Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 6. (4.12.1886)
- Date
- 1886-02-04
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
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•>£rdfeK T»1 y ,i»n — 42 — Toleranz, der Mann des achtzehnten Jahrhunderts, des großen Jahrhunderts der Aufklärung und des Kampfes gegen ein Heer von Vorurtheilen sollen in ihm anerkannt werden, und durch dessen Standbild zur Verehrung für alle Zeiten auffordern. Es ist daher, wir wiederholen es. eine thörichte Behauptung, daß ein Glaubensgenosse Moses Mendelssohn's zum Zustandekommen dieses Monumentes nicht beitragen, und das Unternehmen deutscher Männer zur Ehre eines deutschen Geistesheroen nicht unterstützen soll, weil der Letztere auch — ein Jude war. Es ist vielmehr sehr trostreich, daß die feindselige Strömung gegen die Juden in unserer Zeit sich ohnmächtig erweist und die größte Auszeichnung, die einem Semiten auf deutschem Boden zu Theil werden soll, nicht zu hindern vermag. II. Aber noch auf andere Weise ist das Andenken Moses Mendelssohn's in ehrenvoller Weise zu verewigen, und zwar durch Gründung von Mendelssohn-Lessing-Vereinen! Was diese Vereine bedeuten und bezwecken sollen, das drückt schon ihr Name aus. Mendelssohn-Lessing, das ist bereits ein Programm, das keines weitläufigen Commentars bedarf. Die Vereine, welche diese beiden Namen tragen, sollen den Geist derselben pflegen und verbreiten, oder sollen Freundschaft und Frieden unter Juden und Nichtjuden fördern. Mendelssohn erinnere an den frommen und treuen Sohn des Judenthums, Lessing an den Repräsentanten des Christenthums, beide zusammen mögen die innigste Freundschaft zwischen Synagoge und Kirche und das gemeinsame Streben, gegenseitige Duldung und Anerkennung zu üben, veranschaulichen. Die Aufgabe oder der Zweck dieser Vereine ist daher einfach und klar und es bedarf auch nicht vieler Worte, um die Wichtigkeit solcher Vereine in unserer Zeit gerade zu beweisen. Einer näheren Erläuterung aber bedürfen die M i t t e l, durch welche diese Bereute ihren Zweck erreichen können. Wir denken sie uns etwa in folgender Weise: Es sollen Vorträge während des Winters über Themen gehalten werden, die dahin wirken, Freundschaft und Frieden unter Juden und Nichtjuden zu fördern. In kleineren Gemeinden, wo es an geistigen Kräften zur Abhaltung solcher Vorträge fehlen dürfte, sollen gedruckte Schriften vorgelesen und besprochen werde:,, die geeignet sind den Vereinszwcck zu erfüllen. Es soll die Ausarbeitung von Jugendschriften veranlaßt werden, welche die Herzen der Heranwachsenden Jugend für religiöse Toleranz erwärmen. Es sollen Werke, die im Geiste des Vereines gearbeitet sind, angekauft und verbreitet werden. Es soll im bürgerlichen und sozialen Leben jedes Vorkommniß benutzt werden, um durch Werkthätigkeit Zeugniß von der herrschenden religiösen Toleranz unter den Juden abzulegen. Es soll von Zeit zu. Zeit eine Art Bulletin veröffentlicht werden, in welchem Thatsachen, welche Freundschaft und Frieden unter den verschiedenen Confessioneu bekunden, zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden. Es soll danach gestrebt werden, die Hindernisse geistiger oder materieller Natur, welche dem freundschaftlichen und friedlichen Zusammenleben von Juden und Christen im Wege stehen, zu beseitigen. Natürlich gehört in diesen Paragraph auch das Streben, Vorurtheile gegen jüdische Lehren und Sitten durch geeignete Mittel aufzuklären. Ein wichtiger Punkt in dem Programme und in den Statuten der Mendelssohn-Lessing-Vereine ist es, daß ihre Mitglieder sowohl aus Juden als Christen bestehen oder mit andern Worten, daß die Namen Mendelssohns und Lessing zu einer Fahne werden, unter welcher Juden und Christen sich zusammenschaaren und für die Verbreitung von Freundschaft und Frieden auf interconfessionellem Gebiete thätig sind. Gewiß dürfte es nicht so leicht sein, überall einen Mendelssohn-Lessing-Verein so zu gründen, daß von Anfang an seine Mitglieder aus den Anhängern verschiedener Confessionen bestünden. Allein die ersten Schwierlgkelten dürfen nicht abschrecken. Es ist der höchsten Mühen und Anstrengungen werth. Vereine ins Leben zu rufen, die schon durch ihren Namen gegen Racen- und Religionsvorurtherle feierlich protestiren. . _ ... Ehren wir Mendelssohn, ehren wir Lesstng, ehren wir das Judenthum, zeigen wir, daß es eine Religion echter Toleranz, Friedfertigkeit und Brüderlichkeit ist und gehen wir ans Werk. Das Ziel ist ein hohes, dem die Besten und Edelsten unter Juden und Christen ein glückliches Gedeihen wünschen. _ Der Verein zur Verbreitung von Bildung unter den Israeliten Nutzlands. Es war eine Zeit — sie ist noch gar nicht lange dahin — da hieß es: Die Juden wollen nicht werden, wie wir. Wir sind die Götter der Erde, wir beherrschen die Natur durch unser Wissen und unsere Kenntnisse, durch unsere Künste und unsere Fertigkeiten. Die Juden aber, ein verkommen. dumpfes Geschlecht brütet über alten Büchern oder schachert mit alten Kleidern. Sie tragen selbst die Schuld, daß wir sie nicht menschlich behandeln können, daß wir sie nicht in Gnaden zu uns erheben, Die Juden hörten solche Reden von Gelehrten und Gebildeten, von Staatsmännern und Kriegern, endlich auch von Ministern und Fürsten! Und wenn auch Viele trotzdem nicht hören mochten. „Apage Satanas“ riefen, und um so ernster und eifriger sich verkrochen in die alte gewohnte Welse — die Meisten t) orten und horchten. Ein seltsames Klingen durchzog den alten Stamm, die besten und reichsten Säfte wnroen abgeleitet in neue Kanäle: die Frucht moderner Bildung sollte in üppiger Fülle reifen au den Zweigen Juda's. Die Aulomd alten, die alle Bewunderung verdienenden Pfadffnderund Bahnbrecher gingen voran, — und ihnen nach folgten nt hellen Schaaren Berufene und Unberufene, bis daß die Schulbänke besetzt waren von jüdischen Kindern und die Hörsäie sich füllten von jüdischen Jünglingen! Bis dahin hatte man allwärts die Umwandluitg Israels freudig oder mindestens wohlwollend gewähren lassen. Als ader die jüd. Studenten geprüft sein wollten, als gar die Geprüften Anstellungen forderten und mit der Zeit sie auch erhielten, da verflog die Freude und verflüchtigte sich das Wohlwollen. Das alte Balak-Gleichniß, welches von dem O hsen spricht, der die Eide kahl frißt, ward immer häufiger auf und gegen Israel angewandt. Man haßte die Coucurreuten; man dachte daran, die Geister zu bannen, die mau wachgerufen, — man suchte und suchte Mittel und Wege, die Ueverfüllung und Uebersiutung der gelehrten Berufe durch Juden abzudämmen und zu mindern. Gar manche, arische inend pädagogische Maßregel ist, bei Lichte besehen, nur eine staatsmännische Verkleidung von — „Juden raus!" Gar manches Rescript, das von Standesehre spricht — besorgt die Geschäfte der bangen noblssss lls 1a robs! Während sich dieses in den west- und mitteleuropäischen Ländern vollzog, in denen derartiges sich abspielen konnte, schlief in Rußland Alles noch den alten, süßen Schlaf der Gerechten. Wenn das heilige Erbe des Czarenrhums in je 10 Jahren um so und so viel Quadratkilometer asiatischen Bodens gemehrt wurde, meinte man seine Pflicht der N it>on gegenüber erfüllt und die Ausführung des Testaments Peter des Großen erleichtert zu haben! Vater Nicolaus freilich hatte manchmal Anwandlungen, in denen er gern rufsifizirt und nach seiner Weise modern isirt Hütte — aber das waren nur Launen, und Tyrannenlaunen zumal sind Seifenblasen, die der Augenblick geboren hat und die im Nu verfliegen! Mit dem Regierungsantritte Alexander II. aber begannen auch in dem großen, nordischen Reiche die Frühlings winde