Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-25 · N° 9. (25.2.1886) · p. Seite 70

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 9. (25.2.1886)
Date
1886-02-25
Page
Seite 70 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585406--6108-9585410
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

— 70 — Kerichle und CorrespondenM. Deutschland. Wbg. Magdeburg Vor längerer Zeit ist gelehrterseits die Frage gestellt worden: welche Werke müßten zur Bewahrung der menschlichen Cultur unbedingt erhalten werden, wenn eine allgemeine Vernichtung unsere Erde heimsuchte? und es wurden nur vier geistige Schöpfungen genannt: die Bibel, Homer, Shakespeares Dramen und Goethe's Faust. Durch diese vier Leistungen menschlichen Denkens und Empfindens könnte alles sonst verloren Gegangene allmählich zurückgewonnen werden, und soll die winzige Zahl Vier verdoppelt werden, so treten zu den von uns genannten unersetzbaren Geistesschätzen die Werke von Aristoteles, Plato, Spinoza und Kant hinzu, weil nach diesen die ganze Philosophie ergänzt werden kann, und sollte von den neuen Musen je ein Werk getragen und bewahrt werden, so müßte als neunter unersetzbarer Schatz Humbvldt's „Kosmos" gerettet werden. Aus diesen neun Riesenwerken des Menschengeistes ließe sich das Wissen der Gegenwart reconstruiren, und waren zur Erlangung unseres geistigen Besitzes in seiner ganzen Mannichfaltigkeit Tausende von Jahren nöthig, so würde die Zurückgewinnung des Verlorenen nur Hunderte von Jahren währen. — In jeder derartigen Aufzählung liegt viel Müßiges und doch wieder nichts Ueberflüssiges, denn die Frage behält ihr Interessantes: um tvelche monumentalen Erweisungen menschlicher Idealität gruppirt sich die gesammte Weltliteratur? Nach beiden Gruppirungen sind wir also bei den monumentalsten Schöpfungen der Weltliteratur mit 2 5°/0 betheiligt. Dennoch haben wir nach den Theorien Treitschke's und v. Hartmanns der Welt nur „Hosenverkaufende" Jünglinge und Talente „zweiten Ranges" geliefert. Daß bei derartigen Berechnungen die bösen Juden auch immer einen so namhaften Faclor bilden und all' jene schönen Theorien zu Schanden machen müssen! Merkin, 13. Februar. Ein Hauptverdienst des verstorbenen Di*. W. Straßmanu innerhalb seiner unermüdlichen Thätigkeit im Dienste und zum Wohle unserer Kommune lag auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit und Humanitätspflege, und vor Allem war die Gründung des Berliner Vereins gegen Verarmung sein eigenstes Werk. Das legte den Gedanken nahe, mit diesem Werke eine Stiftung zu verbinden, die zu bleibender Erinnerung an die Verdienste des Dahmgeschiedenen seinen Namen trägt. Zu diesem Zwecke hatten sich jüngst eine Anzahl Männer aus unserer Kommunalverwaltung wie aus der Bürgerschaft auf Einladung des Oberbürgermeisters von Forckenbeck. des Kämmerer Runge, Syndikus Eberty, Prof. Dr. Schwalbe, Justizrath Makower, Stadtverordneten-Vorsteher Büchtemann in einem Zimmer des Rathhauses zur vorläufigen Berathung versammelt. Der Berliner Verein gegen Verarmung ist durch sein Statut in seiner Vorsorge gegen Verarmung an gewisse Grenzen gebunden, über die er nicht hinausgehen darf. Es wurde deshalb beschlossen, im Anschluß an den Berliner Verein eine Stiftung zu gründen, aus welcher zur Abwendung drohender Verarmung reichere Mittel gewährt werden können, als der Verein gegen Verarmullg sie zu bieten in der Lage ist, und cs ist zunächst ein Executiv- Comitä eingesetzt worden, das mit der Redaktion eines Aufrufes betraut ist, mit dem das Gesammt-Comitö dann vor die Ocffentlichkeit treten will. A. W. Merlin. 15. Februar. (Or.-Corr.) Ich komme zur Fortsetzung rcsp. zum Schluß der in dem Saal der Gesellschaft der Freunde gehaltenen Vorträge. Herr Prof. Steinthal sprach über „Andacht". Im philosophisch-moralischem Sinne führte er die Andacht auf ihren Ursprung und ihre wesentlichen Erscheinungen zurück. Das deutsche Wort „Andacht", von Luther noch in dem Sinne einer sowohl guten wie bösen Stimmung gebraucht, wurde erst seit einem Jahrhundert in dem heutigen Sinne üblich. Kein anderes Volk hat ein Wort, welches den Sinn des deutschen „Andacht", wie er sich in „andächtiger Stimmung", „andächtigem Gebet" bekundet, ganz wiedergäbe. Nur die Juden besitzen seit sieben Jahrhunderten in dem Wort „Kawonoh" (N212) einen entsprechenden Ausdruck, obwohl, wie Redner ausführte, die Elymologie beider Worte eine verschiedene ist. „Andacht" geht in seinem Stamm auf „Denken" zurück, während in der Präposition „an" die Richtung bezeichnet ist. Das hebräische „N212" bezeichne zunächst „richten", auch in sinnlicher Beziehung, sodann das Richten der Gedanken auf Gott, die Andacht. Die Juden besitzen auch allein ein solches geflügeltes Wort von der Andacht, wie es nur im Deutschen wiedergegeben werden kann, in dem Satze: „Ein Gebet ohne Andacht gleicht einem Körper ohne Seele". Es gebe wohl kein jüdisches Religionsbuch, in welchem dieser Spruch nicht stünde, ohne daß jemand es auf seinen Ursprung zurückgeführt hätte. Bachja in seinem Werke „Herzenspflichten" hat zuerst den obigen Spruch. Doch die Sache war immer da. Wahre Andacht, lehrte der Redner, ist nicht ein andächtiges Gebet, nicht eine andächtige Stimmung, sondern ein andächtiges Leben. Hiermit geht der philosophische Redner über auf die Begriffsbestimmung von Andacht, welche Maimonides und Kant ziemlich gleich aufgestellt haben. Andacht ist nicht ein Denken, Fühlen, Wollen, sondern eine alle diese Seelenthätigkeiten zusammenfassende Stimmung. Von ihr ist Moses ill seinem letzten Gebete, Jesus in seinen Reden erfüllt. Die religöse Andacht soll aber eine ideale Stimmung sein, und sie ist nur dann echt, wenn sie die Vorbotin der That ist. Ohne diese ist sie eben ein Körper ohne Seele. Alsdann entwarf Redner ein Bild von den Mitteln, die Andacht erregen, vornehmlich von der Andacht im Gotteshause. Der Gang zur Synagoge, der Eintritt, der Chorurid Gemeindegesang sind starke Förderungen der Andacht. In formaler Beziehung charakterisirte der Redner als den echten Ausdruck der Andacht daS kurze, schlichte Gebet. Er hob hervor, daß nicht Schönheit der Form und des Inhalts, also kein ästhetischer Grund, den Werth des Gebetes bestimme, sondern Schlichtheit und innere Wahrheit. Darum soll man den Grundstock vieler Gebete der Vorväter festhalten, die einen solchen Kern in sich bewahren. — Anhaltenden Beifall zollte man dem allgeschätzten Redner, der in dem schlichten Ton und in der einfachen Sprache des Gelehrten zu fesseln und zu ergreifen wußte. Rk. Merlin. Wir erhalten nachträglich nachfolgende Ergänzung des in vor. Nr. gebrachten Berichts über die | Montags-Vorlesungen. Herr Dr. Maybaum legte die Bedeutung des Buches Hiob dar, dessen herrlichste Stellen er vorsührte, um daran den Nachweis zu knüpfen, daß durch Hiob die damals herkömmliche grobsinnliche Bergeltungslehre beseitigt und alle wahre menschliche Tugend auf den einzig festen Grund spontaner und uneigennütziger Sittlichkeit gestellt werden sollte. Nicht weniger interessirte die Zuhörer der Vortrag des Or. Ritter über das Thema: Ein alter und ein neuer Zweifler. Der Redner setzte den biblischen Prediger Kohelet in Parallele mit Heinrich Heine, in deren grübelnden Naturen er die Berührungsquelle nachwies, bei beiden den halb spottenden, halb wehmüthigen Ton, die Zwiespältigkeit der Stimmung und das Schwankende in der Lebensanschauung, so daß beide nicht blos Zweifel hegen, sondern auch an sich Zweifel erwecken. Wenn Kohelet schmerzlich klage: „Ich habe gesehn, daß es Gerechte giebt, denen es ergeht, wie es den Frevlern ergehen sollte, und wiederum Frevler, denen es nach den Handlungen der Frommen ergeht", so singe Heine in dem bekannten Liede: Warum sckltppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Roß der Schlechte? — aber Beide bewahrten auch hinter der äußeren Hülle des Spottes und des lachenden Scherzes die ernste Begeisterung für das wahrhaft Gute und Schöne, sie eiferten nur gegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.