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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-01-28 · N° 5. (28.1.1886) · p. Seite 36

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 5. (28.1.1886)
Date
1886-01-28
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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Vorzeit M. als abtrünnigen Neuerer betrachteten und dessen hochdeutscheThora-Uebersetzung bannten und verbrannten. Aber gegen ein plastisches Denkmal M.'s hat selbst die neuere Orthodoxie aus halachischen Gründen entschieden protestiren zu müssen geglaubt. Man hat sich andrerseits um diesen Widerspruch nicht gekümmert und ist zur Tagesordnung übergegangen, und zwar zur einfachen, nicht einmal motivirten; man hat den Gegenstand nicht zur Discussion gestellt und keine Debatte darüber eröffnet.*) Das Leben ist überall mächtiger als die Menschen, und gegen die Macht der Praxis sind die Principien der Theorie nicht immer stark genug. Ob man in diesem Falle recht daran thut, die Ansichten der Orthodoxie mit ihrer falschen Deutung der Schrift und des Talmuds, mit ihren Buchstaben-lesenden Entscheidung des Schulchan Aruch ohne gründliche Widerlegung zu lassen, ist eine andere Frage. Abgesehen vom jüdischen Publikum, für welches das angebliche Verbot der plastischen Nachbildung von weit greifender Bedeutung ist, interessirt sich für den vorliegenden Fall auch die Christenheit, welche unsere jüdischen Blätter liest und dort den Widerspruch gegen ein plastisches Denkmal M.'s ohne alle Widerlegung findet. Da ist zu befürchten, daß man sich eine falsche, jedenfalls einseitige Ansicht über Judenthum, jüdische Bibelauslegung und talmudische Satzung bilde. Jndeß läßt sich unter den obwaltenden Verhältnissen schwerlich etwas daran ändern.**) Die Orthodoxen sind selbst mit den triftigsten Gründen nicht eines Andern zu überzeugen; sie bleiben bei dem, was sie irgendwo geschrieben finden, auch wenn es anderswo anders geschrieben steht. Im besten Falle steht die Meinung gegen Meinung; wer soll und kann dann für die Praxis des Lebens entscheiden? Wie ehemals, als kein Richter in Israel war, thut auch heute jeder so, wie es ihm recht scheint. Die Rabbiner haben keine maßgebende Stellung und die Vorsteher keine bezügliche Fachkenntniß. Wir sehen auch hieran wieder, woran es in Israel fehlt', eine Central-Leitung für die Gesammt-Jnteressen des Judenthums wird immer dringlicher. G. Weikvurg, 18. Januar. (Or.-Cor.) Von dem Hinscheiden und der Beerdigung des Landrabblners vr. Lazarus Adler haben Sie bereits in Kürze Nachricht gegeben. Das Fehlende sei hier ergänzt. Der Verblichene war schon seit langen Jahren sehr leidend, was ihn auch vor ungefähr 2 Jahren veranlaßt hatte, sich pensioniren zu lassen. Das Leiden war asthmatischer Natur, und obgleich es oft mit schlimmen Anfällen hervortrat, so gab es doch keinerlei Anlaß, das Schlimmste zu befürchten. — Montag, den 4. er., Nachmittag stellte sich plötzlich ein sehr schmerzhafter Anfall von Darmbruch ein, alle Anstrengungen der Aerzte konnten keine Linderung der Schmerzen erzielen. Diese zogen ihrer Natur auch sehr beängstigende asthmatische Bejchwerden nach sich, und so erlag dieses edle Leben schon den andern Morgen dem heftigen Anfall. — Die Beerdigung fand am 7., Nachm. 3 Uhr statt. Or. Adler hatte nicht das Glück gehabt, Vaterfreuden zu genießen; auch war ihm seine treue Lebensgefährtin schon länger als ein Jahrzehnt ins Jenseits vorausgegangen. Aber zärtliche Verwandte, namentlich mehrere Neffen und Nichten, beweinten in ihm einen Vater, der er ihnen auch stets gewesen. Tief ergreifen mußte Alle der Schmerz einer elterlosen Nichte, die seit 10 Jahren ihm eine treue Tochter gewesen, und die im Gefühle, nun Alles verloren zu haben, sich gar nicht zu fassen wußte. — Es waren von allen Seiten zahlreiche Verehrer des Verblichenen herbeigeeilt; Or. N. Brüll-Frankfurt a/M., Or. Steckelmach er-Mannheim re. Cassel hatte ein Vorstandsmitglied *) Der gesch. Herr Einsender wußte nicht, als er dies schrieb, daß zwei der orthodoxen Blätter den Gegenstand nachträglich durch das tineinzerren des Frankel'schen Gutachtens zur Debatte gestellt haben. ie Beweisführung ist allerdings als verunglückt zu betrachten. Doch es ist ja den Herren nicht um die sachliche Behandlung zu thun, sondern nur um persönliche Angriffe, Beschimpfung und Trennungsvcrsuche. **) Warum so resignirt? Eine ruhige klare Auseinandersetzung und Darlegung der bctr. takmudischen Normen für die jetzigen veränderten Verhältnisse wäre recht zeitgemäß und verdienstlich. (Red.) und den Rabbiner vr. Pr a ge r deputirt. *) Mehrere Colleges hatten es nicht ermöglichen können, dem Verblichenen das letzte Geleite zu geben, so die HH. Or. Salfeld-Mamz, Or. Schwarze-Karlsruhe u. s. w. Um 3 Uhr bewegte sich der Zug aus dem Trauerhause hinaus in das sonst so liebliche Nerothal, wo der jüd. Friedhof liegt. Die ganze Natur schien von eisiger Resignation erstarrt zu fern, der frische Schnee und ein plötzlich eingetretener empfindlicher Frost hatten die Berge und Thäler in der Runde wie einen Riesenleichnam aufgebahrt. Die Beisetzung der Leiche war eine sehr würdige und erhebende. H. Rabb. Or. Silberstein hielt die Grabrede, in welcher er, an die kaum erledigte Mendelssohn- Feier anknüpfend, mit Recht den Verblichenen einen echten Jünger Mendelssohns nannte, der auch an Milde, Begeisterung, und religionsphilosophischer schriftstellerischer Thätigkeit in den Spuren Mendelssohns wandelte. Nachdem der Redner noch im Namen der Allianz isr. Univ. von dem im Sarge Ruhenden Abschied genommen, begann Herr Landrabbiner Or. Prager im Namen der Gemeinde Cassel den Gefühlen der Dankbarkeit und der Trauer Ausdruck zu geben. Zum Texte hatte er sehr sinnig den Vers aus dem Hohenliede '21126 N1N 82' gewählt. Zum Schluffe legte noch der Cultus-Vorsteher der Gemeinde Wiesbaden, Herr Heß, einen großen Kranz im Namen des Deutsch- Jsraelitischen-Gemeinde-Bu ndes auf den Sarg nieder. — Damit war die Feierlichkeit geschlossen und der Sarg wurde in den Schooß der Erde hinabgelassen. Die strenge Kälte hatte die Grabeserde fest an einander gekittet und nur mit Mühe, als weigerten sich die Schollen, den Versenkten von uns zu trennen, war es möglich, den Grabeshügel zu thürmen. — Mit Or. Adler ist nicht nur ein Veteran, sondern einer der begabtesten Führer in den Kämpfen zur innern Emanzipation des Judenthums aus dem Moder des Mittelalters dahingegangen. Wenn diese Bewegung seit mehreren Jahren ins Stocken gerathen zu sein scheint, so war er einer der wenigen, welche trotzdem festhielten an der Ueberzeugung, daß die Grundsätze, die jene Bewegung ins Dasein riefen, doch endlich siegen werden. Für diese seine Ueberzeugung hat er bis zum letzten Tage seines Lebens die Waffen des Geistes geführt. Wie ein Held ist er dahingegangen, nicht fern ab vom Kampfe für seine Ideale, in träger Ruhe, die sein Alter so dringend forderte, sondern noch immer in der Reihe der Streiter stehend, die auch im Judenthum den Materialismus als Materialismus erkannten jflörbö 62 H28'l fflD) 6ö3 "pt, „Ach wenn ein Kämpfer auf der Arena des Geistes fällt, dann gehen mit ihm auch „die Waffen des Kampfes", verloren. Mit Or. Adl,er hat das Israel der Gegenwart scharfe, nie befleckte, stets mit hohem Adel geführte geistige Waffen verloren! Dresden, Ende Januar. (Or. - Corr.) Im Brüder- Verein sprach am 19. d. Mts. vor einer zahlreichen Zuhörerschaft versch. Confessionen über „Juden einst und jetzt" das Ehrenmitglied des Vereins, Herr Rechtsanwalt Emil Lehmann. Die diesem gesch. Redner eigne freie Lebensauffassu^ und sein Bestreben, durch fortschreitende Reformen eine Brücke über die Kluft der Zwiespältigkeiten in unserem heutigen Leben zu bauen, gaben diesem Vortrag auch für k M erhalten von einigen ehemaligen Schülern des scl. Adler folgende „Anfrage" mit der Bitte um Veröffentlichung-?? bcnn jemand vom „Ausschuß des isr. Lehrerverems Hessen sowie von der „Humanitätsgesellschaft" in Cas sel -'Wiesbaden" blicken lassen, um dem äfKPlra e^ c ®^re *u erweisen. Uns fiel es um so mehr auf, als ia der Verewigte mtt Liebe den Lehrern anbina und mit größter Hochachtung über den Lehrerstand dachte und sprach. Gewiß wird manchem Lehrer Hessens gleich uns noch in frischem Gedächtnisse em. wie tre stich der Entschlafene im Jahre 1880 auf bev2ebuTv?amm, hm9 m ftulba m etner lichtvollen Ansprache über die Bürde ^nd Wurde des Lehrers in Israel" sich verbreitete. In der Gesellschaft der Humanität hat Herr vr. Adler über 25 Jahre musterha e Vorträae gehalten, von denen viele im Druck erschienen sind Kennen die dm Au-,pmch des Talmuds llZnÄn-M-«K-K»

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