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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-18 · N° 8. (18.2.1886) · p. Seite 62

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 8. (18.2.1886)
Date
1886-02-18
Page
Seite 62 (sequence 4)
Language
German
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dunkeln, zumal es noch nie Vortheil gebracht habe, Thatsachen zu leugnen, die Jedermann zu konstatiren vermöge. Sie belieben also dem Judenthum die Lehre der allgemeinen Menschenliebe überhaupt abzuerkennen und bezichtigen die Vertreter einer Glaubensgenossenschaft, eine Rabbinerversammlung, der Täuschung des christlichen Publikums — jener Glaubensgenossenschaft, ohne welche Sie nicht christlicher Professor wären; jene Rabbiner, denen aller Glaubensstolz und alles Streberthum nichts, garnichts im „christlichen Staate" nützen würde. Sie wollen das hebr. Rva lediglich als Volks gen o ß (Mitjude) und Gor ausschließlich als Proselyt aufgefaßt haben. Es widerstreiten aber dieser Auffassung selbst christliche Theologen, Philologen, Lexikographen, wie Gesenius, Dietrich, Ryssel, Franz Delitzsch und andere, denen gewisse Professoren doch nicht die Schuhriemen lösen können, unter Hinweis auf 2. M. 11,2. 20,17 ff. 22,25. 3. M. 19,13, 33,34 u. v. a. St., sowie christliche Littteraturhistoriker, von denen ich nur Scherr (Tragikomödien) anführe: „Die alberne Lüge, daß das Christenthum zuerst die Botschaft der Liebe verkündigt habe, kann man nur noch ganz unwissenden Menschen anstreichen. Das Haupt- und Grundgesetz der christlichen Moral: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! (Mark. 12,31) ist wörtlich und buchstäblich aus 3. M. 19,18 entlehnt." Gewichtiger dürfte wohl die Ansichtsäußerung Luth er's in vorliegender Frage sein. Da habe ich vor mir „Biblia, Die gantze Heilige Schrifft Alten und Neuen Testaments Nach der Uebersetzung und mit den Vorreden und Randglossen vr. Martin Luthers pp. Ausgcfertiget unter der Aussicht und Direction Christoph Matthäi Pfaffen, Der Heiligen Schrift Doctorn, Professorn, Cantzlern und Probsten zu Tübingen, auch Abbten des Closters Lorch. Mit Censur des Hochfürstl. Würtemb. Consistorii und Löbl. Theologischer Facultüt zu Tübingen, auch Allergnädigsten Privilegiis. Tübingen, Cotta 1729." Schlagen wir in dieser Bibel einmal Lev. 19.18 auf. Die Uebersetzung des Versschlusses lautet: „Du sollt Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst." Zu dem Worte „Nächsten" giebt Luther sub 3 die Glosse: „OhneUnterscheid Standes, Geschlechtes und Verwandschafft, Wenns auch Heyden und Jüdcn und Feinde sind. Matth. 5,45. 8,12. 19,19. 22.39. Marc. 12.31. Luc. 10,36. 1. Joh. 5,20. Jac. 2,8. Siehe auch 2. M. 11,2. 20,16. 23,4. 5. 5. M. 10,19. Richter 14,11. 20." Schlagen wir ferner in dieser Bibel Matth. 5,43 auf. Da lautet der Text: „Ihr habt gehöret, daß gesagt ist: Du sollt Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen." Zu „lieben" giebt Luther sub 1 die Bemerkung: „Nicht nur Deinen Freund und Landsmann, sondern auch den Auswärtigen 2. M. 11,2. Richter 14,20 und Feind, 3. M. 19,18. ja einen jeden Menschen 2. M. 20,16 rc. 23,4. 5. M. 32,35. Sprüchw. 25,21." Und „Feind" glossirt Luther 8ub 2, also: „Das stehet nirgend in dem Gesetz, sondern vielmehr nach erst angeführten Stellen das Gegentheil, es war aber eine dem Fleisch angenehme Glosse der Ausleger" pp. Matth. 5, 44 lautet in dieser Bibel: „Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde" rc. Zu „Feinde" lesen wir sub 1. die Erläuterung: „Nach dem wahren Sinn des Gesetzes, welcher auch die Femdes-Liebe erfordert, siehe die erst angeführten Stellen." Noch gewichtiger, ja am allergewichtigsten dürfte in vorliegender Frage für einen christlichen Professor wohl Christi Ansichtsäußerung sein. Nach Marth. 22, 34—40 und Marc. 12, 28—34 fragte ein gesetzeskundiger Jude Christum, welches der Inbegriff des Judenthums sei; Chrrslus hob ihm die jüdischen Lehren der Gotteseinheit, der Gottesliebe und der Nächstenliebe hervor, und zwar genau mit den Worten der Thora; darauf sprach der jüdische Schristgelehrte: Rabbi, Du hast wahrlich recht geredet; und hierauf antwortete Christus: Du bist nicht fern von dem Reiche Gotteö. Und ganz im Sinn und Geist der Thora lehrt der Talmud an unzähligen Stellen allumfassende Humanität und hehre Sittengröße. Allerdings enthält derselbe auch einige scheinbar intolerante, sowie einige, von einem gewissen Standpunkt betrachtet, wirklich intolerante Aeußerungen. Diesen Standpunkt, ich sag' es frei und frank, theile ich nicht; ich bin entschieden der Ansicht, daß bei Beurtheilung der letztgedachten Aeußerungen die Verhältnisse, die sie hervorgerufen, allbekannte Gräuelthaten und Verbrechen gegen Juden, nicht außer Acht gelassen werden dürfen. So glaube ich z. B. nicht intolerant zu sein, wenn ich nicht den geringsten Anstand nehme, die antisemitischen Hetzprediger und Streber, Mörder, Brandstifter, Frauenschänder, Fälscher, Defraudanten und ähnliches Gelichter in Deutschland, Rußland, Ungarn und Rumänien eine religionslose Bande, ja Bestien in Menschengestalt zu nenne»:, oder wenn ich antisemitischen Aerzten mein oder der Meinen Leben nicht anvertrauen, oder dem Schwur eines Antisemiten in Bezug auf einen Juden nicht glauben mag. Weltbekannte Gerichtsverhandlungen in unserer antisemitischen Aera lassen solche Vorsicht wohl als selbstverständlich erscheinen. Erlauben Sie mir, Ihnen hierneben den Ausspruch Göthe's in Erinnerung zu bringen, daß die ganze Kirchengeschichte ein Mischmasch roher Ge»valt sei, sowie die Behauptung Herbert Spencer's, daß das Christenthum aus einem früher von den Heiden Verfolgten, ein Verfolger des Heibenthums, Judenthuins, ja jeder abweichenden Meinung in seiner Mitte gelvorden, daß ganz in dasselbe Verhältniß die Reformation getreten sei, daß Luther, Zwingli, Calvin keine abweichende Meinung neben sich geduldet hätten, daß eine große Zahl Verketzerter, wie Servet, Münzer u. A. unwiderlegliches Zeugniß dafür sei. Sie und Ihre Vorbeter, zu denen außer Gildemeister namentlich auch der, in seiner hochgradigen Vorurtheilsseligkeit gegen Juden und Judenthum Ihnen gcw ß ebenso sympathische, wie in seinein wahnsinnigen Protestantenhaß unsympathische Rohling zu zählen scheint, fußen bei Ihren: Urtheil über die talmudische Ethik auf den gedachten „Judenspiegel". Ahnen Sie denn garnicht, daß. wenn Juden diese»:: täuschenden „Judenspiegel" einen nichttäuschenden „Christenspiegel" entgegenstellen wollten, Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen, wie inan zu sagen pflegt, Hören und Sehen vergehen mußte? Falls Ihnen das als Hyperbel erscheint. so bitte ich S«e, mein „Postscript zu den bisherigen Urtheilen über Delitzsch's Schachinatt" in Nr. 2 des Jüd. Lttteraturbl. Jahrg. 1884 einer Erwägung zu würdigen. Selbst wenn Alles, was Ihre Borbeter gegen Juden und Judenthum vorzubringen versuchen, ebenso wahr wäre, wie es falsch resp. kontrovers ist — was würde das gegen jenen „Chr»stenspiegel" bedeuten? Was würde das bedeuten gegen unfern Dekalog, der unbestritten und unbestreitbar allgemein gehalten ist, gegen die überreiche Fülle unübertrefflicher, allumfassender Hmnanitätslehren unserer Bibel, unserer tal»nudischen und nachtalinudischen Litteralur und — last, not least — gegen uns rn gottgegebenen gesunden Menschenverstand? Wie dieser dein Talmud gegenüber u. A. schon iin elften Jahrhundert von dein hochberühmten unh strengfrommen Rabbi Samuel Chofni Gaon gewürdigt worden, können Sie gleichfalls aus dem yu. „Postscript" ersehen. Doch lassen wir die Vergangenheit und gehen zur neuern Zeit über! (Schluß folgt.) Berichte und Corresporrbeuzen. Deutschland. Magdeburg, 12. Februar. Gestern Abend verhandlte die Unterrichtscommiision des Abgeordnetenhauses zum ersten male in dieser Session. Auf der Tagesordnung stand eine Re:he von Petitionen, aus der wir diejenigen von allgemeinem Interesse hervorheben. Der Abg. Simon v. Zastrvw (conscrv.)

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