Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 9. (25.2.1886)
- Date
- 1886-02-25
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 68 herrschend war. (Tob. 1,11. 2,19. 8,4 und 13; Sus. 29,63; Matth. 18,25; Luc. 1,5.) Sie sehen also, Herr Professor, daß es doch sehr bedenklich für einen Gelehrten sein dürfte, entschieden zu behaupten, das Judenthum hätte die Polygamie „unter dem Zwang der christlichen Sitte beseitigen müssen". Die christliche Sitte! Hat sie es denn bis heute schon vermocht, die Polygamie allüberall in Wirklichkeit zu beseitigen? Weis; der Herr Professor aus einer gewissen Partie der Statistik, aus gewissen Gerichtsverhandlungen und andern Quellen denn gar nicht, daß in so sehr vielen Hütten und Palästen noch hcut, noch im civilisirten Europa, die Monogamie eitel Zwang, Schein und Trug ist? Hat die christl. Sitte die Unzahl gewisser unaussprechlicher Häuser in den „Centren der Kultur" fortgeschafft? Hat sie — vide exempli gratia Konstanz — noble Passionen, wie die Frau eines Kameraden oder eines beliebigen Andern zu verführen und diesen dann wie einen Hund, zum Zweck seiner — des Verführers! — Ehrenrettung im nobeln Sport des Duells über den Haufen zu schießen, vollends besiegt? Hat sie die Duellwuth, welche das doch auch christl. Gebot: Du sollst nicht morden! geradezu verhöhnt, schon überwunden? Hat die christliche Sitte es hindern können, daß antisemitische Raubgesellen und Wollüstlinge jüdische Mädchen und Frauen schändeten und sie und ihre Angehörigen dadurch in Wahnsinn. Noth und Tod trieben? Hat die christliche Sitte antisemitische Gamins, die sich in den von ihnen herausgegebenen Schand- und Schundblättchen zu Sittenrichtern der Juden aufwarfen, davon abhalten können, die ihnen anvertrauten Unterstützungsgelder für arme christliche Wlttwen und Waifen zu verprassen, oder von ähnlichen Freveln? Wie viele Fragen könnte ich noch in Bezug auf den Einfluß der christlichen Sitte an Sie richten! Aber ich habe Ihnen versprochen, daß ich die Grenzen der Wiederoergeltnng noch lange nicht berühren werde. Doch ich bitte, mißverstehen Sie mich nicht! Ich bin weit entfernt, das Christenthum für die „christliche Sitte" der zahlreichen Rainen- und Scheinchristen unserer Zeit verantwortlich zu machen, beide zu identiflciren. Rur stellen Sie uns Juden diese Sitte nicht als Muster hin. Ich behaupte kühn, daß selbst die Polygamien der alten Juden viel sittlicher waren, als ungezählte moderne Scheinmonogamien. Und die (monogamischen) Ehen der spätern Juden? Als Musterchen wurden und werden sie sogar von Judenfeinden gerühmt. Freilich hat eine gewisse „Sitte" auch hier leider mancheNachahmung gefunden. Nach diesem Streifzug in das Gebiet sogenannter christl. Sitte erlauben Sie mir, Ihnen zu wiederholen, daß wir das Princip der geschichtlichen Entwickelung auch auf dem religiösen Boden Hochhalten und daß wir dazu ebenso befugt und berechtigt sind, wie Sie. Das werden und müssen Sie, als ein Mann, der neben Anderm auch Geschichte schreibt — uns doch einräumen. Wenn Sie indeß gewahren, daß wir Juden dieses Princip — das uns die jüdische Lehre und Geschichte tausendfach verkündet und empfiehlt — ernstlich bethätigen, dann ist Ihnen das ein so gewaltiger Dorn im Ange, daß Sie silbenstechend und nörgelnd sich zu der Frage genöthigt sehen, „ivie man wohl eine Religion zu bcurtheilcn hat, welche ihre eigenen Diener in eine solche Lage bringt". Ich gestalte mir die Gegenfrage, wie man wohl die — wissenschaftliche Bildung eines protestantischen Professors zu beurthcilen hat, welcher sich „Menschenliebe" zuschreibt, aber in Wallung geräth, wenn Andersgläubige auf dem Gebiete der Religion ein Recht ausüben, das er selbst dort geltend macht. Herr Professor! Sie schreiben sich Menschenliebe, christliche Sitte, protestantische Freiheit atque ejusdem generis complura zu. Wenn Sie dies Alles wirklich besitzen, wie konnten Sie sich dann herausnehmen, eine ganze Rabbinerversammlung der Täuschung des christl. Publikums zu beschuldigen? Haben Sie bedacht, was Sie uns durch ihre Behauptung noch imputiren? Alle diese Männer treiben auf den Kanzeln und in den Schulen eitel Humbug, sie betrügen ihre Gemeinden, die Schuljugend, sie betrügen ihre eigenen Kinder in den heiligsten Angelegenheiten, ja sie lügen vor ihrem Gott! Herr Professor! Wenn ein Jude ein solches Urtheil über eine christliche Professorenversammlung veröffentlichte, würde sie ihn nicht vor den Strafrichter ziehen? Doch das sei ferne von uns, den weltlichen Richter hier entscheiden zu lassen. Gegenüber der Tragikomödie unserer Zeit, wo man schon der Jugend in vielen höheren und niederen Schulen Judenhaß einprägt, wo man uns in der Litteratur und im Leben fast wahnsinnig verfolgt, während nach Sinn und Geist unserer Religion in unfern Schulen und Gotteshäusern die reinste, umfassendste Humanität gelehrt und im Leben durch Wohlthätigkeit. Bürgcrsinn und Vaterlandsliebe bethätigt wird, bescheiden wir uns, mit Lefstng (Anti-G. HI.) zn denken: Genug, daß mich mein Herz nicht verdammt, und ich also mit aller Freudigkeit zu Gatt einem jeden Intoleranten. der mir so kommt, die Larve vom Gesicht reißen darf und reißen will, sollte auch die ganze Haut daran hängen bleiben. Verzeihen Sie, Herr Professor, die Reproduzirung dieses Schlußsatzes. Ich versichere Ihnen hoch und heilig, daß ich ihn ebenso im übertragenen Sinne denke, wie Lessing. Einem etwaigen quälenden Verdacht, als ob ich Leising ebenso wörtlich verstehe, wie ihre Vortreter gewisse Redewendungen im jüdischen Schristthum auffassen, brauchen Sie sich nicht hinzugeben. Was ich will und nach dem alten »Retere licet“ darf, ist — Ihnen die Bitte vorlegen, Sie wollen mir gütigst einige Fragen ebenso offen beantworten, wie ich sie mit Bezugnahme auf vorstehende Kundgebungen an Sie richte: 1. Schreiben Sie Gesenius, Dietrich. Ryssel, Franz Delitzsch, Scherr und ungezählten andern christlichen Theologen, Philologen, Lexikographen und Litterarhistorikern gleichfalls „Unverfrorenheit. Täuschung des christlichen Publikums. Spekulation auf falsche Uebersetzungen, Verdunkelung des Sachverhalrs, Leugnung von Thatjachen, die Jedermann zu konstatircn vermag", ebenso verfroren zu, wie uns, weil jene christlichen Gelehrten, „wie Jedermann zu konstatircn vermag", mit der Rabbinerversammlung in Bezug auf Rea und Ger üdereinftimmen — oder lassen^Sie da Ihre „christliche Sitte" wallen, weil jene Männer Nlchtjnden.sind? 2. Rach 2. M. 11.2 sollten die Israeliten — für ihren langen Dienst und ihren zuriickgelassenell Besitz in Aegypten — jeder Mann von seinem Nächsten (Rea) und jede Frau von ihrer Nächsten (Rell'll) silbcrlie und goldene Gefäße fordern. Noch versteht alle Welt hier unter Rea den heidnischen Aegypter. Das muß Ihnen allerdings „unverfroren und verdunkelnd" erscheinen. Werden Sie nicht bald verfroren und aufklärend aller Welt beweisen, daß hier R§a gleichfalls den jüdischen Volksgenossen, den Mitjuden bedeutet und daß — o, wie werden Sie dann in gewissen Kreisels ob Ihrer Gelehrsamkeit angestaunt werden! —' „die alten Juden in Aegypten silberne und goldene Löffel gestohlen" haben? Ferner heißt es 3. M. 19.33 und 34: „Wenn sich bei Dir aufhält ein Fremdling (Ger) in eurem Lande, so sollt ihr ihn nicht drücken (Pardon, bald hätte ich gesagt: nicht ausweisen!) Wie ein Eingeborener von euch sei euch der Fremdling (Ger), der sich bei euch aufhült, und liebe ihn, wie dich selbst; denn Fremdlinge (Geriw.) wäret ihr im Lande Aegypten ( ihr wißt also, wie einem Fremdling (Gör) zu Muthe ist, cfr. 2. M. 23,9). Ich bin der Ewige, Euer Gott." Noch glaubt alle Welt, daß die Israeliten in Aegypten nichts weniger als Pcoselyten, als zum cgyptischen Heidenthum Bekehrte gewesen sind. Werden Sie die unverfrorene, getäuschte, verdunkelte, belogene Welt nicht bald von ihrem Wahn heilen? O, Sie Beneidenswerther, wie verdient werden Sie sich um die Menschheit machen, wenn Sie ihr auch diese Thatsache aufhellen, „die Jedermann zu konstatiren vermag"!