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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-02-04 · N° 6. (4.12.1886) · p. Seite 43

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 6. (4.12.1886)
Date
1886-02-04
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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43 zu wehen. Cultur, Bildung, Fortschritt, aber auch Nation, Volksthümlichkeit und Volkssprache wurden die Losungsworte. Selbstredend ergriff die Bewegung auch die Juden. Aber die Verhältnisse waren hier viel mannigfacher und verworrener! Die Landessprache war den meisten Juden durchaus unbekannt, der Jargon (jüdisch-deutsch) bildete die Umgangssprache. Zum Theil war sie sogar schon Schriftsprache geworden. Die Gebildeten hatten die hebr. Sprache neu belebt. Man konnte westeuropäisches Wissen sich aneignen, ohne russisch zu verstehen. Denn geniale Gelehrte hatten deutsche und franz. Klassiker, Schriften aus 'dem Bereiche der Philosophie und Naturkunde ins Hebräische übertragen. Aber auch in diesen Kreisen war die Skepsis in der häßlichen osteuropäischen Uebertreibung aufgetaucht — und dadurch waren die bildungsfeindlichen Elemente wachsam geworden und entschlossen, energisch jedwede Aenderung zu verhindern. Die Regierung forderte aber moderne Bildung, die wahren Freunde JsraUs meinten in ihr das Werkzeug zu erkennen zu innerer und äußerer Hebung und Befreiung. Sie hofften, sie würden es besser machen können, als die Mendelssohnsche Schule. In ihr sahen sie ihre Vorbilder, aber vor ihren Fehlern und Verirrungen wollten sie sich hüten. Und so entstand in der Mitte des December 1863 der „Verein zur Verbreitung der Bildung unter den Israeliten Rußlands". Zweisprachig mußte und wollte er die Juden machen, damit sie Russen werden und doch Juden bleiben. Vermehrung und Verbreitung der Kenntniß der russischen wie der hebräischen Sprache bildete daher den ersten Hauptpunkt des Programms. «Schluß folgt.) Berichte und Corresporidenzerr. Deutschland. Merlin. Anl dritten Tage der großen Polendebatte im Abgeordnetenhause berührte der Herr Minister v. Puttkamer auch die zahlreiche Ausweisung von Juden. Er glaubte sich mit folgenden Worten, welche den Beifall der Nationalliberalen und Eonservativen erhielten, genügend entschuldigt zu haben: „Gegen die israelitischen Ausländer sollte besonders hart verfahren worden sein. Daß der größte Theil dieser Leute kein sozialer und wirthschaftiicher Gewinn für uns sind (Sehr gut!) werden Alle anerkennen, welche die Zustände der Ostprovinzell kennen (Sehr wahr!), und es ist auf Beschluß der königlichen Staatsregierung angeordnet, daß man mit der Naturalisation dieser Leute auf das Peinlichste vor- , gehe (Sehr richtig!), damit wir nicht Leute in das Land bekommen, die bei der Ausnützung der Unkunde eines Theiles unserer Bevölkerung in geschäftlichen Dingen mehr Schaden stiften, als Nutzen bringen. Viele dieser ausländischen Israeliten nehmen, wenn sie ihre Naturalisation nachsuchen, ihre Söhne ausdrücklich von dem Gesuche aus. Sie wollen ihre Söhne der Militärpflicht entziehen, für sich aber wollen sie alle Vortheile einheimsen". — Die besondere Härte, mit der gerade gegen Juden verfahren worden sein soll, glaubte der Herr Minister gar nicht erst in Abrede stellen zu brauchen. Mreskait, Ende Januar. (Or.-Eorr.) Das hies. jüdischtheologische Seminar beging am 27. Januar die Gedächtnißfeier seines Stifters, des Eommerzieurathes Jonas Fränkel, in herkömmlicher Weise. Der Chor der Seininaristen unter Leitung des Kantors Wvtnicki eröffnete die Festlichkeit durch den Vortrag des Psalm 16, woraus Herr Seminarrabbiner vr. I. Lewy als zeitiger Vorsitzender des Lehrerkollegiums die Rednertribüne bestieg. Nach einigen einleitenden Worten, in denen er des verewigten Stifters der Anstalt in pietätvollster und anerkennenster Weise gedachte, erging sich Herr Di\ Lewy in einem längeren Vortrage über die „jüdische Gebetordnung". (Soviel wir hören, soll dieser Vortrag demnächst in der Grätz-Frankel'schen Monatsschrift zum Abdruck gelangen.) Hieraus folgte die Verkündigung des Resultats 'der diesjährigen Preisbewerbuug. Die Preisaufgabe lautete: „über die religionsphilosophischen Anschauungen des Flavius Josephus" und fand zwei Bearbeitungen. Da beide von demselben Fleiße, von derselben liebevollen Hingabe und von gleicher wissenschaftlicher Forschung zeugten, so hatte das Lehrerkollegium beschlossen, beide Arbeiten mit dem Preise zu krönen. Als Verfasser derselben ergaben sich die Herren stud. phil. Poznanski und Lewinsky. — Den zweiten Theil der Feier bildete die Entlassung der Candidaten vr. Kn oller, der bereits seit dem 1. März 1884 als Religionslehrer und Stellvertreter des Rabbiners in Breslau angestellt ist und vr. Margulies, den die Synagogen-Gemeinde Neweh-Schalom in Hamburg zu ihrem Rabbiner erwählt hat. Letzterer war durch amtliche Funktionen verhindert, der Entlassungsfeier beizuwohnen. Dr. Knoller hielt, nachdem ihm das Rabbinatsdiplom eingehändigt worden war. der Sitte gemäß einen wissenschaftlichen Vortrag und zwar über „Prophiat Duran" (Ephodl). Am Schluffe seines Vortrags richtete der Redner noch tiefempfundene Worte des Dankes an seine bisherigen Lehrer und herzliche Abschiedsworte an seine Studiengenossen, in seinem und seines abwesenden College» Namen. Die erhebende Feier schloß mit dem Vortrag des NVIVN jman durch den Chor. Dem Jahresbericht des Seminars, dem eine gediegene Abhandlung über die „Theologie des Tenophanes" von Prof. vr. I. Freudenthal, vorangeht, entnehmen wir, daß das Seminar gegenwärtig 36 Hörer zählt und daß auch in diesem Jahre eine ansehnliche Anzahl ehemaliger Zöglinge des Seminars zu Rabbinats- und Lehrämtern berufen wurden. Magdeburg, 24. Januar. Der aus kleinen Anfängen hervorgegangene, vom Redacteur d. Bl. vor 14 Jahren ins Leben gerufene Israelitische Wittwen- und Waisen-Unterstützuugs-Verein Hierselbst hielt gestern Sonnabend Abend im Gemeindehause seine diesjährige, statutenmäßige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Oberstabsarzt a. D. vr. Rosenthal, eröffnete dieselbe mit einem Ueberblick über die Thätigkeit des Vereins im verflossenen Jahre und bemerkte an der Hand des gedruckt vorliegenden Kassenberichts etwa Folgendes: Das Vereinsvermögen, dessen Grundstock bei Stiftung des Vereins im Jahre 1872 etwas über 16.000 M. betrug, hat jetzt die Höhe von ca. 5 0.0 0 0 M. erreicht; es waren im Laufe deZ Jahres 1885 über 2000 M. zur Unterstützung von 9 Wittwen und 7 Waisen verausgabt worden, von welchen letzteren zwei im Waisenhause zu Seesen unterhalten werden; die Einnahmen des Vereins, welche sich aus den regelmäßigen Jahresbeiträgen der Mitglieder in Höhe von 2011 M., den außerordentlichen Spenden anläßlich von Hochzeiten, Confirmationen und sonstigen Familienereignissen in dem bemerkenswerthen Betrage von ca. 800 M., endlich aus den Zinsen des unantastbaren Grundvermögens im Betrage von 2360 M. zusammgesetzen, hatten nicht blos ausgereicht, um allen an den Verein neu herangetretenen und bereits obliegenden Verpflichtungen im Dienste der Wohlthätigkeit zu geuügen, sondern es waren davon noch in runder Summe 3100 M. übrig geblieben und dem Capitalvermögen zugeflossen. Die Zahl der beitragenden Mitglieder ist in diesem Jahre von 251 auf 265 gestiegen. Redner wolle dabei nicht unerwähnt lassen, daß die Mitgliederliste des Vereins auch die Namen einiger Nichtisraeliten enthalten, darunter den eines hochangesehenen christlichen Geistlichen. Umgekehrt sei zu constatiren, daß aus der Mitte der Gemeinde allen wohlthätigen Unternehmungen und Bestrebungen in unserer Stadt, von welcher Seite sie auch ausgingen, die lebhafteste Sympathie entgegengetragen würde; so besitze bekanntlich die Reichsfechtschule und das von ihr Hierselbst errichtete Reichswaisenhaus, welches zu Ostern c.Waisenkindern ohne Unterschied der Confefsion seine Pforten öffnen werde, in einigen Mitgliedern dieses unseres Vereins recht eifrige, gern und reichlich beisteuernde Freunde. Diese Thatsachen seien ein schönes Zeichen des in unserer Stadt herrschenden Gemeinsinns, es trete zu Tage, daß auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit alle wahrhaft

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