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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-18 · N° 8. (18.2.1886) · p. Seite 60

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 8. (18.2.1886)
Date
1886-02-18
Page
Seite 60 (sequence 2)
Language
German
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— 60 — man an nimmt, daß er lateinisch verstehe. Die von Rohling genannten lateinischen Werke Agobard's wurden dem Vr. Franz Weihrich, K. K. Professor am Franz-Josefs-Gymnasium in Wien, zur Prüfung übergeben und wie lautete das Gutachten dieses beeideten Sachverständigen? In den beiden genannten Schriften ist keine Thatsache angeführt oder den Juden zur Last gelegt, welche als ritueller Mord ausgelegt werden könnte. Das ist ein einziges kleines Stück aus dem reichen Prozeßmaterial, über welches verhandelt werden sollte, und wie muß August Rohling nach dieser einzigen Probe beurtheilt werden. Er citirt die Werke eines Bischofs, eines katholischen Heiligen, gebraucht ihn als Zeugen für eine der furchtbarsten Anklagen gegen die Juden, und hat sie gar nicht nachgeschlagen! Muß nicht jeder unbefangene Leser, der in dem Buche des vr. Joseph Kopp die Auseinandersetzung über diesen Punkt liest, sofort sich sagen, daß dieser August Rohling es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, mag es sich auch um eine der schauerlichsten Anklagen gegen eine nach Millionen zählende Religionsgeuossenschaft handeln? Wird nicht Jedermann dem vr. Joseph Kopp zustimmen, wenn derselbe am Schlüsse dieses kleinen Kapitels über Agobard ausruft: „Ein Doctor und Professor der Theologie kann doch nicht behaupten, daß er ein lateinisches Werk eines katholischen Theologen nicht lesen kann, er hat also entweder frech getsge», oder mit nicht geringerer Frechheit zur Begründung seiner schwerwiegenden Beschuldigungen sich aus ein Buch berufen, das er gar nicht gelesen hat — und zwar dies alles in einem für das große, der Controle unfähige Publikum bestimmten Buche, an dessen Spitze er seine Autorität damit unterstützt, daß er als Universitätslehrer durch einen heiligen Eid mit Kaiser und Volk verknüpft ist. Nach einem Bischof werden wir «it einem getauften Juden bekannt. Derselbe heißt Paolo Medici und soll, wie August Rohling behauptete, in seinem italienisch geschriebenen Werke: „Riten und Sitten der Hebräer" Cap. 26 berichten, „daß man am Purimfest einen Christen zu tödten sucht zum Gedüchtmß Amau's, daß man aber in Ermangelung eines Christen auch einen Türken oder Heiden und Männer wie Weiber nehmen kann." vr. Kopp ist ein gar gewissenhafter Mann, streng gegen sich selbst und milde gegen Andere und daher der schroffste Gegensatz zu dem Prager Professor der hebräischen Archäologie. Er verglich die Ausgaben dieses Werkes von Madrid, 1727. Venedig, 1776, 1788 und 1801 und Turin, 1874, und siehe da, weder im 26. Capitel, welches allein vom Purimfeste handelt, noch im ganzen Buche findet sich ein einziges Wort, aus welchem mit Aufgebot aller Phantasie und Deutungskunst auch nur annähernd etwas den Rohling'schen Citaten ähnliches entnommen werden könnte! Man begreift den Zornesausbruch des vr. Joseph Kopp, der das Capitel über Paolo Medici mit den vernichtenden Worten schließt: „Also ein weiterer Beweis von Robling's frevelhafter Verlogenheit oder seinem ruchkosen Leichtsinn." Sind der französische Bischof und der italienische Couvertit nicht zwei klassische Zeugen für die „frevelhafte Verlogenheit" und den „ruchlosen Leichtsinn" eines Menschen, der sich zum Sittenrichter der Juden aufwarf und ihnen die jchauerlichsten Lehren und Thaten imputirte? Genügen nicht diese beiden Beweise, die an der Spitze des Beweisverfahrens stehen, um ein Verdammungsurthell über Rohling zu fällen? Wie ein vollendetes Drama mit jedem Acte das Interesse des Zuhörers steigert, bis in den Schlußscenen die Steigerung ihren höchsten Punkt erreicht; so auch das Gerichlsdrama, das vr. Josef Kopp mit künstlerischer Meisterschaft uns vorführt. Es folgen Beweise auf Beweise für die Unwissenheiten, absichtlichen Täuschungen und tendenziösen Fälschungen des Gerrchtshelden Rohling, die Spannung wächst mit jeder neuen Gerichtsscene bis wir zum letzten Acte: „Das Blutrituale der Juden" gelangen. 0, das ist ein gar schauerhafter Aufzug! Wir hören das Röcheln der armen Christenkinder und den Aufschrei christlicher Jungfrauen, die mit dem rituellen Schlachrmesser unter den feierlichen Worten einer hebräischen Benediction hingeschlachtet werden, voll Entsetzen erblicken wir das Christen - blut und sehen, wie es von den Juden mit dem Teige, aus welchem die Mazzot gebacken werden und mit dem Passah- Wein vermischt wird, und wie dann diese Juden, männlichen und weiblichen Geschlechtes, um den festlich gedeckten Tisch sitzen und bei Hellem Festeslichte mit teuflischer Bosheit das Blutmahl genießen. Plötzlich erscheint der Gerrchtsheld im Priestergewande, hebt die Finger in die Höhe und schwört im feierlichsten Tone: Die Juden, die Anhänger des Talmud und der Kabbala, haben ein Blutritual, schlachten Christenkinder und christliche Jungfrauen zu rituellen Zwecken. Dann schlägt er den zweiten Band des Sohar auf und verliest aus demselben das ganze Schlachtritual. Allein kaum hat der Held des Drama's den letzten Satz des Sohar falsch zu Ende gelesen, erscheint vr. Josef Kopp auf der Bühne und zeigt uns, daß das ganze blutige Ritual von August Rohling mit Hilfe erfundener Decorationen in Scene gesetzt worden, der Eid falsch und der Sohar mit unvergleichlicher Ignoranz und mit unerhörter Frechheit dem ganzen Sinne nach gefälscht sei. Das Gerichtsdrama ist zu Ende, der Vorhang fällt und der Held Rohling verschwindet oder nimmt Urlaub auf ein Jahr, um fern von Prag über die Macht der Wahrheit nachzudenken. Das Buch des vr. Josef Kopp ist eine Thal, eine geschichtliche That, ein Triumph der Gerechtigkeit, einer jener magischen Kreise, vor welchem die Dämonen des Talmudjaden und der Blutbeschuldigung sich flüchten und verbergen. Nach dem Erscheinen dieses Buches darf kein Antisemit es mehr wagen, den „Talmudjuden" und die übrigen gedruckten Sünden Rohlings als Autorität zu citiren. Es ist daher die Pflicht unserer Glaubensgenossen,*) das Buch des vr. Josef Kopp zu verbreiten, Exemplare anzukaufen und zu vcrtheilen, damit die Wahrheit über die Litteratur und die Moralität der Juden, die vr. Josef Kopp so siegreich gegen die böswilligsten und feindseligsten Verleumdungen vertheidig hat. überall Eingang finde. In dem Archive einer jeden jüdischen Gemeinde müssen Exemplare dieses Buches aufbewahrt sein, um es als Schutzmittel gegen die wilden Geister des Antlsemitismns zu gebrauchen. Nach einer jüdischen Sage ist ein Haus vor Feuergefahr bewahrt, wenn das Buch „Rasiel" in demselben sich befindet. Wer das Buch des vr. Josef Kopp in seiner Wohnung besitzt, der sichert sie gegen das Feuer und die Flammen des Rassenfauatismus und glühenden antisemitischen Hasses. Dem verehrten vr. Josef Kopp rufen wir zum Schluffe die Worte zu, die Josef in Egypten aus dem Munde des Königsvernahm: „Niemand ist so weise und einsichtig wie Du!" Wien, 15. Februar 1886. vr. Ad. Jellinek. L. Der Berliner Hofprediger Stöcker. Wo von Rohling gesprochen w.rd, ist Stöcker auch nicht weit. — Am 10. d. Mts. kam oor der Strafkammer zu Siegen wieder ein Stöcker-Prozeß zur Verhandlung, der obwohl Stöcker der Kläger war, mit seiner vollständigen Niederlage endete. Der der Anklage zu Grunde liegende Thatbeftand ist kurz folgender: Während der letzten Reichstagswahl (1884) erschienen zwei Flugblätter, die sich mU der Kandidatur Stöckers beschäftigten, und in denen es hieß: *) Besonders des Deutsch-Israel. Gemeindebundes. (Red.)

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