Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 10. (4.3.1886)
- Date
- 1886-03-04
- Page
- Seite 78 (sequence 4)
- Language
- German
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78 — Schulen, sich verhaltenden Berichten, möchte ich Einiges hier mittheilen. In Marokko kommen nur die Schulen in den beiden, eine zahlreiche jüdische Bevölkerung enthaltenden Städten Tanger nnd Tetuan in Betracht. Diese Schulen sind die ältesten der Allianz, die Bevölkerung hat sich an sie gewöhnt, sie lieb gewonnen und werden sie zahlreich und, was für den Orient von Bedeutung ist, von Reich und Arm ohne Unterschied besucht.' Die Knabenschule in Tanger zählt 455 Zöglinge in 12 Klassen, die in Tetuan 327 Schüler in 8 Klassen. Es hat also jede Klasse die angemessene Durchschnittszahl von ca. 40 Schülern. Die Mädchenschulen sind weniger besucht, da in Marokko noch allgemein die Ansicht herrscht, daß die Frauen nichts zu lernen brauchen. Indessen hat doch die Mädchenschule in Tanger 166 Schülerinnen in 6 Klassen, die in Tetuan 106 Schülc'innen in 4 Klassen, also durchschnittlich in jeder Klasse ca. 27 Schülerinnen. In den höheren Klassen sind die tüchtigeren Lehrer, in den unteren Klassen meistens Hilfslehrer beschäftigt. Es exisiirt die schlimme Gewohnheit, daß viele Schüler der oberen Klassen oft mitten im Jahre die Schule verlassen, wodurch in diesen Klassen zu wenig Zöglinge übrig bleiben und überhaupt eine Störung des Unterrichts und der Schulorganisation eintritt. Auch int Uebrigen ist der Schulbesuch insofern ein mangelhafter, als stets ein erheblicher Procentsatz der Zöglinge — 10 bis sogar 25 Proc. — aus der Schule fortbleibt, wodurch selbstredend im Unterrichte Lücken entstehen. Die Lehrer werden in ihren Bemühungen gegen das Schulschwänzen zu wenig von den örtlichen Schulcommissionen unterstützt. Die Directorcn und die Oberlehrer der Schulen sind tüchtige Schulmänner, die Repetitoren für die unteren Klassen werden aus ehemaligen Schülern genommen, aber zu schlecht bezahlt, als daß sie viel letsten sollten. Die übrigen Lehrer sind sogenannte Rabbiner, meistens unwissende Melamdim, die wenig genug vom Hebräischen und vom Talmud verstehen und in den unteren Klassen das Lesen des Hebräischen, namentlich das Ab lesen der Gebete und die hergebrachten Melodien — N’ginoth — der Thora und der Hastaroth lehren. Die Gemeinden stellen diese Rabbiner an, sie erhalten ein geringes Gehalt, leisten aber auch wenig; das Centralcomilö ist bestrebt, ihre Anzahl zu vermindern und statt ihrer tüchtige Lehrer anzustellen. In der Knabenschule zu Ta n ger wird täglich 6 Stunden unterrichtet, Freitag Nachmittag fällt der Unterricht ans, ebenso selbstredend am Sonnabend. In den 8 Oberklassen haben die Schüler täglich 3 Stunden bei den Lehrern und 3 Stunden bei den Rabbinern, in den 4 Unterklassen lehren letztere ausschließlich. In der Mädchenschule haben die Kinder täglich 3 Stunden bei den Lehrern, 1*/, Stunden bei den Rabbinern und ebensoviel bei der Handarbeitslehrerin. Ebenso wird es in der Mädchenschule in Tetuan gehalten. In der dortigen Knabenschule haben die Schulen täg'ich 7 Stunden Unterricht, 5 bei den Lehrern und bei den Rabbinern. In Haltung und Reinlichkeit steht es in Tetuan besser, als in Tanger, allein auch in letzterem Orte ist die Dlsciplin bei den Lehrern gut, dagegen schlecht bei den Rabbrnern. Sämmtliche Schulgebäude sind geräumig, zweckmäßig und namentlich auch in gesundheitlicher Hinsicht befriedigend. Die jüdischen Gemeinden in beiden Städten haben großes Interesse an den Schulen genommen und unterstützen sie mit eigenen Mitteln. Den größeren Theil — 54 Proc. — der Kosten trägt allerdings die Allianz, welche für diese Schulen jährlich ca. 14 500 Mark verwendet; sie hat auch die Leitung der Schulen, mit Ausnahme der Knabenschule zu Tanger, welche von dem jüdischen Gemeinderath, der sog. Junta, verwaltet wird. In beiden Städten wohnen zusammen, wie ich bemerken will, ca. 15000 Juden. Da die Allianzschulen dieser beiden Städte schon so lange Jahre bestehen, so lassen sich deren Erfolge jetzt schon beurtheilen. Dieselben sind im Ganzen günstig; die aus den Schulen hervorgegangenen Zöglinge zeichnen sich durch Intelligenz. Thätigkeit und Rührigkeit, zum Theil allerdings durch Uebereifer vor ihren übrigen Landes- und Glaubensgenossen aus. Der bei weitem größere Theil der Zöglinge in Tetuan bleibt nicht in der Heimath, sondern pflegt nach den algerischen Städten, zum Theil sogar nah Südamerika auszuwandern. Die Juden der Küstenstädte bilden in vielen Dingen einen Gegensatz zu den Juden des Binnenlandes von Marokko. Erftere gleichen den türkischen und syrischen Jaden und sind wahrscheinlich, wie diese, großentheils spanischen Ursprungs, die letzteren haben mehr Ähnlichkeit mit den Jaden des inneren Algier und von Tunis und stammen von den alten arabischen Juden Marokko's ab. Leider war es Herrn Cazss nicht vergönnt, nach Fez zu reisen und die dortige Allianzschule zu inspiciren. (Schluß folgt:) Berichte uni» Corresponbenzeu. Deutschland. Wbg. Memel. (Schluß.) Am Vorabend des Versöhnungstages erfolgte die zweite Serie von Ausweisungen, etwa 80. Es war ein trauriger Versöhnungstag schreibt Herr Dr. Rüls. Nach Beendigung desselben wandte ich mich zum zweiten Mal an den Fürsten Reichskanzler und bat um alle mögliche und thunliche Rücksicht und endlich am 6. Oclober nachdem bereits 148 Familien resp. Einzelpersonen ausgewiesen waren, zum dritten Mal. „Was ist nun, fährt vr. R. fort, durch alle diese Gesuche erreicht worden?" Und er antwortet mit vollem Recht: „Alles, alles, wrS nur den Umständen gemäß zu erreichen war. Auf Befragen von Seiten der hiesigen Behörden, au welche meine Gesuche an den Reichskanzler behufs Berichterstattung zurückgelangt waren, habe ich nicht Anstand genommen, die schriftliche Erklärung abzugebeu, daß man — die Nothwendigkeit der Maßregel vorausgesetzt — mit dem Stand und dem Ginge der Ausweisungen sich zufrieden geben könnte, zumal wenn man sich der Wahrnehmung nicht verschließen wollte, daß von Seiten der Behörden mit mögllchster Schonung und Rücksicht verfahren würde. Ich habe aber auch in allen meinen Gesuchen nicht Anstand genommen, zu erklären, daß ich die Maßregel mit Rücksicht auf unsere staatlichen uud bürgerlichen Verhältnisse als vollberechtigt und zweckmäßig ausehen müsse. Nur das tragische Geschick unserer Glaubensgenossen — und wer kann für sein Geschick? — bringt es mit sich, daß sie wie von einem jeden, so auch von diesem Unglück am schwersten betroffen würden. Nur der Verleumdung, welcher man hie und da in Wort und Schrift der Widersacher begegnet, als hätten unsere auswärtigen Glaubensgenossen durch schädliches und unehrenhaftes Leben und Treiben sich die Ausweisung zugezogen, will ich mit der größten Entschiedenheit entgegc »treten. Unter allen den Ausgewiesenen ist auch nicht ein einziger, dem die zuständigen Behörden nicht das beste Leumundszeugniß ausstellen würden. Unsere städtische Polizei-Verwaltung ist gern bereit, solches amtlich zu bestätigen". Durch die Seitens des Hülfscomitss für diese Zwecke erlassenen Aufrufe sind nach dem Bericht insgesammt 34,682 M. 81 Pf. eingegangen und davon bereits 25,808 M. 11 Pf. verausgabt. Außer der erwähnten Summe jstanden dem Comilä noch 10 000 M. zur Verfügung, welche ihm das deutsche Ccntral-Comits für die ruff.-jüd. Flüchtlinge in