Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-04 · N° 6. (4.12.1886) · p. Seite 45

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 6. (4.12.1886)
Date
1886-02-04
Page
Seite 45 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585379--6082-9585384
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 45 — Wie«, im Jan. (Or.-Cor.) Indem complicirten österreichischen Parlamentarismus sind die Competenzen fchwerzuscheiden. So kommt es, daß die hohe Politik selbst in die Landtage reicht und Judendebatten selbst da auf die Tagesordnung kommen, wo man nach preußischem Muster höchstens Debatten über Anlegung von Chausseen und Handhabung der Ortspolizei erwarten würde. Im niederösterreichischen Landtage hat am 5. d. M. der Abgeordnete Knab, ein Geistlicher, dem Schmerzensschrei des Clerus wegen der confessionellen Schule Ausdruck gegeben. Dabei hat er die Aeußerung gethan: „Wie wir verlangen, daß die israelitischen Kinder nicht unter antisemitischen Tendenzen leiden, so haben wir das Recht zu verlangen, daß unsere katholischen Kinder nicht durch antikatholische Tendenzen verletzt werden." Wir könnten uns darüber freuen, lvenn die Ansicht des Herrn Knab allgemein getheilt würde. Leider sind es gerade die Lehrer, welche bei jeder Gelegenheit durch hämisches Jüdeln, durch Verhöhnung der jüdischen Religionsgesetze, durch offenes Aussprechen antisemitischer Gesinnung die Gefühle der jüdischen Schuljugend verletzen. Im böhmischen Landtage, wo die durch den Abg. v. P len er angeregte Frage der Eintheilung der Bezirke nach Sprachgrenzen auf der Tagesordnung stand, hat der Czechcn-Führer, Or. Rieger, wieder die Juden auf die Tagesordnung gebracht, indem er bemerkte, „daß die Juden, welche immer auf ihren Vortheil bedacht sind, bei Anstellung von Commis darauf sehen, daß diese der czechischen Sprache mächtig seien." Stellen sich die Juden auf die Seite der Deutschen, sind sie undankbar gegen die großmüthigc böhmische Nation, thun sie aus freien Stücken das, was die Czechen auf dem Wege der Gesetzgebung für die öffentlichen Aemter anstreben, sind sie gesinnungslos und gewinnsüchtig. Erklärlich wird dieser Angriff, wenn man weiß, daß die Wahlen in die Prager Gemeindevertretung schon vorüber sind; vor den Wählet! pflegt man die Juden glimpflicher zu behandeln. Uebrigens kennt Herr Or. Rieger vielleicht emeit hervorragenden Führer seiner Partei, der sich als Student von dem Juden Lümmel in Prag an den Juden Josef Wertheimer in Wien empfehlen ließ. Hat sich der Herr nicht auch auf seinen Vortheü verstanden? Arütt«, 22. Januar. (Or.-Corr.) Die Proseminar-Frage ist durch folgenden Erlaß der K. K. Mährischen Statthalterei in ein neucs Stadium getreten. „Seine Excellenz der Herr Minister für Cultus und Unterricht hat mit dem Erlaß vom 2. Januar 1886, Z. 19981 über das unmittelbar hohen Ortes eingebrachte Gesuch vom 6. Juni 1885 seine Geneigtheit eröffnet, die Errichtung einer israelitischen theologischen Schule in Brünn zu genehmigen, es müßte jedoch der gestellte diesfallige Antrag durch Vorlage ciues Errichtungsstatutes und Lehrplanes ergänzt werden. Bei der Verfassung dieser Betätige ist sich an die in der kaiserlichen Verordnung vom 27. Juni 1850 R.-G.-Bl. Nr. 309 festgesetzten Grundsätze, insbesondere bezüglich der Sicherstellung des Bestandes der Anstalt, zu halten und miitzte, da sich dieselbe den Ausführungen des geehrten Rabbinats gemäß an Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten in der Art anzulehtten hätte, daß deren israelitische Schüler zugleich den Unterricht an der neuen Lehranstalt genießen, auf dieses Verhältniß und die aus demselben sich ergebenden Wechselwirkungen Bedacht genommen werden. Indem das geehrte Rabbinat verständigt wird, sehe ich der Vorlage eines Errichtungsstatules und Lehrplanes für die zu errichtende Lehranstalt im Entwürfe entgegen. , Brünn, 13. Januar 1886. K. K. Statthalterei." ' Es soll nun das Curatorium des mährisch-jüdischen Landes- Massa-Folids in feiner nächsten Jahressitzung sich über die Höhe der Summe schlüssig machen, welche es zur Subvention der zu gründenden Anstalt hergeben will, ebenso wird es Sache der Gemeinde sein, sich nach dieser Richtung hin auszusprechen und endlich wird der Verein, der die Anstalt eigentlich erhalten soll und dessen Statuten bereits die behördliche Genehmigung erhalten haben, ein approximatives Bild von seiner Leistungsfähigkeit geben, denn nach § 17 des betr. Gesetzes vom Jahre 1850 soll der die Anstalt erhaltende Factor zunächst den Nachweis der Existenzfähigkeit erbringen. Hoffen wir, daß nun die Sache ernstlich in die Hand genommen wird, zunächst, daß auf dem betretenen Wege eifrig fortgefahren werde, denn heute haben die ungenügenden Mittel es bereits ermöglicht, einzelne junge Leute heranzubilden. die, wenn sie das Gymnasium verlassen, mit Gottes Hilfe tüchtige Theologen werden abgeben können. Es handelt sich in erster Linie darum, daß eine tüchtige Lehrkraft gewonnen werde, die der Sache ihre Kräfte voll und ganz zu widmen in der Lage ist. Dann muß man sich vor Überschwenglich - keiten hüten, die Schule kann nur ein Fortbildungscursus für Solche sein, die eine öffentliche Schule, Gymnasium oder Lehrerbildungsanstalt besuchen und sich die nöthigen Kenntnisse erwerben wollen, welche das Studium der jüdischen Theologie zur Voraussetzung hat; eS ist also, nüchterner gesprochen, die geplante Anstalt eine erweiterte Religionsschule. welche das Studium der Bibel pflegen und eine Hodegetik in den Talmud durchsetzen soll. Diese Hodegetik wird dadurch ermöglicht, daß die Schüler gründlich die hebräische Sprache erlernen und das mosaische Gesetz unbefangen erfassen sollen, ehe sie an die Mischnah gehen, deren Kenntniß das Hauptziel der Anstalt bilden soll, die nur so viel Talmud in sich aufzunehmen hat, als nothwendig ist, um die Art und Weise der talmudischen Dialectik zu begreifen. Für die Candidaten des Schulamtes wird ein besonderer CursuS für jüdische Geschichte, Methodik des Religions-Unterrichtes und praktischen Ritus abgehalten. Rumänien. Bukarest, 24. Januar. (Or.-Corr.) In der mir heute zugekommenen Nummer der „Israelitischen Wochenschrift" lese ich die Meldung aus Bukarest wonach die Tage des rumänischen Minister-Präsidenten, Demeter Bratiano, gezählt wären. Diese Meldung ist nach zwei Seiten hin ungenau. Der gegenwärtige Minister-Präsident Rumäniens, welchen sie mit Recht den modernen „Haman" nennen, heißt Jo an Bratiano. Sein Bruder, Demeter Bratiano, gehört der Opposition an, die sich leider vergeblich bemüht, die gegenwärtige Regierungspartei, welche die Judenverfolgung mit in ihrem Programm ausgenommen hat, zu stürzen. Demeter Bratiano ist wohl kein ausgesprochener Judenfreund, aber immerhin ein Mann, dein man Rechtsgefühl nicht absprechen wird. So hat er seiner Zeit in dem von ihm herausgegebenen Blatte „Natiunea", sowie auch in dem von ihm mitunterzeichneten Manifest der Opposition entschiedenen und lauten Protest gegen die Ausweisung von Or. Gaster, Or. Schwarzfeld rc. eingelegt. Obschon die Opposition ganz bedeutende Männer zu ihren Mitgliedern zahlt, so ist vor der Hand gar keine Hoffnung, daß sie sobald ans Ruder kommen könnte. Wir Juden könnten bei einem Regierungswechsel nur gewinnen; denn schlimmer, als es uns heute geht, könnte es nicht mehr werden. Aber, wie gesagt, Joan Bratiano sitzt sehr fest im Sattel. Warum man diesen Minister nicht stürzen kann, klingt für diejenigen, welche in die hiesigen Verhältnisse nicht eingeweiht sind, ganz unglaublich und doch habe ich den Grund neulich aus dem Munde eines früher» rum. Ministers, dessen Namen auch in Deutschland bekannt ist, gehört. Er sagte mir, man könne Bratiano nicht stürzen, weil man befürchte, er würde, wie er dies im Jahre 1870 bereits versucht, die Republik ausrufen und das von ihm geschaffene Königthum zertrümmern. Man müsse darum abwarten, daß er sich durch seine Mißwirthschast im Lande selber unmöglich mache. Die Unzufriedenheit mit dieser Mißwirthschast ist zwar schon jetzt eine allgemeine; aber trotzdem kann Niemand den Zeitpunkt angegeben, wenn Joan Bratiano fallen und unseren Leiden eine Ende gemacht werden wird. — Aus Aumärne«. Es ist bekannt, mit welcher Wuth die rum. Presse über die Juden herfiel, als englische Juden I ä

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.