Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 9. (25.2.1886)
- Date
- 1886-02-25
- Page
- Seite 69 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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69 — 3. Legen Sie auch Dr. Martin Luther, resp. Christoph Matthäi Pfaffen, der heiligen Schüft Docwrn, Pcofefforn. Canzlern und Prodsten zu Tübingen, auch Abbten des Klosters Lorch, bezwdein Hochfürstlichen Württemb. Consistorio und Löblicher Theologischer Facultät zu Tübingen, den Allergnädigsten Privilegiis in Ihrer liebenswürdigen Verfroren heit die mehrgedachten Attribute bei, weit die betreffenden christlichen Würdenträger „konstatiren", daß das Judenthum allumfassende Menschenliebe und sogar Feindesliebe lehrt — oder lassen Sie da wieder Ihre „christliche Sitte" walten, weil jene Männer Nichtjuden sind? (Schluß folgt.) Weder die Schulen der Allianz habe ich in diesen Blättern wiederholt Auszüge und Zusammenstellungen aus den Semesterberichten der Allianz veröffentlicht. Es waren dies lehrreiche und angenehme Arbeiten, in welchen der stete Fortschritt dieser so überaus segensreichen Institute constatirt wurde. Auch der kürzlich veröffentlichte Bericht über das 2. Semester 1881 und 1. Semester 1885, also über das vom 1. Juli 1884 bis 1. Juli 1886 abgelaufene Jahr ergiebt für diesen Gegenstand sehr interessantes Material. Zunächst ist eine erfreuliche Ausbreitung der Allianz selbst ersichtlich. Während in dem Jubiläumsberichte die Zahl der Mitglieder Anfangs 1885 nur 30 310 betrug, war dieselbe 6 Monate später schon auf 31 729 angewachsen. Sodann möchte ich an dieser Stelle dem mehrfach verbreiteten Jrrthume entgegentreten, als ob die Allianz keine Mitglieder in den Bereinigten Staaten in Amerika besäße. Nach dem Jubiläumsberichte waren in diesen Staaten zu Anfang 1885 schon 696 Mitglieder, während im ersten Semester 1885 noch eine große Anzahl hinzugetreten ist. So z. B. in New-Iork 167, in der sehr jungen Stadt Mineapolis 56, in St. Paul (wahrscheinlich im Staate Miuesota) 38, in Pittsburg 9. in Chicago 3 und in Milwaukee 2. Die Zahl wird sich hoffentlich sehr bald vergrößern da in 25 größeren Städten der Union durch den Loarä of Delegates of American Jews Correspendenten der Allianz bestellt und verschiedene Comitö's gegründet sind. Was speziell die Schulen betrifft, so erfahren wir zunächst, daß die Knaben-Vorbereitungsichule zu Paris, in welcher orientalische Zöglinge zu zukünftigen Lehrern der Orientschulen ausgebildet werden, in 4 Jahrgängen 21 Zöglinge zählt, wovon die europäische Türkei 6, die asiatische 5, Bulgarien 5, Marokko 3, Tunis 1 und Persien 1 gestellt haben. Nach den ersten zwei Jahren pflegen die Zöglinge das Examen für Elementarlehrer (was wohl in Frankreich nicht schwierig sein mag) zu absolviren, die beiden folgenden Jahre werden zur weitern Ausbildung verwendet, und sollen nach neuern Bestimmungen die Zöglinge mit 4 Jahren das „höhere Examen" machen worin dies besteht, ist nicht mitgetheilt). Das Lehrerpersonal besteht aus 13 „Professoren", d. h. ordentlichen Lehrern. Die Mittheilung über den Schulstundenplan ist leider etwas konfus. Es werden für die einzelnen Fächer per Woche insgesammt 50 verschiedene Stunden aufgezählt und sodann gesagt, daß die Durchschnittszahl der wöchentlichen Stunden 20 beträgt. Wahrscheinlich enthält die Zahl 50 die Gesammtstunden für die einzelnen und beziehentlich combinirten Jahresklassen, indessen ist hierüber nichts mitgetheilt. Unter den 50 Stunden figuriren 3 Stunden Bibelübersetzung, 2 Stunden hebräische Grammatik und „Composition" (wahrscheinlich schriftliche Arbeiten), 1 Stunde Mischnah und Talmud und 2 Stunden jüdische Geschichte, also im Ganzen 8 Stunden für jüdische Dinge. Dagegen 12 Stunden für Litteratur und Grammatik (offenbar Französisch). Sehr erfreulich ist, daß auch Gymnastik (Turnen) getrieben wird, nur sind die angesetzten 4 Stunden wohl etwas zu wenig. Die Allianz hat ferner 12 junge Mädchen aus den türkischen und bulgarischen Schulen dem Institute Bischofsheim (wohl eine höhere Töchterschule) untergebracht, wo sie zu Lehrerinnen für orientalische Mädchenschulen ausgebildet werden sollen. Der Bericht giebt sodann einige Nachrichten über eine Anzahl orientalischer Schulen, worin, wenigstens für unfern deutschen Geschmack, etwas zu viel von dem äußeren Gepränge und der Betheiligung der Behörde bei den öffentlichen Examen gesprochen wird. Es mag dies jedoch für den Orient erforderlich sein. Ueberall werden, wie es scheint, mit einer besondern Absichtlichkeit die Verdienste der französischen Consuln hervorgehoben, wobei es jedoch möglich ist. daß gerade diese Beamten ein besonderes Interesse für die Alliance- Schulen bezeugen. Für die neue Allianzschule in Jerusalem Haben verschiedene englische Privatpersonen und Fonds im Ganzen 47 500 Mark geschenkt und außerdem wurden in Frankfurt am Main 5000 Mark für Unterbringung 30 russischer Kinder in dieser Schule hergegeben. Im Uebrigen verweise ich hinsichtlich dieser Schule auf die früheren Berichte und bemerke nur noch, daß dieselbe auch von einer Anzahl muhamedanischer Schüler, meistens Söhne türkischer Beamten, besucht wurde. Ein Lieblings-, aber auch wohl ein Schmerzenskind der Allianz ist die Ackerbauschule zu Ja ffa, welche augenblicklich 34 Zöglinge zählt. Große Erfolge an ihren Zöglingen hat diese Schule offenbar bis jetzt nicht aufzuweisen. sonst würden erheblichere Resultate mitgetheilt sein; aus keinen Fall entsprechen bieie Resultate den großen Kosten, welche die Allianz und die großartigen Zuwendungen des Herr S. H. Goldschmidt zu London für diese Anstalt aufgebracht haben. Allein man darf nicht außer Acht lassen, welche großen persönlichen und lokalen Schwierigkeiten sich gerade diesem Unternehmen in den Weg stellten und noch stellen, und man muß die Geduld und die Zähigkeit der Allianz und der Anstaltsbeamten wahrhaft bewundern, mit welcher sie unentwegt dem gesteckten Ziele, die palästinensischen Juden schließlich doch dem Ackerbau, der Beschäftigung ihrer Ahnen zuzuführen, zustreben. Auf jeden Fall giebt diese Anstalt mit ihren Gärten. Baumpflanzungen, Weinbergen und Aeckern, wie auch aus andern, ganz uninteressirten Berichten heruorgeht. ein Bild davon, was aus dem bisher dürren und unfruchtbar scheinenden Boden Palästinas durch Fleiß, Ausdauer und Intelligenz geschaffen werden kann. Palästina könnte auch heute wieder das Land werden, wo Milch und Honig fließt, wenn es von einer so hervorragend tüchtigen und fleißigen Ackerbaubevölkerung, wie es die altjüdische Bauernschaft war, bevölkert wäre, wenn, abgesehen von ruhigen und gesicherten politischen Verhältnissen, eine vernünftige Agrargesetzgebung gelte, wenn, wie ehedem, zahlreiche Wasserleitungen, Brunnen und Cisternen gegraben, für reichliche Baumpflanzungen gesorgt und der dem alten Palästina so eigenthümliche terrassirte Anbau der Berge und Hügel wieder eingeführt würde. Die Ackerbauschule bildet mit ihren Anlagen eine saftige, grüne Oase in der sonst dürren Umgebung von Jaffa. Die Gürten haben im vorigen Jahre eine Einnahme von fast 9000, die Weinberge eine solche von fast 10 000 und die Aecker von über 5000 Franken erzielt. Das Deficit des Jahres betrug dagegen immer noch fast 30 000 Franken und würde noch bedeutend größer gewesen sein, wenn nicht Herr Goldschmidt die Ausgaben für die baulichen Reparaturen bestritten hätte. Wie segensreich übrigens die vielen Baumpflanzungen der Anstalt in hygienischer Rücksicht wirken, zeigt sich darin, daß in derselben ein vorzüglicher Gesundheitszustand herrschte, während die umliegenden, nicht von Anpflanzungen umgebenen Ortschaften von gefährlichen Fiebern und von der Dysenterie sehr stark heimgesucht wurden. (Fortsetzung folgt.)