Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 9. (25.2.1886)
- Date
- 1886-02-25
- Page
- Seite 72 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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r — 72 — nicht scheuen, ihre Kinder die Grundlagen des wissenschaftlichen und praktischen Handwerks erlernen zu lassen. Der kaufmännische Betrieb hinterher bleibt immer noch nöthig und giebt dem also vorbereiteten Beruf die endliche Abrundung. M. W. Kolkerg, im Februar. Dem jetzt erschienenen 12. Jahresbericht über die Verwaltung des jüdischen Kurhospitals in Colberg für das abgelaufene Kalender- und Rechnungsjahr entnehmen wir, daß dasselbe erfreulicher Weise auch im abgelaufenen Jahre auf der Bahn einer gesunden Entwicklung fortgeschritten ist. Die ordentlichen Einnahmen betrugen 8141 M. 7 Pf., die Ausgaben 7246 M. 49 Pf. Die Zahl der Mitglieder mit lausenden Jahresbeiträgen ist auf 424 mit einer Beitragshöhe von 3581 M. angewachsen. Von namhaften Zuwendungen an die Anstalt werden erwähnt, die der Herren Grunebaum <L Kaufmann in Cottbus mit 160 M., eines stillen Wohlthäters aus Hessen mit 140 M., des Herrn Wolf Ha gelb erg in Berlin mit 100 M.. als fernere Geber mit größeren Beträgen flguriren die Herren Commerzienrath Ledermann in BreSlau, Stadtrath Herm.ZerkowskyundA.Pinkusin BeuthenO/Schl., Frau Commerzienrath Emma Jaffs in Posen u- A. Den Glanzpunkt der Gaben bildet eine Schenkung des durch seinen Wohlthätigkeitssinn bekannten Herrn Jacob Israel in Berlin. Derselbe stiftete nämlich in Anlaß seines fünfzigjährigen Geschäftsjubiläums unter dem Namen „Jacob und Minna Israel-Stiftung" drei Kurbetten für Kinder, wozu er der Anstalt als unantastbares Stiftungskapital von 10000 M. überwies, woran er den Wunsch knüpfte, daß seine Stiftung sich allmählich zu einer von der Anstalt sich abzweigenden „Kinderheilstätte" erweitern möchte. Das Gesammtvermögen der Anstalt beläuft sich z. Z. außer einem schuldenfreien Grundstück und Jnventarium, die mit 44655 M. bezw. 8084 M. zu Buch stehen, auf 21100 M., darunter das Jacob Nachod'sche Legat mit 500 M.. die Geh. C.-Rth. V. Mannheimer Schenkung mit 500 M. und die erwähnte I. Jsrael'sche Schenkung. An die Stelle des im Juni v. I. verstorbenen, um Gründung und Gedeihen des Hospitals hochverdienten Sanitätsrath vr. Hirschfeld, der auch fast bis an seinen Tod die Pfleglinge unentgeltlich behandelt, ist Herr vr. Wes send erg getreten, der großherziger Weise gleichfalls ohne Entgelt die ärztliche Behandlung ausübt. Die Kurzeit währte vom 1. Juni bis Ende September. Es haben insgesammt 180 unbemittelte Personen in der Anstalt Aufnahme gefunden und ganz unentgeltlich Wohnung. Verpflegung, Arzenei und Bäder erhalten. Der Bericht schließt mit der angesichts des wohlthätigen Zwecks gewiß doppelt berechtigten Bitte, daß die Gönner und Freunde der Anstalt derselben auch ferner erhalten und bekräftigen und der doppelt elenden Pfleglinge der Anstalt, die krank und arm sind, eingedenk bleiben möchten, da das Hospital augenblicklich erst 1262 M. 50 Pf. feste Einnahme und bei ihrer gegenwärtigen Jahresausgabe von 7246 M. 49 Pf. mit fast 6000 M. auf die öffentliche Wohlthätigkeit angewiesen sei. Möchte diese Bitte nicht vergeblich an die Herzen unserer Reichen klopfen. Wbg. Memel. Februar. Der uns vorliegende 1885er Jahresbericht über die Thätigkeit des ständigen Hilfs-Comitss für die Nothstände rufsicher Israeliten in Memel entrollt ein ergreifendes Bild dortiger, in Folge der Massenausweisungen, sich vollzogenhabender Verhältnisse. Da s. Z. an dieser Stelle über diese traurigen Vorgänge berichtet worden, so beschränken wir uns hier auf die bemerkenswerthesten Einzelheiten. Am 26. Juli hatte Herr Rabb. JDr. Rülf in dieser Angelegenheit eine Audienz^bei dem Reg.-Ober-Präsidenten der Provinz Herrn vr. v. «L-chlieckmann und berichtet darüber: „Der Empfang war ein äußerst freundlicher. Der hohe Beamte sprach aber sein Bedauern aus, daß von den Maßregeln unter keinen Umständen Abstand genommen werden könne. Es zeigt sich nun einmal heutzutage, meinte derselbe, das Bestreben in allen Staaten, den nationalen Bestand möglichst intact zu bewahren und zu confolidiren. Längs der Grenze ist aber durch einen zu starken Zufluß der verschiedenartigsten Elemente die Gefahr vorhanden, daß unsere hermlsche Bevölkerung nach und nach alterirt werde. Das konnten wir nicht länger ruhig mitansehen; da mußte nothwendig einmal Ordnung geschafft weiden. Aber seien Sie v.'rsichert, daß mit aller nur möglichen Schonung und Rücksicht verfahren werden wird." Am 2. September trafen die längst befürchteten Ausweisungsdecrete an. „Es war morgens 8'/, Uhr, schreibt Herr vr. R.; ich war im Begriff, meine Armenschule für russich-israelitische Kinder zu besuchen, um in feierlicher Weise mit ihr den Sedantag zu begehen, da begegnete mir auf der Straße der Chef der hies. Polizei und brachte mir die Trauerkunde, daß alle nicht heimathberechtigten Juden, alle, alle, ohne Unterschied, den Ort verlassen müßten. Das war eine der schmerzlichsten und ergreifendsten Nachrichten, die mir jemals zugekommen waren. Mehr als 2/s unserer 1214 Seelen zählenden Gemeinde und mit ihnen etwa 75 Schüler meiner Armenschule, die kaum noch ein Dtz. Schüler behalten hätte, sollten den Ort verlassen muffen, verjagt, halt- und hilflos in die Irre getrieben. Das war hart. Tief ergriffen begab ich mich in meine Schule, die «Schüler sangen ihre Gesänge und declamirten ihre patriotischen Gedichte zu Ehr' und Preis von Kaiser und Reich, von Haus, Herd und Heimath ganz wunderschön. Nachdem die Feier beendet war, setzte ich mich zu Hause hin und schrieb ein von Schmerz und Wehmuth eingegebenes Gesuch an den Fürsten Reichskanzler und bat um Milderung der harten Maßregel. Schon nach 4 Tagen kam telegraphische Gegenordre, mit den Ausweisungen einzuhalten und erst neue Instructionen einzuhvlen. Diese Jnstluction lautete dann dahin „de.ß alle Diejenigen, deren Anfenhalt am Platze der Stadt und dem Staate von unzweifelbarem Nutzen sei, von der Ausweisung verschont bleiben, resp. bei Reclamationen berücksichtigt werden sollten". Von den bereits erfolgten 59 Auswcisungsordres wurde eine Anzahl sofort wieder zurückgenommen. Jnsgesamult wurden ca. 80 Personen mit Erfolg reclamirt. (Schluß folgt.) Oesterreich-Ungarn. Wudapest. (Or.-Cmr.) Den 18. Februar fand in der festlich erleuchteten Synagoge der Landes-Rabbinerschule die zweite Rabbiner-Eutlnssungsfeier statt. Die drei Candidaten. welche einige Tage vorher die Prüfung mit günstigem Erfolge abgelegt haben, sind: vr. Josef Büräny, vr. Moritz Rofcnstein und vr. Jakob Steinherz. Zur anberaumten Stunde — 10 Uhr Vormittags — versammelten sich im Gottcshause die vom Cultusministerium ernannte Prüfungscommission, der Lehrkörper, die Hörer und ein gewähltes Publikum. Die Feierlichkeit begann mit der Absingung des vom Obercantor Prof. Moritz Fried mann in Musik gesetzten 100. Psalms, unter der persönlichen Leitung des Professors F. Hernach sprach Oberrabbiner Abr. Hochmuth aus Veszpcsm, als Vorsitzender der Studiencommiffion herzliche, eindringliche Worte zu den Candidaten, den wahren Beruf des Rabbiners in kurzer und trefflicher Rede erörternd. Sodann hielt Bärä-ny im Flamen seiner Collegen eine schwunghafte Ansprache an die Lehrer der Anstalt, die ihnen nicht nur Lehre, sondern väterlichen Rath zu jeder Zeit angedeihen ließen. Seinem Vortrage schiÄe Redner eine längere Würdiguna Salomo Jbn Gabirols voran. Hierauf überreichte Rabb. Professor Moses Bloch als Vorsitzender des Professorenkörpers die Rabbiner-Diplome, wobei er mit gerührtem Herzen die eigentliche Ernennung zu Rabbinern in hebräischer Rede vornahin. Mit der gesanglichen Aufführung des Ungarischen „National-Hymnus" endete \ t>ie Feierlichkeit, welche einen sichtlich tiefen Eindruck auf die .3 zahlreich erschienene Zuhörerschaft machte. Seit drei Jahren, da vr. Eduard Neumann — derzeit Oberrabbiner zu §j Nagy - Kanisza — die Anstalt verließ, war dies der zweite?■-