Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 6. (4.12.1886)
- Date
- 1886-02-04
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
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— 44 — guten Menschen sich brüderlich die Hände reichen. Die opferwillige, uneigennützige Bethätigung an den Werken barmherziger Menschenliebe sei der Stempel echter Religiosität Hannover, 26. Januar (Or.-Corr.) Die hiesige Lehrer-Blidungsanstalt hatte im letzten Vierteljahr eine Reihe Festlichkeiten veranstaltet, welcher wohl noch nie von so vielen zahlreichen Freunden und Gönnern besucht worden waren, ein Beweis, welches Wohlwollens sich die Anstalt seitens vieler Gemeindemitglieder zu erfreuen hat. ein Zeugniß. daß die Gemeinde sich des kostbaren Schatzes in hiesiger Stadt wohl bewußt ist. Noch deutlicher sehen wir dies an den Zuwendungen von Geldmitteln zum Seminarbau seitens einiger hochherziger Geber. In erster Linie trug zu diesem Erfolge die von den Schülern der Anstalt in Spaniers Hotel veranstaltete Chanukafeier bei, die von zahlreichen Gemeindemitgliedern besucht ward. — Dte Einladungen waren an die Vorstände und Repräsetanten der Gemeinde sowie an die Cultusbeamten und die Vorstände sämmtlicher jüd. Vereine hier ergangen. — Bei dem Festmahle nämlich wiesen verschiedene Redner, besonders Herr LandrabbinerDr. Gronemann und Seminardirektor vr. Kroner, auf Die immer mehr und mehr wachsende Bedeutsamkeit einer solchen Lehranstalt, auf die täglich sich erhöhenden Anforderungen, die an sie gestellt werden, hin und auch auf die durch diese Umstünde bedingte äußerliche Vergrößerung des Seminars, auf einen Neubau. Die nächste Feier war die des Kaiserjubiläums und ihr schloß sich in kurzer Zeit die feierliche Begehung des 100sten Todestages Mendelssohns an. Bei diesem Akte waren außer den Lehrern und verschiedenen Frauen, von der Anstalt zugegen: Die Verwaltungscommission des Seminars, bestehend aus den Herren Geheimer Rcgierungs- und Provinzial- Schulrath Spicker, Geheimer Medicinalrath vr. Cohen, Rechtsanwalt vr. Benfey, Landrabbiner vr. Gronemann, sowie der Herr Gemeindevorsteher und Commerzienrath A. Molling und verschiedene andere Herren. Nachdem vom Seminaristenchor eine Strophe des Liedes „Lobe den Herrn" gesungen, wurden von einigen Seminarschülern und Seminaristen einige der Feier des Tages entsprechende Gedichte vorgetragen. Darauf hielt Seminarist Blumenthal, Schüler des I. Cursus, eine Ansprache an die Scminarschule, in welcher er ein Lebens- und Charakterbild Mendelssohns entwickelte, ihn als einen Mann, der seine ganze Bedeutung nur seinem rastlosen Eifer und beispiellosem Fleiße verdanke, darstellte und dem nachzueifern er die Schüler aufforderte. Der Vortrag erfreute sich des Beifalls der anwesenden Herren in hohem Maße. Nachdem nun Seminarist Katz ein von ihm verfaßtes Gedicht vorgetragen, feierte Herr Direktor vr. Kroner in schwungvoll-begeisterter Rede Mendelssohn als Gründer der jüd. Volksschule. Wie seine körperlichen Gebrechen und sein Lebensgang vielfach an den Reformator und Bahnbrecher in der allgemeinen Pädagogik, an Pestalozzi, erinnere, so habe auch er einen bedeutenden Umschwung in dem jüd. Schulwesen herbeigesührt. Wenn Mendelssohn auch nicht wie Pestalozzi in der Schule thätig gewesen sei, so sei es dennoch vorzüglich seinem Einflüsse und seiner Bedeutung zuzuschreiben, wenn in Hannover die Meyer-Michel-Davidsche Freischule, in Seesen die Jacobsohnschule und in Berlin die jüd. Gemeindeschule entstand. Wollten wir nun ganz im Geiste Mendelssohns wirken, so fänden wir überall reiche Gelegenheit dazu, ganz besonders aber hier durch Unterstützung einer Anstalt, welche sich zur Aufgabe gestellt habe, allgemeines Wissen verbunden mit jüd. Wissen in die Herzen ihrer Schüler zu pflanzen, daß sie an der Stätte ihres späteren Wirkens in der jüd. Schule ihre Schüler erziehen zu einem Geschlechte, das reich ist an edlen Bürgertugenden, an wahrer Frömmigkeit und an Tugenden echter Humanität. — Da sich jetzt manche Lehrer nach einer geeigneten Biographie Mendelssohns für ihre Schülerbibliothek umsehen, will ich nicht verfehlen, neben den in einer früheren Nummer dieses Blattes genannten Monographien noch auf eine recht interessante Erzählung Oskar Hocker's „Onkel Moses" aufmerksam zu machen, welche das Leben Mendelssohn zum Gegenstände hat.*) Oesterreich Ungarn. Treßöurg, 20. Januar. (Or.-Corr.) Kein europäischer Minister beschäftigt sich so viel mit den Juden seines Staates, wie der ungarische Cultus- und Unterrichtsminister August v. Trefort. Es folgen zur Verbesserung jüdischer Angelegenheiten Erlasse auf Erlasse, die freilich oft blos auf dem Papier bestehen oder gar, wenn die Orthodoxen, die sich dadurch genirt fühlen, gegen dieselben Sturm laufen, ganz zurückgezogen werden. So geschah es z. B. mit dem Erlaß, der die Forderung stellte, daß Jeder, der die hiesige Jeschiba besuchen will, ein Unter-Gymnasium absolvirt haben muß, der aber zu einem leeren Nichts umgewandelt wurde, weil dadurch die Jeschiba, der es an einem solchen Schüler-Material gemangelt hätte, in die Brüche gegangen wäre. Ein Aehnliches bemerken wir bei dem vor einigen Wochen erlassenen Matrikel-Statut, obgleich dasselbe von' den Behörden energischer gchandhabt wird, als es der Minister selbst wünschte. In Ungarn werden bekanntlich wie in Oesterreich die Matrikel von den Confessionen. und zwar bei den^Juden zunächst von den Rabbinern geführt, die aber vom Staate bewacht werden; da aber bei den orthodoxen Gemeinden viele Mißbräuche und Fahrlässigkeiten entdeckt wurden, hat der Minister einen Erlaß herausgegeben, der das Matrikularwesen regelt und für den Matrikelsührer die Qualification vorschreibt, daß er mindestens vier Klassen eines Gymnasiulns oder einer Bürgerschule gemacht haben muß. Allerdings hebt hier wieder ein Paragraph den andern auf; denn während es im ersten Punkte heißt, daß nur der Rabbiner zur Matrikelführung berechtigt ist, der die vorgeschriebene Qualification Nachweisen kann, heißt es am Schlüsse, daß die bereits amtirenden Rabbiner in der Matrikelführung weiter belassen werden sollen, wenn sie die Qualification auch nicht documentiren können. Das hat der Minister wahrscheinlich in Rücksicht auf die Orthodoxen gethan, deren Rabbiner zumeist auch der geringsten Schulbildung baar sind und als unfähig zur Matrikelführung hätten erklärt werden müssen. Allein die Behörden fassen die Sache doch etwas strenger auf und fordern überall den Nachweis der Qualification, wodurch großer Lärm in den orthodoxen Gemeinden geschlagen und von denselben zahlreiche Recurse gegen die behördlichen Beschlüsse eingegeben wurden. In keiner Stadt Ungarns hat aber diese Angelegenheit so viel Rumor gemacht, als hier in Preßburg, wo zwei separirte, gleichmäßig sanctionirte Gemeinden bestehen, deren eine, die größere orthodoxe Gemeinde, in der Person des Herrn Schreiber keinen qualificirten Rabbiner und Matrikensührer besitzt, während in der kleineren Fortschrittsgemeinde Herr vr. David seit zehn Jahren wirkt. Diese Thatsache hat die städtischen Behörden veranlaßt, der Fortschrittsgcmeinde die Matrikenführung der gesammten Judenheit Preßburg's zu übertragen und die Orthodoxen sollten auch ihre Matrikelfälle dem Rabbiner der Fortschrittsgemeinde anmelden. Allein diese Niederlage wollten sie nicht hinnehmen, sie setzten Alles in Bewegung um ihre eigene Matrikelführung zu erhalten, was ihnen e.idllch bewilligt wurde, indem zwar nicht der Rabbiner, sondern ein Neligionslehrer, der zur Noih eine Qualification aufwies, zum Matrikensührer bestellt wurde, und so haben wieder beide Gemeinden ihre separaten Matriken. Sonst leben beide Gemeinden in Frieden miteinander, obgleich die Trennung zwischen ihnen so weit gediehen ist, daß die seit vierzehn Jahren bestehende Fortschrittsgemeinde sich glei.h bei ihrer Gründung sogar einen besondern Friedhof anschaffte, weil die Orthodoxen weder gefügte Särge, noch eine deutsche Aufschrift auf den Grabsteinen, noch auch dulden, daß ein Prediger im Tatar auf ihrem Friedhofe fungire. Mewasser. llt uns nicht zugegangen, darum können wir Verlaasort. und Preis nicht angeben. aLs,