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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-11 · N° 7. (11.2.1886) · p. Seite 54

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 7. (11.2.1886)
Date
1886-02-11
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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— 54 — Seinen ersten Vortrag „Goethe in Polen" Hielt er in dem hiesigen Rathhaussaal vor einem höchst distinguirten und Zahlreichen Publikum. Dieser Vortrag, der sowohl in Bezug auf Sprache, als technische Rundung ein wahres Meisterstück war, schilderte in erschöpfender Weise die Beziehungen des großen Dichters zu der polnischen Pation. Alle hiesigen polnischen Blätter, die bei der Vorlesung durch ihre Redacteure vertreten waren, erschöpften sich in Lobeserhebungen über diesen Vortrag. Mit noch größerer' Begeisterung wurde sein zweiter Vortrag „Ein Blick in die jüdische Lirteratur" ausgenommen. Dieser Vortrag, der sich durch Wärme und wahre Liebe für das Judenthum und seine Litteratur auszeichnete, entrollte ein farbenprächtiges Bild von den litterarischen Leistungen unseres Volkes im Verlaufe der Jahrhunderte, und es kann nicht genug rühmlich erwähnt werden, daß trotz der Beschränkung, die der Vorleser sich auferlegen mußte, da er doch nicht länger als etwa anderthalb Stunden sprechen konnte, es ihm dennoch gelang, in Lapidarzügen ein grandioses Bild zu zeichnen, sodaß alle Anwesenden Einblick in die große Werkstätte gewannen, in der die großen Geister unseres Volkes am sausenden Webstuhl der Zeit, der Religion und der Cultur der Gottheit Kleid wirkten. Von mächtiger, ja zündender Wirkung war die Bemerkung des Vorlesers, daß nichts das Judenthum glänzender charakterisiren kann, als das kurze Gebet am Schlüsse des Versöhnungstagcs, welches lautet: „Und nichts ist uns geblieben, als einzig diese Lehre". Nicht an sich und sein Haus, bemerkte der Vorleser, nicht an sein Volk und die versunkene Zionsstadt denkt der Jude, da die letzten Strahlen der Sonne des großen Tages in sein Gebet fallen, sondern nur an die Lehre, das einzige Kleinod, das ihm übrig geblieben und das ihn auf seinen vielen Wanderungen erhalten hat. Der dritte Vortrag „Heiniich Heine" erfreute sich nicht weniger des allgemeinen Beifalls. vr. Karpeles zu EhrewchsH» Festabende auf Festabende hier gegeben. Rabtz^.;^,,^ »enstein feierte ihr'? in einer ganz besonderen Vorlesung, dieser ihm zu Ehren über seine „Jüdische Litteratur" gehalten hat. Nach Stanis tau zur Abhaltung einer Vorlesung eingeladen, reiste er in Begllitung des Herrn Nathan Samuely dahin und sprach daseldst mit gleich glänzendem Erfolge. Auch nach Krakau wurde er zu eil.er Vorlesung eingeladen, wohin er iiach vierzehntägigem Aufenthalte in Lemberg, von allen hiesigen bedeutenden Capacitüten bis zum Bahnhofe begleitet, am 20. v. M. abgereist ist. Die schönen Tage voll geistigen Genusses, die wir in seiner Gesellschaft hier verlebten, werden uns lange noch in angenehmer Erinnerung bleiben! Frankreich. Aarls. Vor einigen Wochen, erzählt die „France", trat ein Herr W. mit dem Hut auf dem Kopfe und die Cigarre im Munde in die Kirche, gerade während der Messe, und nahm in der Nähe des Altars Platz. Man forderte ihn auf. sich zurückzuziehen, doch W. erwlederte, und zwar ganz ruhig: „Die Kirche ist ein Commuual-Gebäude, und so haben die Bürger das Recht, darin zu thun. was sie wollen. Auch der Pfarrer forderte ihn vou der Kanzel herab auf, die Kirche zu verlassen; doch alles umsonst. Er mußte durch Gensdarmen hinausgeschafft werden. — Vor dem CorrectionS-Tribunal der Seine wegen Störung des Gottesdienstes und der Beamten-Belcidigung aiigeklagt, deponirte W.: „Ich bin Jude und besuchte die Kirche nur. um zu sehen, ob der katholische Gottesdienst dem jüdischen ähnlich sei". Daß er den Hut nicht abgenommen, geschah, weil in der Synagoge das Haupt bedeckt bleibe. — Der Gerichtshof verurlheitte den W. zu 2 Monaten Gefängniß und 16 Fr. Strafe. — (Ob dieser W. wirklich Jtlde ist, wurde nicht fcstgesullt, da cs nicht vor; Belang war. Hätte der saubere Weber nicht auch die Cigarre im Munde behalten, was unseres Wissens noch von keinem Rabbi für recht erklärt wurde, so könnte man annehmen, er stamme aus —- Gnesen oder Umgegend, wo ja die Thora-Vorlesung als außerhalb des gesetzlichen Schutzes gegen Störungen erklärt worden ist, und W. hätte nur darin geirrt, daß er glaubte; was der Thora-Vorlesung recht ist, ist der katholischen Messe billig. —) Vermischte und neueste Nachrichten. Wagdeöurg. Das Pariser „l'Univers Jsraelite" schreibt.? „Am 1. December schrieben wir: Mendelssohn ist der Civilisator des modernen Judenthums. Nicht allein Berlin, ganz Israel müßte sein Centennium feierlich begehen." Dieser Wunsch ist anderwärts nur schwach erhört worden, in Frankreich wurde er ganz überhört. Hat denn der Cultus der materiellen Interessen uns schon so sehr überwältigt, daß wir gegen unsere ruhmvollsten Erinnerungen gleichgiltig geworden sind? Dieser Jndifferentismus hat offenbar Unwissenheit zur Ursache: ist er darum mehr zu entschuldigen? Wenn Mendelssohn auch durch Geburt Deutschland gehört. so gehört er doch ganz besonders dem gesammten Israel durch seine Ideen, durch seine Werke, durch seine geschichtliche Bedeutung". (S. unsere Anmerkung zum folgenden „Nancy".) Berlin Nach eiiglischen Blättern soll!? der neue britische Lordkanzler, Sir Farrer Herschell, eiir Eakel des berühmten Aftronomen Herschel sein. Vau einem deutschen Verwandten und persöi'licheu Bekannten des englischen Lordkanzlers wird nun der „Voss. Zeit." geschrieaea: „Sir Farrer Herschell hat mit dem Astronomen nichts zu thun, ist vielmehr jüdischer Abstammung. Sein Urgroßvater hieß Hillel, sein Großvater Juda Herschell. Beide lebten als angesehene Männer in dem kleinen posenschen Städtchen Stre l no. Sein Vater wanderte als junger Mann nach England aus und trat daselbst zum Christenthum über. Sir Herschell, ein ausgezeichneter Jurist, ist jetzt ein guter Vierziger. Eine Schwester von ihm, die nach einer Großmutter den jüdischen Vornamen „Gictel" führt, ist die Gattin des Physiologen Burdon- Sanderson." Berlin. Die hies. Gemeindevertretung hat für die „historische Commission" einen Beitrag von 3000 M unter der Bedingung bewilligt, daß diese Commission die Bezeichnung einer Abtheilung des D..J, G.-B. nicht führe, da dieselbe mit dein Gemeindebund nichts zu schaffen habe. — Der Gemeindevorstand hat sich dieser Tage mit der Frage der Beisetzung einer Urne mit der Asche eines in Gotha verbrannten Gemeindemitgliedes aus dem hies. jüd. Friedhöfe und dem dabei zu beobachtenden Cerenroniell zu beschäftigen. Wie wir vernehmen, wird die Frage auf Grund eines eingehenden Gutachtens des Rabbiuats m einem, den religionsgesetzlichen Standpunkt wahrenden, tolerantem Sinne erledigt werden. Dessau, 27. Januar. (Or.-Cvrr.) Gestatten Sie mir, geehrter Herr Redacteur, auf die hiesige Mendelssohnfeier zuruckzukommen, und daran eine kleine Noiiz zu knüpfen. In seiner Tischrede wies damals Herr Rabbiner Or. Goldschmldt darauf hin, daß der jüdische Friedhof in Dessau auch die Gebeine desjenigen Mannes beherberge, welcher die erste Predigt in deutscher Sprache gehalten. Es war Wolf, „Schreiber", der damalige Cultusbeamie (pK3) der Gemeinde. Hiit» heute, am 27. Januar 1886. wo der Schwiegersohn dieses Mannes sein „Scliiw’im-Mahlw feierte, sah man den 70 jährigen Moses Elk an, umgeben vou seinen Kindern, mi der Ruhestätte jenes Mannes erscheitien uiid sein H>.rz in inbrünstigem Gebete vor Gott aussehütten. Mögen die Gebete, welche der Greis zum Haumel, emporgcsandt, vom Allmächtigen erhört werden, daß der Geist Wolf Schreibers seinen Nachkommen zum Segen gereichen möge. Um das Grab seines Großvaters allezeit würdig zu erhallen, hat sich der Kaufmann Herr Max Elkan in Magdeburg bewogen gefühlt, dem Vorpand der Chebrah kadischa eine Summe Geldes pietütsvvll zu übergeben.

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