzen gemacht hat, zugestandenermaßen aus äußeren Gründen dem Judenthum den Rücken kehrt und für diesen seinen Schritt — für den er so lange es ohne Eclat und weitere Propaganda geschieht, nur sich und seinem Gewissen verantwortlich bleibt — Gründe angiebt, die nur zutreffen würden, wenn er vorher nach orthodoxen Grundsätzen gelebt und unter diesen Schranken gelitten hätte, so frage ich, ob ihm dafür nicht eine ganz andere Antwort gebührt, als ein so gründliches Eingehen auf ein so schwächliches Machwerk als diese „Gedanken!!" Vor etwa 25 Jahren lebte hier ein ein geachteter Philologe, der ebenfalls aus äußeren Gründen übergetreten war Als nun später in einer Bürgervorsteher- (Stadtverordneten-) Sitzung die Liste der für das nächste Jahr in Aussicht genommenen Gerichtsschöffen verlesen wurde, unter denen auch der Gedachte sich befand plaidirte der jüd. Bürgervorsteher, Herr M. A. Behrens, für dessen Verwerfung, nicht aus religiösen, sondern aus ethischen Gründen und fand dafür die breite Mehrheit der Versammlung, Der Name ward gestrichen. — Ich will keine Parallelen ziehen, ich kenne den Herrn Amtsrichter als einen Mann von makellosem Charakter, strenger Rechtschaffenheit und großer persönlicher Liebenswürdigkeit. Aber dieser Motivirung seines Schrittes kann ^ch nimmermehr meinen Beifall zollen. Nach dem Gesagten hoffe ich, wird auch Herr Or. Kroner, mir zustimmen, daß seine in gar vieler Beziehung belehrende Arbeit über diese „Gedanken", tant de bruit pour une omlette ist!*) Aus Hverfchlesien. (Or.-Corr.) Die Wirkungen der Ausweisnngsordres beginnen bereits in vielen Gemeinden *) Niemand wird dem gesch. Herrn Eorrespondenten für seine Bemerkung dankbarer sein, als Herr Dr. Kroner. Wir wollen es nicht verhehlen, daß er selbst die „Gedanken", als wir ihm die Beleuchtung derselben auftrugen, uns gegenüber in gleichem Sinne, wie der Herr Cvrrespondcnt aus Hannover beurtheilte, ja die „Gedanken" immer gedankenloser fand und Willens war, unter entsprechender Erklärung seine Kritik zu sistiren Doch unser Hinweis auf das Erscheinen der zweiten Auflage der „Gedanken", das es außer Zweifel stelle, wie gering die Denkfähigkeit gewisser Kreise und wie nothwendig eine gründliche Aufklärung derselben sei, sowie der von verschiedenen Seiten geäußerte Beifall über die mannigfache anziehende Belehrnnng, welche die Artikel des Herrn Dr. Kroner böten, vermochte diesen, unserer Bitte gemäß seine Arbeit zu vollenden. Auch jetzt ersuchen wir ihn, die drei bis vier Schlußnrtikcl, die er noch liefern wollte, unsern Lesern nicht vorztienthalten. (Red.) I*