Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 8. (18.2.1886)
- Date
- 1886-02-18
- Page
- Seite 61 (sequence 3)
- Language
- German
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61 — „Herrn Stöcker ist mehrfach nachgewiescn worden, daß er sich der Unwahrheit schuldig gemacht hat und zwar in einer für den Stand des Mannes erst recht traurigen Weise". Und weiter hieß es in dem zweiten Flugblatt: „Die Bewegung, welche Stöcker ins Werk gesetzt, hat Se. Königliche Hoheit der Kronprinz eine Schmach für Deutschland genannt und hinzugefügt, er habe sich im Ausland gegenüber dieser Agitation geschämt. Im selben Sinue sprach sich der Kronprinz am 14. Januar 1881 wiederholt aus. Wähler! Einem Manne wie Stöcker, von dessen Werken unser allvcrehrter Kronprinz so denkt und spricht, dem könnt Ihr Eure Stimme nicht geben", ferner: „Der von Stöcker geleiteten christlich-sozialen Partei in Berlin haben auch die Königsmörder Hödel und Nobeling angehört, und Hödel hat sich noch am Tage vor seinem scheußlichen Attentat in dem Stöckerschen Verein erbauen lassen", und schließlich: „daß die Jenaer theologische Fakultät ein niederschmetterndes Urtheil über den Hofprediger Stöcker gefällt habe". Solche Aeußerungen kann selbstverständlich ein Mann von Ehre und Wahrheitsliebe nicht auf sich sitzen lassen. Herr Hofprediger Stöcker stellte gegen den Redakteur Bommert in Siegen den Strafantrag, und dieser wurde angrklagt: „in Bezug auf den Hofprediger Stöcker Thalsachen behauptet und verbreitet zu haben, welche denselben verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen geeignet sind". Die Beweisaufnahme (worunter auch die Aussage des Oberbürgermeisters Forckenbeck in Berlin) ergiebt die W ahrheit aller incriminirten Behauptungen. Der Vertheidiger unterzieht dieWahrheitsliebe des Herrn Hofprcdigers einer geradezu vernichtenden Kritik. Für die vom Kronprinzen gethane Aeußerung betreffs der Antisemiten-Bcwegung ist der Vertheidiger jetzt in der Lage, auch noch einen Zeugen anzuführen, der die Worte Sr. Kgl. Hoheit selbst angehört hat, und zwar den Freiherrir von N o r m a n n. Der Gerichtshof zieht sich dann zur Berathung zurück. Dieselbe dauert eine halbe Stunde. Das Urtheil lautet dahin, daß der Angeklagte Bommert von der Anschuldigung der Beleidigung freizusprechen ist. In den Motiven heißt es, daß der Beweis der Wahrheit in allen Punkten erbracht erscheine, und daß weder in Inhalt, noch Form der Flugblätter eine Beleidigung Stöckers zu erblicken sei. „Das Publikum nahm den Urtheilsspnich mit lauten Bravos auf." So nimmt das jämmerliche Spiel der antisemitischen Blwegung ein gar jämmerliches Ende. Es stirbt an seiner inneren Vcrkemmcnheit. Die Schnelligkeit und Unaufhaltsamkeit dieses Vcrwesungsprocesscs tritt besonders schlagend hervor, wenn man den kurzen Zeitraum zwischen deni Prozeß Stecker-Bäcker und dem Prozeß Stöcker-Bommert überschaut. Damals bewegte der durch das Verdienst und eminente Geschick des Rechtsanwalts Sachs herbcigeführte moralische Zusammenbruch des Hofpredigers wochenlang die ganze gebildete Welt, heute, wo ihn eine fast noch empfindlichere Züchtigung getroffen hat, kräht kein Hahn mehr darnach. Herr Stöcker bemüht den Staatsanwalt in Siegen, weil ihm nachgesagt worden ist, daß er vielfach mit Unwahrheiten umgegangen sei, daß Königsmörder aus der von ihm gegründeten Partei hervorgegangen seien, daß die theologische Facultät in Jena ein niederschmetterndes Gericht über ihn gehalten, endlich daß der Kronprinz die von ihm geleitete Bewegung als eine „Schmach für das neunzehnte Jahrhundert" erklärt habe. Der Staatsanwalt klagt, und das Gericht weist die Klage ab, sintemalen alle jene Behauptungen, durch welche sich Herr Stöcker in seiner Ehre vernichtet fühlt, doch nur blanke und reine Wahrheiten seien. Da liegt er denn also wieder am Boden, aber diesmal stürzen sie nicht herbei und richten ihn auf durch Zustimmungstelegramme und Ermuthigungsadressen, wie nach dem Bäcker'schen Prozesse. Ach nein! Sie lassen ihn liegen! Und hätte Herr Stöcker es nicht gar zu arg getrieben, heute könnte man ein wenig Mitleid mit ihm haben! Da liegt er und sieht mit gläsernem Blick, wie die Ratten das antisemitische Wrack verlassen und hastig übereinanderpurzeln hin an das Ufer der Zukunft, wo er als Hofprediger verloren sein wird, wie er als Freund der Arbeiter und Freund der Wahrheit längst gerichtet ist. Ein erbarmungswürdiges Schicksal, aber für diesen Mann schließlich doch nur ein verdientes! Offene Kundgebungen und Fragen des Skabb. Dr. Kroner i« Brandenburg a. d. H. an Herrn Prof. Ho. Stade, feine Vor» und Nachtreter. Ist es von einem rechtschaffenen Gelehrten begreiflich, daß er widerlegte Beschuldigungen nochmals in die Welt schickt? (Lessing, Anti-Göze II.) Geehrter Herr Professor! Sie, Ihre Vor- und Nachtreter scheinen jeden Versuch, dahin zu wirken, daß sich Vorurtheile gegen Juden und Judenthum wie eine ewige Krankheit forterben, für ein beneidenswerthes Verdienst zu halten. Bei solchen Versuchen schreiben Sie und Ihre Gesinnungsverwandten mit eigenartigem Geschmack den Juden „Unverfrorenheit" zu und wähnen Sie und Ihresgleichen, rührend bescheiden, sich im Vollbesitz des Gegentheils: der — Verfroren heit, um einmal die formschöne Ausdrucksweise gewisser deutscher Professoren und Hofprediger der Neuzeit nachzuahmen. Beschäftigen wir uns mit dieser Verfrorenheit hier nur ein Stündchen! Ob gleichdas von Ihrem Herrn Kollegen Gildemeister in dem bekannten Jsaakiade-Prozeß abgegebene Gutachten — das sich im Wesentlichen mit dem „Judenspiegel" des nunmehr gerichtlich als Gauner entlarvten Justus identificirte — bereits christlicher- und jüdischerseits im Bonner General- Anzeiger vom 8. Juni 1884, in der Bonner Zeitung vom 7. und 13. dess. Monats, im Jüdischen Litteratur-Bl. vom 31. Juli dess. I. ff. eine Beurtheiluug erfahren, ja erfahren mußte, welche nicht nur die religionsgeschichtliche, talmudische und objektiv-kritische Befähigung Gildemeisters, sondern auch zum Leidwesen Aller, denen die religiös-sittliche Hebung des Volkes nicht gleichgültig ist, die „christliche" Duldsamkeit gewisser Geschichts- und Litteraturepochen in ungewöhnlichem Lichte erscheinen läßt: können Sie doch nicht umhin, in Ihrer Geschichte des Volkes Israel durch einen Abklatsch aus jenem Gutachten die Berliner Rabbinerversammlung anzugreifen. Auch meine Wenigkeit hatte die Ehre, Mitglied dieser Versammlung zu sein. Dies betone ich, damit Ihnen die Begründung meiner „Unverfrorenheit" gegenüber Ihrem Angriff nicht, wie mancherlei Anderes, entgehe. Zwar ist Ihnen infolge dieses Angriffs bereits in Nr. 4 der „IsraelitischenWochenschrift" unter Magdeburg derart heimgeleuchtet worden, daß Ihnen ein wenig warm oder gar schwül werden mußte; aber Sie sind eben — sehr verfroren, und da kann ich nicht umhin, jene Heimleuchtung meinerseits noch durch einige wärmendere Strahlen zu verstärken. Nachdem den litterarischen Koprophoren, denen Sie Nachtreten, fast bis zum Ueberdruß oft nachgewiesen, auf wessen Seite das Dunkel und das „Verdunkeln" obwaltet, habe ich das wissenschaftliche Gebiet nur hin und wieder zu streifen, um so mehr aber werde ich Sie auf dem moralischen Gebiete interpelliren, eingedenk jedoch der Worte Lessing's an Göze: „Ich werde die Grenzen der Wiedervergeltung noch lange nicht berühren. Sie können einen ungesitteten Gegner vielleicht an mir finden, aber sicherlich keinen unmoralischen. Nur Ihre unmoralische Art zu disputiren will ich ins Licht zu setzen suchen, sollte es auch nicht anders als auf die ungesittetste Weise geschehen können." Sie belieben zu sagen: Es ist ein durch seine Unverfrorenheit auffallendes Beginnen, wenn versammelte Rabbiner dem christlichen Publikum einzureden suchen, daß die Juden durch Gebote wie Lev. 19.18, 24.22 zu gleichem sittlichen Verhalten gegen alle Menschen verpflichtet seien, und das Judenthum zur Religion der Menschenliebe stempeln. Man spekulirt hierbei auf die falsche Uebersetzung von Rsa „Volksgenosse" mit „Nächster" und G«r mit „Fremder" in der deutschen Bibel. Dann verdammen Sie die talmudische Ethik, verhimmeln die christliche Ethik, obgleich diese in ihren vernünftigsten und hehrsten Theilen notorisch dem A. Testament und dem Talmud entnommen ist, und deklamiren, es sei jedenfalls kein Grund vorhanden, den Sachverhalt zu ver-