Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 7. (11.2.1886)
- Date
- 1886-02-11
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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— 55 Pernkurg. (Or. - Corr.) Am Freitag, den 5. Febr., fand im Anschluß an den zu Ehren des Tages besonders feierlich executirlen Abendgottesdienst die Einführung unseres neuen Rabbiners Herrn Or. Flaschner statt. Nachdem der Präses des Vorstandes eine kurze, aber warm empfundene Ansprache an den Neugewählten gehalten hatte, entbot dieser, anknüpfend an den Vers: „Jehi scholaunj b’chelech“ rc. dem Lande, der Stadt, der Gemeinde, sowie dem Gotteshause seinen Gruß. — Am darauffolgenden Sabbath legte der Redner der versammelten Gemeinde sein Programm klar und deutlich dar und bat, w’jikchu li t’rurnoh, „daß man auch der Religion ein kleines Opfer, eine Hebe, darbringen möchte, aber nicht gezwungen, vielmehr ^ascber jidwenulibau“, freiwillig und herzlich." Die Predigt hiinerließ einen sichtbaren wvhlthuenden Eindruck. Kikdesheim. Der wegen Störung des Gottesdienstes — während der Thoravorlesung — zu 3 Tagen Gefängniß verurteilte Alex Steinberg zu Gronau hatte gegen dieses Urtheil Revision eingelegt, gestützt auf das bekannte Ehrenfeld'sche Gutachten. Das Reichsgericht hat aber die Revision verworfen. (Wir theilen die Gründe in nächster Nr. mit.) Wreslair Der 20. Jahresbericht des Vereins „Ahabath Jerusalem" weist in Einnalune 1198.50 M., in Ausgabe 926.75 M. auf, es verbleibt ein Baarbestand von 271.75 M. — Geschenke für den Verein nimmt Herr F. Ehr mann hier (Garteustr. 6) gern entgegen. Slraßörrrg i. K. Am 21. Januar ist hier das neue israelitische Krankenhaus in Gegenwart des Statthalters Fürsten Hohenlohe und anderer hohen Beamten mit feierlichem Gottesdienste und Predigt seitens unseres Grand Rabbin Aron eingcweiht worden. Wien. Das Vorstandsmitglied Herr Baumgarten hat in einer der letzten Vorstandssitzungen folgenden gut motivirten Antrag eingebracht: Der Gemeindevorstand möge in Wien eine Anstalt zur Ausbildung von Rabbinern und Lehrern ins Leben rufen. Hoffentlich hat dieser Antrag mehr Glück, als frühere ähnliche. Wien. Das Reichsrathsmitglied und Präsident der Handelskammer zu Brody, Nathan Ritter v. Kallir, Chef des Bankhauses Nathanson & Kallir, ist am 4. d. M. hier nach längerem Leiden verstorben. Baris. Die Wittwe des vor 20 Jahren verstorbenen unvergeßlichen Grand Rabbin Salomon Ullmann, geb. Adele Cerf, ist am 10. Januar gestorben. — General See ist nicht, wle Sie berichteten, der erste Israelis der zum Groß- Osficier der Ehrenlegion ernannt wurde, vielmehr war schon der berühmte, i. I. 1872 verstorbene Or. Michel Levi Groß-Officier. Nancy. Hier hat sich ein Comite gebildet, um Claude Lorrain, dem großen Maler unseres Departements, ein Monument zu errichten. Herr Marx Roger, unser Glaubensgenosse, ein begeisterter Kunstliebhaber, ist Mitglied dieses Comite's. - Anm. d. Red. Der orthodoxe „Univers", der die Betheiligung am Mendelssohn-Denkmal nicht ganz „schulchanaruch-mäßig" fand, macht merkwürdigerweise Herrn Roger das Compliment: ^11 nous plait de voir un Israelite s’associer k l’hommage rendu par la France a une de ses gloires.“ — Ist das nicht ein offenbarer Wiederspruch? wir ersuchen den gesch. H. Red. um Aufklärung demselben. . Denn ob das Denkmal für einen Juden oder Nlchtjuden sein soll, ist ja gleich. Stockholm. Schweden ist ein durchaus christliches Land, und alle Acte des bürgerlichen Lebens, der Jurisdiction wie der Politik tragen noch den religiösen Character an sich. So ist es auch mit dem Eide, der von Juden noch more judaico geleistet wird. So ist es auch mit dem Eide, den die Abgeordneten leisten, bisher gewesen. Doch hat unser Ministerium beschlossen, für diesen Eid eine Formel vorzuschlagen, die von Christen und Juden gebraucht werden kann, ohne dieselbe des religiösen Charakters zu entkleiden. Anstatt: „Ich schwöre bei Gott und seinem heiligen Evangelium" soll die Eidesformel der Abgeordneten von nun ab lauten: „Ich schwöre bei Gott und seinen heiligen Gesetzen". Belgrad, 24. Januar. Die Piroter Juden überreichten dem Minister-Präsidenten eine Eingabe, in welcher sie um Ersatz des ihnen durch die Bulgaren zugefügten enormen Schadens bitten. Shanghai. Die Anzahl der Israeliten in diesem so wichtigen chinesischen Hafen ist in den letzten Jahren so herangewachsen, daß der Bau einer größeren Synagoge zum Bedürfnis geworden ist. Der neue Tempel, ein archltectonischer Schmuck der chinesischen Stadt, ist am Vorabende unserer letzten hohen Feste eingeweiht worden. Bhikadekphia. Die hierher eingewanderten russischen Emigranten haben bereits festen Fuß gefaßt. Sie haben auch eine Synagoge mit täglichem Gottesdienste und befinden sich durchgängig in guten Verhältnissen. Die russischen Juden in St. Louis haben eine Talmud Thora gegründet, die von 45 Brüdern besucht wird. Jerusalem. Der „Bann" gegen das Bl. „Hazwi" hat gefruchtet. Der lang erflehte Regen ist bei uns eingetroffen, so daß wir nun ohne Sorge der Zukunft entgegensetzen können. Mittheilungen aus dem U. O. B. B. Berlin. Sonntag, den 7. d. Mts., hielt das General-Comitö der Großloge im hiesigen Logen-Lokale eine Sitzung ab, in welcher auch über die angcstrebtc Neuorganisation der Sterbekasse Beschlüsse gefaßt wurden. Die wichtige Angelegenheit — des können alle Brüder versichert sein — wird unter allen Umständen in einer den gesetzlichen Anforderungen entsprechenden und dem Orden zum Segen gereichenden Weise geordnet werden. -r In derselben Sitzung ist auf die von 29 Mitgliedern der Gemeinde R a t i b or unterschriebene Petition der Freibrief zur Gründung einer Loge daselbst bewilligt worden. — Die Installation der Loge zu Ostrowo findet Sonntag, den 21. d. Mts. statt. Magdeburg. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sie sind in Ihrem gesch. Bl. vor einigen Wochen einer schiefen Beurthcilung des U. O. B. B. in der Philippson'schen Zeitung d. Judenthums berichtigend und belehrend entgegengetreien. Ein anderes jüd. Blatt, das sich das Centralorgan für das orthodoxe Judcnthum nennt, fügt einer Corresp. aus Frankfurt a. M., die die bekannte schöne Tendenz des Ordens bespricht und mit den Worten schließt: „Das ist die Bereinigung B'ne Brüh — in seinen. Heimstätten findet das von Schicksalsschlägen verwundete Herz lindernden Balsam des Trostes und wird mit warmen Herzen und offenen Händen für das Wohlergehen der Wittwen und für die Erziehung der Waisen Sorge getragen; in seinen Tempeln wird des Menschen Sinnen nnd Trachten geläutert, das Menschengeschlecht zu veredeln gestickt und manches Samenkorn edler Gesittung ausgestreut, damit es aufgehe und hundertfältige Frucht bringe. Seine Thore stehen offen für alle guten Jsra^iten jedes Standes und jeder religiösen Richtung" — folgende Nachbemerkung der Redaktion hinzu: „Wir können uns nicht enthalten, einer Befürchtung Ausdruck zu geben, welche die drei letzten Worte des obigen Berichtes in uns wachrufen. Eine Vereinigung, und Verbrüderung aller guten Israeliten jeden Standes wie schön und herrlich wäre das; aber „jeder religiösen Richtung?" Darin liegt, fürchten wir, eine große Gefahr für das gesetzestreue Judenthum, ein Aufgebcn des (orthodoxen) Standpunktes, der nns (Ortbodoxen) höher stehen muß, als das Neben von Wohlthaten allein. So unendlich auch „Gemillus Chaßodim" geschätzt werden muß, so dürfen doch auch „Thora" und „Awoda" (Cultus, Ritus) nicht gleichgültig behandelt werden und als nebensächlich der Willkür der einzelnen „Brüder" überlassen werden u. s. w." Zum Schluß gesteht der Herr zwar, daß er das Wesen der Logen d. B. B. nicht genugsam kenne und ersucht „gesetzestreue" Glaubensgenossen sich darüber auszusprechen; aber er wiederholt gleichwohl sein absprechendes Urtheil, daß die in den Logen platzgreifende „Nivellirung" eine „große Gefahr" in sich berge. — Das wird viel stutzig machen. Möchten Sie, g. H. Red., zur Beruhigung ängstlicher orthodoxer Gemüther nicht an dieser Stelle die nothwendige Aufklärung geben? Es handelt sich um die Frage: „Ist das Logenwesen des B'nai-Brith- Ordens mit orthodoxer Religions-Anschauung und Lebensweise (nach dem Schulchan Aruch) vereinbar?" (Die Frage scheint uns allerdings sehr berechtigt und soll nächstens hier beantwortet werden. Wir wünschten, daß sich mehrere Stimmen darüber vernehmen ließen. Red.)