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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-03-11 · N° 11. (11.3.1886) · p. Seite 84

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 11. (11.3.1886)
Date
1886-03-11
Page
Seite 84 (sequence 2)
Language
German
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— 84 — und Fülle, in Ueberfülle, nicht aber auch die Lehr- Methode, ja insofern die Methode der wissenschaftlichen Ausbildung das Gegentheil der Elementar - Schul - Methode ist, in gewissem Sinne das Gegentheil der Religionsschul- Methode. Die wisse nsch a f tl iche A usb ild ung der R a b b in er v erhä lt sich zur Pädagogik ganz genau so, wie sie sich zur Rhetorik verhält: sie bietet den Stoff für beide, den Stoff, der auf der Kanzel die rhetorische, in der Religionsschule die didaktisch-pädagogische Form annehmen muß. Für die Kanzel ist eine Auswahl aus der mehr oder weniger großen Stofffülle nöthig, ebenso für die Religionsschule, die Funktion der Stoffauswahl ist also beiden auch als formales Moment gemein, wenn sie auch für die Kanzel nach rhetorischen, für die Religionsschule nach didaktischen, pädagogischen Grundsätzen erfolgt. Ebenso ist beiden gemein, daß der so ausgewählte Stoff nun eine besondere formale Bearbeitung erfordert: warum also nicht neben der allgemein wissenschaftlichen Ausbildung dieselbe Fürsorge für die besondere pädagogische, wie für die besondere rhetorische Ausbildung der Rabbiner? Man glaube nicht, daß die besondere rhetorische Ausbildung 60 ipso die besondere pädagogische involvire. Der Redner will wohl auch die Vorstellungen regulären, vielleicht auch bereichern, aber nicht um ein Wissen zu begründen, sondern nur um Gefühls- und Wiücnsregungen für einen gewissen Zweck und Zeitraum zu erwecken; der Lehrer will vor allem ein Wissen begründen und auf Grund des Wissens Gemüth und Charakter, d. h. den ganzen Umfang der Gefühls- und Willensregungen zu einer bleibenden Gestalt bilden. Die rhetorische Bildung übt also in der Kunst, einzelne Gefühls- und Willens-Regungen zu erwecken, die pädagogische in der Kunst, ein bleibendes Wissen, bleibende Fertigkeiten, einen bleibenden Zustand des Gemüthes und des Charakters zu begründen; der Redner muß die fertigen Menschen, der Lehrer die werdenden Menschen kennen; das Publikum des Redners ist der Erziehung durch Andere entwachsen, und eben weil die Erziehung durch Andere für Jeden mit einer gewissen Entwickelungsperiode endet, darum hat die Religion ihre Kanzeln errichtet: wie sollte bei solchen Gegensätzen die rhetorische Bildung die pädagogische einschließen oder gar mit ihr identisch sein? Ja umgekehrt ist es: die Pädagogik reicht zur Roth auch noch für die Kanzel aus, denn jeder fertige Mensch ist ja früher ein Kind gewesen, und der Lehrer selbst ist nun auch schon ein Mann, gehört also dem Kreise an, auf den er als Redner wirken will, während die Rhetorik dem Lehrer eher schaden als nützen kann, weil die Kinder noch nicht Männer und Frauen gewesen sind. Also ein größeres Maaß von Fürsorge für pädagogische Ausbildung der Rabbiner würde wohl ein geringeres Maaß von Fürsorge für die rhetorische Ausbildung rechtfertigen, nicht aber das Gegentheil. Freilich ist etwas anderes wahr: die rhetorische Ausbildung und Leistungsfähigkeit hat ihr kritisches Forum an dem Publikum des Redners, während die Kinderwelt mit keiner kritischen Befugniß für dir Ausbildung und Leistungsfähigkeit des Lehrers ausgestMebstst: aber wenn der Mangel in der erstern sich höchstens an dem Rabbiner rächt, da der Synagogenbesuch nicht erzwungen wird, während der Mangel in der letztern doch 6 — 8 Jahre der Qual für die Kinder und uncontrolirbaren Schaden für die Religion und Moral, ja für deren ganze Erziehung bedeutet, sollte nicht eben aus diesem Grunde die Frage um so mehr berechtigt sein: warum nicht wenigstens dieselbe Fürsorge für die pädagogische Ausbildung der Rabbiner, wie für die rhetorische? (Schluß folgt.) Gneist und Laster Eine Erinnerung von M. W. In der Debatte des Abgeordnetenhauses über die Behandlung des Antrages Achenbach zur Polenfrage (die Bereitwilligkeit des Hauses, gegebenenfalls der Regierung Mittel zur Stärkung des deutschen und zur Bekämpfung des polnischen Elements in den Ostprovinzen zu bewilligen), wurde, wie den Lesern d. Bl. aus den Tageszeitungen bekannt ist, zwischen den conservativeu und nationalliberalen Parteien einer« und den übrigen Parteien andererseits stark über die Auslegung des 8 27 der Geschäftsordnung, des s. g. Lasker- Paragraphen, gestritten und konnte es natürlich nicht fehlen, daß Laskers Name allerseits wieder einmal in die Debatte gezogen wurde. Der § 27 besagt, daß Anträge, „welche eine Geldbewilligung in sich schließen, oder in Zukunst herbeizuführen bestimmt sind" an eine Commission zur Vorbereitung überwiesen werden müssen, bevor sie im Hause zur Abstimmung gelangen können. In dieser Debatte bemerkte der Herr Professor Gneist ohne sichtbare Nothwendigkeit, als er einen geschichtlichen Rückblick auf die Entstehung und die Vorgeschichte dieses § warf, daß Laster hier nach „bekannten Mustern" gearbeitet und sich darin vas englische Parlament und — ihn zum Vorbilde genommen hätte. Er sagte nach d. Mgd. Ztg. wörtlich: „Die Rede Lasker's ergiebtsogar in mehreren Wendungen, daß er die Parlamentspraxis von Ersknie May und Hansard's Debates vor Augen gehabt hat. Ja es stand ihm ein noch näheres Muster vor Augen in den wöchentliche Verhandlungen der hiesigen Stadtverwaltung. in welcher auf meinen Antrag eure sogenannte Geldbewilligungsdeputation cingeführt und in stetiger llebung war." Es ist nun eigentlich nicht recht einzusehen, weshalb der Herr Professor Gneist so sichtbarlich sich abmühte, den todten Collegen vor dem Verdacht zu schützen, als sei dieser an und für sich doch jedenfalls nützliche Paragraph, aus dessen eigenem Kopfe entsprungen, sondern nachzuweisen suchte (den unbestreitbaren Nachweis geliefert hat er wohl nicht) er habe „nach bekannten Mustern" gearbeitet, diesen Gedanken ihm und den Engländern gewissermaßen weggenascht. Diese jedenfalls nicht allzu liebenswürdigen Bemerkungen Gneists, die er zu Laskers Lebezeiten auch wohl schwerlich vorgebracht haben würde, erinnern mich an ein persönliches Geplauder mit dem so bescheidenen Todten aus dem Anfang des Jahres 1870, auf das ich sonsthin wohl kaum je zurückgekommen wäre, und das zur Illustration und Erklärung der Gneist'schen Rede vielleicht ein Körnlein beitragen dürfte. Es war etwa im Monat Februar des Jahres 1870, noch ganz früh etwa 8 Uhr Morgens, als ich auf Laskers speciellen Wunsch zu einem Plauderstündchen bei ihm war. Wir sprachen von der Glorie des neu erstandenen mächtigen Vaterlandes, von der durch das „Parlament" dem Volk gewordenen großen Errungenschaft und waren eben bei den naturnothwendigen Mißständen, die sich in unserm jungen parlamentarischen Leben bemerkbar machten, angelangt. Lasker bemerkte, daß die große Schroffheit der Parteien gegen einander, die Schwierigkeit, sich über neutrale Gebiete über den Parteistandpunkt hinaus zu verständigen, eine Untugend junger Parlamente sei, die in England längst abgethan sei; im Laufe der Zeit werde sich das abschleifen und es sei die Aufgabe der Mitglieder und Parteien hierauf hinzuarbeiten. Selbst mit Parteigenossen sei es jetzt noch schwer, sich zu verständigen, oft noch schwerer als mit den Gegnern. Da kam seine alte Aufwärterln mit einer Anzahl Briefe und Karten, die eben abgegeben waren und die nun Herr Lasker einer kurzen Durchsicht unterzog. Ich sah es, daß bei mehreren derselben sein Gesicht sich schmerzlich verzog, und als er sie aus der Hand gelegt, sagte er: „Sehen Sie, da haben Sie den Beweis für das, was ich Ihnen eben gesagt habe, daß es gerade am Schwersten ist, sich mit den eigenen Parteifreunden zu verstehen und ich würde es gewiß nicht erwähnen, wenn es eben unser gegenwärtiges Geplauder nicht so drastisch illustrirte: Da sprechen mir Freunde ihren Beifall zu meinen polemischen Bemerkungen gegen Gneist aus und glauben damit mir eine Freude zu machen, und Gott weiß wie schwer es mir geworden ist, gegen diesen hochverdienten geistvollen Mann das Wort zu nehmen. Wäre eö

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