Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 8. (18.2.1886)
- Date
- 1886-02-18
- Page
- Seite 63 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 63 — berichtete über eine Petition des Israeliten Hornemann in Viersen, dahin wirken zu wollen, daß in dem Statut der bärtigen aus Communalmitteln unterhaltenen Realschule die Bestimmung, in Folge deren kein Israelit Mitglied des Curackoriums werden könne, in Wegfall komme. Trotzdem der Abg.Seyffardt-Magdeburg die Unbilligkeit einer solchen Bestimmung an paritätischen Schulen unter Erinnerung daran, daß im Rheinland mehrfach Israeliten Mitglieder von Curarorien gewesen, nachwies, entschied die Commission für Aebergang zur Tagesordnung, weil in der Bestätigung des Statuts von Seiten der Regierung keine Gesetzesverletzung zu finden sei. R Merlin, 14. Februar. (Or.-Corr.) Die Mittheilung im Leitartikel der vor. Nr. Ihrer gefch. Zeitung, daß „die .Herren Repräsentanten in Berlin das Rabbinat ganz außer Acht ließen" bei der Beschlußfassung über die Frage, ob die Prediger hiesiger Privatgemeinden auf dem Gemeinde-Friedhof in Amtstracht Leichenreden halten sollen — muß thatsächlich berichtigt werden. Das Gegentheil ist die Wahrheit: Das Rabbinat wurde von der ad hoo eingesetzten Commission um seine Wohlmeinung angegangen, und dasselbe sprach sich für die liberale Praxis aus, die auch zum Beschluß erhoben wurde. Daß jedoch die Erlaubniß hierzu beim Vorstande nachgcsucht werden muß, und daß derselbe sich das Recht vorbehält, die erlheilte Erlaubniß zu jeder Zeit zurückzunehmen, wird jeder billigen, der die Verhältnisse in den hiesigen Privatgemeinden kennt. Doch das ist nicht das Einzige sein, was an diesem etwas .flüchtig geschriebenen Artckel Ihres Badener Mitarbeiters zu rügen ist; er enthält noch einige Stellen, die den Leser frappiren müssen. Auf Seite 50 heißt es darin: „Katholiken und Protestanten sind wir einmal nicht, zur christl. Kirche können wir nicht schwören (!), das widerstrebt unserem ganzen Naturell". Blos deshalb? Und was soll damit denn gesagt sein? Was hat der jedenfalls theologisch geschulte Vers, sich dabei gedacht? Weiler heißt es wieder: „Man mag über die jüd. Dogmatik noch so viele Scrupeln haben, es kann doch niemand leugnen, daß das jüd. Gotteshaus und die häusliche Religionsübung unseren Glaubensgenossen wahre religiöse Befriedigung gewährt". Mtt dem Denken scheint sich der Herr nicht sehr abzuquälen, und die jüd. Dogmen werden ihm gewiß keine Scrupeln bereitet haben, wenn sie ihm beim Gebete uiib bei der häuslichen Uebung nicht störten. D,e verehrüche Redaction hat sich zwar durch die redactionelle „Nachbemerkung" salviert, aber nnr Hütten gewünscht, sie wäre etwas strenger mit dem Artikel in's Gericht gegangen. (Die Redaction kann unmöglich die Verantwortlichkeit für jeden Satz eines ihm von einem erfahrenen Collcgen übersandten Artikels übernehmen; sie prüft die Tendenz des Artikels und nimmt ihn — selbst wenn diese nicht den Anschauungen der Red. entspricht, um des freien Meinungsaustausches willen auf. — Für die einzelnen mehr oder weniger logischen Auseinandersetzungen, oder gar stylistisch .angreifbaren Sätze, müssen wir die volle Verantwortlichkeit dem Verfasser überlassen. Die Herren Autoren sehen ihre Arbeiten nicht gern mit redactionellen „Noten" begleitet, oder gar den .„schulmeisternden" Rothstift darin allzusehr seines Amtes walten. Red.) A. W. Merlin, 9. Februar. (Or.-Corr.) In einer früheren Nummer Ihres gesch. Blattes brachten Sie die kurze Notiz von den Montagsvorlesungen, welche in diesem Winter zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums im Saale der Gesellschaft der Freunde gehalten werden sollten. Dieselben nahmen am 11. Januar ihren Anfang, und bedauere ich sehr, daß ich die erste Häl;te des aus sechs Vorlesungen bestehenden Chclus anzuhören verhindert war. Herr Prof. Lazarus eröffnete denselben mit seinem Vortrag über „Mendelssohn, seine Beziehungen zu Juden und Judenthum", der in der „Deutschen Revue" abgedruckt ist.*) An den nächstfolgenden Montagen sprachen Herr vr. Emanuel Ritter über „Ein alter und ein neuer Zweifler" (Koheleth und Heine) und ihm folgte Herr Rabbiner vr. May bäum mit einem Vortrage über „Hiob". Am ersten Februar hielt sodann Herr vr. Joel Müller, Dozent an der Hochschule, einen anregenden und genußreichen Vortrag über „N ichtalmudis che Ethik". Der Redner erging sich über die mannigfaltigen Aeußerungen der rabbinischen Bücher und R sponsert, die das Gebot der allgemeinen Menschenliebe und der religiösen Toleranz betreffen. In zahlreichen Belegen aus den Sendschreiben der Gaonen Saadia, Scherira, Hai u. a., Maimonides und Nachmanides, dem Buche Sahar und sonstigen nachtalmudischen Schriftstellen wurde ein lebensvolles Bild von der sittlichen Größe und wahren Humanität, die dieses Zeitalter kennzeichnen, entrollt. Dem durch seinen Inhalt fesselnden Vortrage gab eine gewählte Sprache einen noch höheren Reiz. Die zahlreich erschienene Zuhörerschaft, unter welcher man die hervorragendsten Vertreter des Judenthums bemerken konnte, lieferte den Beweis, wie sehr derartige religiös-wissenschaftliche Vorträge, beliebt und geschätzt werden. Der zweite Montag dieses Monats brachte uns von Herrn Rabbiner vr. Ungerleider eine Betrachtung über die „Israeliten auf dem Gebiete des Verkehrs." Ausgehend von dem Ursprünge des israelitischen Volkes, durchlief der Vortragende alle Stadien seiner Entwickelung bis auf die heutige Zeit. Die Bedeutung Abrahams als patriarchalischen Leiter des Hauswesens, die Mose's als Ordner des Volkslebens hob er im Anschluß an die Ideen Herders hervor und deutete auf die ^Harmonie hin, welche zwischen dem geistig religiösen und dem materiellen Schaffen des israelitischen Volkes bestand. Die Aufgabe Israels, führte er aus, ist es gewesen, den Gedanken der monotheistischen Weltanschauung zu vertiefen und fortzupflanzen. Diesem seinem Berufe aber entsprach seine Thätigkeit, der Ackerbau und die Viehzucht. Nur in einem Geschlecht von Ackerbauern und Hirten konnte sich die Religion zu der höchsten Vollendung, die sie erreichte, ausgestalten. Dagegen war der Handel von dem israelitischen Gemeinwesen, wenn nicht verachtet, doch nicht gepflegt und gefördert. Salomo's Seeunternehmungen fanden keine Nachahmung, und ohne Glück versuchte Josaphat später über das Meer hin Handel zu treiben. Auch findet sich in dieser biblischen Zeit keine Bestimmung über den Handel autzer dem Zinsgesetze, nach welchem von den Fremden in Palästina ein Zoll genommen wurde. Eben aus diesem letzteren Umstande erkenne man, wie ungewöhnlich bei den Juden selbst der Handel gewesen, den sie vielmehr den Phöniziern, Arabern u. a. neidlos überließen. Nachdem der Vortragende noch einen kurzen Blick, auf die Zeit des Exils geworfen, ging er zur Besprechung der nachexilischen Zeit über, zu der Periode der Mischnah und des Talmud. Anschaulich zeigte er, wie auch im Talmud der Handel keine Beachtung findet, dagegen das Handwerk hoch in Ehren steht. Zum zweite,» Abschnitte, dem Mittelalter, überleitend, schilderte der Redner d:e Veränderung des politischen Horizonts nach der Verbreitung der Juden über die Erde. Von den heidnischen Kaisern Roms noch geschätzt und geachtet, gerathen die Juden unter dem Christenthume in Mißachtung und werden zum .Gegenstand religiöser Verfolgung gemacht. Aber ihre Bedeutung wird dadurch nicht gemindert. Von dem Orient letten sie, nunmehr ganz dem Handel ergeben, die Erzeugnisse des Ostens nach dem Abendlande hinüber. Kein Volk, kein Land, welches nicht Juden betreten, zu dessen Wohlstand sie nicht beigetragen haben. Republiken wie Venedig und *) Wir werden, da derselbe von der orthodoxen Presse in bekannter Weise abgeschlachtet und der berühmte Redner darob verunglimpft worden ist, Auszüge daraus bringen. Es schein bei der gen. Presse jetzt Maxime geworden zu sein, wo sie sachlich nichts widerlegen kann, die Personen durch Verhöhnung und Verleumdung zu mißcredit-ren. Wann wird endlich der sittliche Ekel vor solchen Blättern auch beim niedern jüd. Lesepublikum sich regen? (Red.)