Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 5. (28.1.1886)
- Date
- 1886-01-28
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
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— 37 — Milweise Gegner der bez. Ausführungen ein eigenartiges Gepräge. Das Amtsblatt „Dresd. Anzeiger" referirt darüber Folgendes: „Zunächst schilderte Herr L. die Lage der Juden in unserem Zeitalter, das neben den Keimen für eine herrliche Entwickelung, neben den Ansätzen zu einem goldenen Zeitalter der wahren Freiheit, neben zahlreichen menschenfreundlichen und Thierschutz - Vereinen den finsteren Geist des Anti - Semitismus und besonders bei der Heranwachsenden Jugend und an den Universitäten eine Aechtung der Juden gezeitigt habe, denen doch in den Grundrechten der sächsischen Verfassung (1868), wie der deutschen die vollste Gleichberechtigung zugesprochen sei. Nachdem hierauf der Redner den Vorwurf, die Juden seien wegen des starren Festhaltens an ihrer Eigenart ein Hemmschuh für die weitere Entwickelung der Menschheit und darum kein geschichtliches Volk, ausführlich zurückzuweisen versucht hatte, unternahm er es, die künftige Stellung und Entwickelung des Judenthums zu besprechen, zwischen dessen Entwickelung im Vergleich mit der des Christenthums er zahlreiche Parallelen zog. Beide Bekenntnisse hätten eine ähnliche Geschichte gehabt, wiesen einander entsprechende Parteien auf und berührten sich auf das Innigste in den Vertretern der freien Richtungen des Christcnthums und Judenthums, welche der Religion Lessings, Goethe's, Kants re. angehören und sich, die Formen abstreifend, in dem Ideal der Menschenliebe zusammenfänden. Der Vortragende erinnerte daran, daß das Christenthum auch in seinen erhabensten Lehren im Judenthum wurzele, daß z. B. das Vaterunser, der Weihnachtsgruß und viele der schönsten Aussprüche der Evangelisten den heiligen Schriften der Juden fast wörtlich entstammten. Es sei nicht Ziel und Zukunft der Israeliten das Aufgehen im Christenthum, sondern die Weiterentwickelung der eigenen Lehre, in der das Seelische noch mehr hervortreten und die äußeren Gebräuche an Bedeutsamkeit verlieren müßten. Dann würde — da das Christenthum gleichen Zielen zustrebe — Nathans Gleichniß von den drei Ringen, deren Echtheit sich nur in dem edlen Thun ihrer Besitzer erkennen lasse, in Wahrheit für beide Religionen zutreffen. Sodann sprach sich der Redner für Verlegung des Sitzes der Alliance israelite, deren Mitglieder zumeist Deutsche sind, entsprechend der Verschiebung des politischen Schwerpunktes, von Paris nach Berlin aus, um dadurch noch mehr zu bethätigen, daß die deutschen Juden national gesinnt und nicht Anhänger der Internationale seien. — Im letzten Theile seiner Rede schlug Herr Lehmann einige tiefeinschneidende Reformen für den jüdischen Cultus vor. „Dann wird," schloß der Vortrageude seinen inhaltreichen, von den Anwesenden mit lautem Beifall aufgenommenen Vortrag, „die messianische Zeit der reinen, edlen Menschenliebe kommen. Dafür müssen Beide sorgen, die Juden und die Christen. Das walte Gott!" Htochum, 19. Januar. (Or.-Corr.) In hiesiger Gemeinde ist auf Anregung des Herrn H. Laubheim im Laufe des vergangenen Jahres „ein jüd. Litteraturverein" in's Leben gerufen worden, dessen Bestreben vorzugsweise darin besteht, durch lehrreiche, allgemein verständliche Vorträge das Interesse für jüd. Geschichte und Wissenschaft bei seinen Mitgliedern zu erwecken. Auf besondere Einladung erfreute uns jüngst Herr Rabb. vr. Jqulus aus Aachen mit einem höchst interessanten und wohlgelungenen Bortrag über das Thema: „Der Patriotismus der Juden geschichtlich dargestellt". Es hatten sich außerordentlich viele Zuhörer, darunter auch angesehene, nichtjüdische Bürger, eingefunden. Die Art und Weise, wie Herr vr. Jaulus sein Thema behandelte, hat allgemeine Anerkennung und ungetheilten Beifall gefunden. Zunächst bezeichnete Redner die vielfach verbreitete Annahme, als hätten die Juden mit dem Aufhören ihres nationalen Bestandes ihre geistige Produktionskraft eingebüßt, als .eine irrige. Aus dem reichen Geschichtsmaterial greift Redner einzelne Thatsachen heraus und weiß diese geschickt übersichtlich zu gruppiren, so daß der aufmerksame Zuhörer ein vollendetes, mit klaren Umrissen gezeichnetes Gesammtbild vor Augen hatte. Die Juden in Egypten unter der Herrschaft Alexander des Großen und der Ptolmäer, sowie in Arabien, Italien, Spanien und Deutschland boten dem Redner reiche Gelegenheit, hinlängliche Beweise für die segensreiche Thätigkeit unserer Glaubensgenossen auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und Verkehrs herbeizubringen. So seien sie überall wegen ihrer nützlichen Thätlgkeit, ihrer opferfreudigen Theilnahme an den Geschicken des Vaterlandes von den früheren Herrschern dieser Länder wohlwollend behandelt worden. In Deutschland sei erst mit den Kreuzzügen ein Umschwung eingetreten und von da an wären sie einem traurigen Loos entgegengegangen, das Jahrhunderte lang angedauert hätte. Mit welcher Innigkeit die Juden selbst das Land geliebt, aus dem sie vertrieben worden, geht daraus hervor, daß die aus Spanien Verjagten in der Türkei, wo sie eine Zufluchtsstätte fanden, noch immer die spanische Sprache beibehalten und die durch den Druck der Verhältnisse aus Deutschland nach Polen eingewanderten Juden noch heute die Sprache ihres früheren Vaterlandes, wenn auch in eigenartiger Mundart, redeten. Wohl wären manche traurige Vorgänge in Deutschland dazu angethan gewesen, den Juden die Liebe zum Vaterlande zu rauben, aber dennoch ist es allen Anfeindungen niemals gelungen, sie in der treuen Erfüllung ihrer Bürgerpflichten wankend zu machen. Der Vortrag hat auf sämmtliche Zuhörer einen sichtlich wohlthuenden Eindruck gemacht und ist daher auf vielen Seiten dem Wunsche Ausdruck gegeben worden, den gewandten Redner noch recht oft in unserem Vereine zu hören. Kschrveiker, 22. Januar. (Or.-Corr.) Eine schöne Feier vereinigte am jüngsten Sonntag den 17. cr. die Mitglieder unserer Gemeinde. Es galt, das Jubiläum der 25 jährigen Amtsthätigkeit unseres ersten Vorstehers Herrn Lederfabrikanten Philipp Stiel zu feiern. Von einer „Gemeinde" konnte man noch vor wenigen Jahrzehnten kaum sprechen, da nur einige Familien in unserer alten Industriestadt ansäßig waren. Heute jedoch können wir mit Stolz auf ein stattliches Gemeinwesen blicken, und ist diese verhältnißmäßig rasche Entwickelung der Gemeinde, nicht zum wenigsten der trefflichen Leitung und umsichtigen Organisation, deren sich dieselbe stets erfreute, zuzuschrciben. Den Mann, der vor einem Vierteljahrhundert an die Spitze der Gemeinde berufen wurde, und der es verstand, sich als Führer und Leiter zu bewähren, diesen Mann zu ehren und ihm den wohlverdienten Dank zu zollen, hatten sich die Glieder der Gemeinde vollzählig zu einem Festgottesdienste in der geschmückten Synagoge eingefunden, in welcher der Jubilar von einer Deputation geführt wurde. Während des ganzen Morgens fehlte es an Gratulationsbesuchen von Fern und Nah nicht. Da der Jubilar auch zu gleicher Zeit Lokalschulinspektor ist, brachte ihm auch die Schule, an ihrer Spitze Herr Lehrer Weil, ihren Glückwunsch durch drei weißgekleidete Schülerinnen dar. Mittags vereinigte ein solennes Festmahl die Gemeinde. Beim Eintritt des Jubilars in den Saal, wurde er durch ein, von einem Männerchore zum Vortrage gebrachtes, von Herrn Progymnasiallehrer König componirtes Lied, begrüßt. Alsdann sprach Herr Lehrer Weil in warmen Worten die Glückwünsche und den Dank der ganzen Gemeinde aus, und überreichte im Namen derselben dem Gefeierten, als Ehrengeschenk einen prachtvoll gearbeiteten, silbernen Pokal, nebst Widmung. Bei dem hierauf folgenden Festmahl kam durch viele Toaste, sowie verschiedene schöne Festlieder so recht die ungetheilte Liebe und Verehrung, deren sich der Jubilar in der ganzen Gemeinde erfreut, zum Ausdruck. W. Oesterreich-Ungarn. Areßöurg. Auch in vielen Gemeinden Ungarns ist der 100. Todestag Mendelssohn's feierlich begangen worden, so auch hier