Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-25 · N° 9. (25.2.1886) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 9. (25.2.1886)
Date
1886-02-25
Page
Seite 71 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585406--6109-9585411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 71 falsche Tugend und Größe, gegen alles Scheinsame und Pedantische. Kohelet lehrt die echte Gottesfurcht, das Ein und Alles der Religion, er vernichtet den Aberglauben, damit der reine Glaube an seine Stelle trete, er zerstört die Gespensterfurcht zu Gunsten der Gottesfurcht. So sei auch Heine nach seinem eigenen Geständniß allmählich zur höchsten Idee der Religion voegedrungen und seinem Geiste habe sich die Symbolik des Himmels und der Erde erschlossen, aus der ihm der einige Gott hcroorgegangen. „Ich habe, so sagt er, mit keiner Symbolik gespielt, niemals der Vernunft entsagt"; aber erbekennt auch offen, über den Gott des Pantheismus, der „mit der Welt verwachsen und gleichsam in ihr eingckerkert sei," hinweg zu dem Gott der Bibel zurückgekehrt zu sein. „Ich sterbe, so heißt cs in seinem Testamente, im Glauben an einen einzigen Gott, an den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele." Schließlich sei noch erwähnt, daß der durch die Vorlesungen gesördete Stipendienfonds diesmal eine sehr günstige Einnabme für seine guten Zwecke erzielt hat. Hlordßausen, 21. Februar. (Or.-Corr.) Am Abend des 13. d. M. starb hier inmitten einer Volksversammlung plötzlich und unerwartet, der allgemein hochangesehene Banquier Fritz Schönfeld, Mitglied des Vorstandes des „Liberalen Wahl-Vereins". Es rvürde dies für Ihre geschützte Zeitung sonst wohl kein besonderes Interesse haben, wenn ich nicht auch hinzufügcn könnte, daß der Verstorbene als wahrhafter Israelit gelebt und gewirkt, der jederzeit bemüht gewesen ist, für feinen Glauben und seine Glaubensgenossen vom Standpunkt der Gleichberechtigung ein,utreten. Ueberhaupt berhciligte er sich eifrig an allen gemeinnützigen Bestrebungen aus politischem, communalem, künstlerischem und wohlthätigem Gebiet. Es war ein imposanter Leichenzug. der sich am 16. d., Nachmittag, 3 Uhr durch die Straßen der Stadt nach dem Friedhofe bewegte; über tausend Männer aller Conscssionen und Berufsklaffeu gaben ihm das Ehrengeleile. Der Leichenwagen war mit Blumen und Kränzen, die verschiedene Widmungen trugen und zum Theil aus weiter Ferne (u. A. aus Berlin, Guben, Mühlhausen rc) gesandt waren, über und über geschmückt; hinter demselben gingen die nächsten Verwandten und Freunde; darauf folgten Mitglieder des liberalen Wahlvereins, darunter die Abgeordneten Traeger und Lerche, des Männerbildungsvercins und des Gewerbevereins, welchen von Vorstandsmitgliedern des liberalen Wahlvereins und des Gewerbevereins die von diesen Vereinen zu Ehren ihres verdienstvollen Mitgliedes gcstisleleii Trauerpalmen vorangetragen wurden; die lange Reihe der übrigen Leidtragenden schloß sich diesen an. Die Straßen, durch welche sich der endlose Zug bewegte, waren dicht besetzt von Zuschauern. Auf dem Friedhöfe ergriff Herr Rabbiuer vr. Gelb haus das Wort zu einer Ansprache, unter Zugrundelegung der Worte Kohelcts c. 12,5. Derselbe hob die trefflichen Eigenschaften des des so früh und unerwartet Verstorbenen hervor, der seinen Mitbürgern, besonders auch der israelitischen Gemeinde, stets als hilfsbereiter Freund und Genosse thatkcüftig zur Seite gestanden, dessen friedliebendes Wesen überall in den weiten Kreisen seines Wirkens seinen Einfluß gemacht habe, dessen Andenken bei seinen Mitbürgern ein gesegnetes sei. Hierauf trat Herr Abgeordneter Traeger au die offene Gruft, um m ergreifenden Worten von dem Hingeschiedenen Freunde und Mitkämpfer Abschied zu nehmen. Schulter an Schulter mit den Freunden habe er gekämpft und unentwegt festgehalten an den Grundsätzen, die er für recht erkannt, auch m schwerer Z"t. Sein ruhiger, überlegender Verstand, sein scharfes und sicheres Urtheil seien unschätzbar gewesen, seine friedliebende, milde und humane Gesinnung hatte nie zugelassen, daß er durch die Schärfe der Waffe den Gegner im Streite verletzt hätte. Stets, hilfsbereit und gefällig, habe er die Grundsätze, die er einmal als Recht erkannt, mit Energie vertreten, und sei ein treuer Freund und Verteidiger der Rechte und Freiheiten des Volkes gewesen. — Mit den üblichen rituellen Gebeten endete die.ergreifende Trauerfeier. Kamburg, 19. Februar. (Or.-Corr.) In Folge der von den Behörden beschlossenen Herstellung einer erweiterten Fahrstraße im südöstlichen Theile Al ton a's zur bessern Verbindung mit Hamburg, wird in der nächsten Zeit auch ein Theil des Eigenthums der dortigen jüdischen Gemeinde vom Erdboden verschwinden, dessen Alter vermuthlich bis zur Entstehung der Gemeinde hinanreicht, welche sich bis auf das Jahr 1640 zurückführen läßt; denn vom Jahre 1641 datirt der älteste Schutzbrief des Königs von Dänemark, als Herzog voll Holstein. Es knüpfen sich an die zum Abbruch bestimmten, die Synagoge umgebenden Häuser in der Breitenstraße und Papageienstraße, wozu das Rabbinatshaus, die Badeanstalt und das Spritzenhaus der Gemeinde gehört, auch für die Hamburg-Altonaer Gemeinde geschichtliche Erinnerungen, da diese nicht nur den Schutz der dänischen Krone genoß, sondern auch bis zum Jahre 1811 ein gemeinsames jüdischen Gericht und eine gemeinsame Verwaltung mit der hochdeutsches Altonacr Judengemeinde besaß, ihren Begräbnißplatz seit 1660 theilte und auch das neben demselben belegene Krankenhaus mitbenutzt. Die beiden letzteren Anstalten liegen indessen in ziemlicher Entfernung von der Synagoge und bleiben daher unberührt. Diese selbst wird ebeufalls erhalten bleiben, während das Rabbinatshaus mit seinen Verwaltuugszimmern, sowie das rituelle Badehaus in der Nähe desselben wieder aufgebaut werden. Beiläufig bemerkt sei hier noch, daß die Separations- Akte zwischen den Gemeinden Hamburg und Altona vom 26. April 1812 datirt und zur Zeit der Belagerung Hamburgs durch die Franzosen erfolgte. Damals wurde auf Befehl des französischen Machthabers die hiesige Gemeinde in allen ihren Zweigen neu constituirt und trat der neue Vorstand am 3. Mai 1812 zusammen. Die Benutzung des Begräbnißplatzes jedoch trat nach Aufhebung der Belagerung wieder ein und wurde erst im Jahre 1834 auf dänischen Befehl untersagt und gänzlich eingestellt, weil die Schutzgelder nicht mehr bezahlt worden waren. A. Nürnberg. (Aufmunterung zum Handwerk.) Im October v. I. hat der hiesige Kaufmann Herr Maier Frankenschwert eine ebenso zeitgemäße, wie nachahmenswerthe Stiftung geiuacht, die folgende wesentliche Bestimmungen enthält. Die Zinsen des aus 5000 M. bestehenden Stiftungskapitals sollen jährlich an höchstens 4, der Nürnberger israelit. Cultusgemeinde angehörenden Handwerksleyrlingeu oder Gesellen, für Kleider, Lehrgeld, Bücher, Stipendien zum Schulbesuch oder auch zur baaren Unterstützung bei Selbstständigmachuug verwendet werden. Für den Kaufmanns- oder Gelehrtenstand soll die Stiftung keine Verwendung finden. Der Stlftungsvorstaud aus dem jedesmaligen ersten Rabbiner, dem ersten Synagogen-Vorsteher und aus einem von den Gemeinde-Repräsentanten zu wühlenden Mitgliede der jüdischen Cultusgemeinde Nürnbergs bestehend, verwaltet das Stiftungsvermögen, beschließt über die Unterstützungen und erstattet alljährlich dem Herrn Stifter und nach dessen Ableben seinem Schwiegersöhne. Herrn Rechtsanwalt Or. Edwin Katz in Berlin entsprechenden Bericht. Die Stiftung hat alle Rechte einer juristischen Person. Wir können diese hochherzige gemeinnützige Stiftung mit ganz besonderer Freude begrüßen, da sich die Aufmunterung zur Erlernung eines Handwerks vielseitig verlohnt. Regierungen und Communen haben mit erheblichen Mitteln gewerbliche Fortbildungs-, Fach- und Zeicheuschulen eingerichtet und geben den Lehrlingen viel Gelegenheit zu ihrer tüchtigen Ausbildung. Der gut geschulte und praktisch ausgebildete Handwerker findet überall eine sichere Existenz und genießt auch Achtuilg und Anerkennung bei feinen Mitbürgern. Möchten doch die Eltern bei der thatsächlichen Ueberfüllulig des kaufmännischen und gelehrten Faches sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.