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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-11 · N° 7. (11.2.1886) · p. Seite 50

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 7. (11.2.1886)
Date
1886-02-11
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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— 50 — nur bei den Mischeberachs viel geschnobert wird, wenn nur viel Legate für die Gemeinde gestiftet werden, l alles Andere macht den Parnassim keine Kopfschmerzen. Die heutige antijüdische Strömung kommt den Vorständen sogar sehr zu statten, sie weisen auf die Nothwendigkeit einer jüd. Gemeinde hin und brauchen heute weniger als früher einen Austritt aus der Cultnsgemeinde zn fürchten. Wir verkennen durchaus nicht, daß es auch edlere, ernstere und idealere Männer giebt, daß zuweilen auch Leute von Rang und Stand, Juristen, Aerzte, Philologen und Philosophen im Vorstande sitzen, aber diese Herrn kümmern sich meist blutwenig um die Interna der Gemeinde, sie engagireu sich höchstens, wenn es gilt, den Ruf der Gemeinde nach außen hin zu wahren, sie spenden zu allgemeinen Zwecken und gehen über das eigentliche praktische Judenthum zur Tagesordnung über. Wie soll es aber bezüglich des religiösen Lebens, das doch einmal Hauptsache für den Menschen bleibt, besser werden? Katholiken und Protestanten sind wir einmal nicht, zur chr. Kirche können wir nicht schwören, das widerstrebt unserem ganzen Naturell. Bei aller Anerkennung, die wir den humanitären Bestrebungen des Christenthums zollen, wie sehr wir auch überzeugt sind, daß das Christenthum eine Wohlthat für die christliche Menschheit ist, so können wir doch an den spezifisch christlichen Einrichtungen des Staates keinen Antheil nehmen. Drehen wir uns, wie wir wollen, immer ist die Synagoge und die von ihr geforderte religiöse Praxis für uns maßgebend. Mag man über die jüdische Dogmatik noch so viele Scrupeln haben, es kann doch Niemand leugnen, daß das jüdisch^ Gotteshaus und die häusliche Religionsübung unseren Glaubensgenossen wahre religiöse Befriedigung gewährt.. Der christliche Kalender kennt einen Neujahrs- und Versöhnungstag, in der Weise, wie sie das Judenthum begeht, nicht, der christliche Kalender kennt ein Eintheilnng der Wochen- und Sabbathtage nach den Perikopen nicht, der christliche Kalender kennt einen, dem biblischen Gotte gewidmeten Gottesdienst nicht, ihre Feste sind keine sinaitischen und haben für uns keine Bedeutung. Kurz, wir müssen, wenn wir unsere Nachkommen nicht ganz gottlos und als Heiden erziehen wollen, das jüd. religiöse Moment in Synagoge, Haus und Schule auf das Sorgfältigste pflegen. Nun soll der Staat die etlichen hundert Synagogen in den preußischen Landen in seinen Schutz nehmen und den jüd. Cultus sanktionireu. Er soll eine Behörde einsetzen, die nach jeder Richtung hin für die Interessen des Juden- , thnms sorgt und den Gemeinden mit Rath und That zur Seite steht. Diese Behörde soll ans die örtlichen Verhältnisse der jüd. Gemeinde Rücksicht nehmen und, conform den christlichen Einrichtungen in der betreffenden Stadt, die jüdischen Justistution regeln. Der Rabbiner muß in jeder Beziehung dem christlichen Geistlichen, der jüd. Lehrer dem christlichen Lehrer, der jüd. Gemeindevorstand dem christlichen Gemeinderath gleichgestellt werden. In zweifelhaften Fällen muß die Entscheidung der Behörde angerufen, bei Besetzung von Stellen muß die Behörde zu Rathe gezogen werden, bei Streitigkeiten mit christlichen Mitbürgern muß die Behörde das Nöthige veranlassen, um d?u Frieden unter den Confessionen herzustellen. Das wird nur möglich sein, wenn die oberste Behörde aus christlichen und jüdischen Mitgliedern zusammengesetzt und mit autoritativer Macht von der Regierung ausgestattet sein wird: R. S. (Wir haben über die Licht- und Schattenseiten einer solchen Central-Oberbehörde in früheren Jahrgängen uns ausgesprochen und wollen uns nicht wiederholen. Red.) Der Verein zur Verbreitung von Bildung unter den Israeliten Rntzlands. (Schluß.) Zahllos fast sind die Bücher, welche durch den Verein angeregt und verbreitet worden sind. Die hebräische Sprache war, wie wir oben erwähnt, in dem Maße verbreitet, daß Zeitungen und Bücher, in der Sprache der Bibel geschrieben, Tausende von Lesern fanden. Und so ließ der Verein nützliche Werke ins Hebräische übertragen und drucken! Wir nennen von ihnen: Webers Weltgeschichte mit einer Reihe von Nachtragsbünden von Rabbinowitz. Abramowitz' Naturgeschichte (3 Bde.), Mandelkern Geschichte Rußlands. Sirkin Metallbereitung, Finn Oiwrs hajamim und Sofoh neemonim, Tschorny's nachgelassene Schriften, Koheleth, ein Sammelwerk (den Measfim ähnlich): Von Zeitungen wurden subventionirt: Karmel. Ha-Meliz, Zephira. Ha-Boker Or, Schachar u. s. tu.*) Lange Zeit hatte Meliz und Karmel Beilagen naturwissenschaftlichen Inhaltes, welche auf Kosten des Vereins gedruckt wurden. Jn's Russische ließ der Verein die Bibel übersetzen, sowie die Btnmcnlesc der Gesetze Und Lehren oder Ansichten der Talmudisten über die Welt von Finn und Katzenellenbogen und Graetz' Geschichte der Juden. Unterstützt durch den Ankauf vieler Exemplare wurde die Uebersetzung des Gebetbuches von Wohl, der Hagada für Peffach,?das Machsor, »Laudan's jüd. Bibliothek, Minors Predigten, Orschansky's rechtsgeschichtlichen Schriften, Elsenberg's Wegweiser für den Religionsunterricht, von Zeitungen Zarin, Woschod u. s. f. Wie viel Schulbücher angekauft wurden, zeigt die Notiz, daß in einem Jahre den Schulen in den Bezirken Witebsk und Mohilew 5 40 Bände geschickt wurden. Alle die angekauften und subventionirten Bücher und Zeitungen wurden verschenkt an Schulen, an stredsame Männer, an öffentliche Bidliotyeken und Lesevereine. Den Schriftstellern wurden so anständige Honorare gezahlt, daß in Deutschland^bei jüd. Schriftstellern der Neid sich regen durfte. Für L-tndirende der verschiedensten Fächer wurden in großartiger Weise Stipendien verschifft, 3 junge Männer wurden am Breslauer Seminar unterhalten und bekleiden heute bedeutende Rabbinatsstellen in Rußland. Es schien Alles recht gut zu werden, wenn auch hie und da die russische Censur ihre Krallen zeigte — da weiidete sich das Blatt. In den 70 er Jahren schon hatte Rußland die Freude am Bildungsstreben der Inden verloren. Als der Verein 1872 es wagte, die Genehmigung?ines in Bialyitok sich bildenden Vereins zur Anregung, der ArbeitstlMgkeit beim Cultnsminister zu befürworten, erhielt er die seltsame Antwort, daß dies nicht im Rahmen der dem Vereine gezogenen Grenzen sei; 1873 wurde das Wilnaer Rabbinerseminar in ein Lehrerseminar umgewandelt, 1874 verweigert die Censur die Erlanbniß, den Aufruf zur Subskription auf die russische Bibel in rnss. Sprache zu veröffentlichen, die von der Regierung eingerichteten jüd. Volksschulen werden aufgehoben, die Lehrer ohne Pension ins Elend' gejagt. 1877 totrö der Abdruck von der russ. Uebersetzung des Schleidenschen Aufsatzes: „Antheil der Juden" nicht gestattet, 1879 macht man dem Vereine unsagbare Scheerereieu in Bezug auf die Unterstützung der Stndirendeu und verbietet ihm, ferner Rabbinatskandidaten in Deutschland ansbilden zu lassen. Dann folgt die Beschränkung der Zahl der Militür- *) Rodkmsohu's Gesuch um Unterstützung des Hakol wird abgelehnt

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