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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-01-21 · N° 4. (21.1.1886) · p. Seite 29

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 4. (21.1.1886)
Date
1886-01-21
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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— 29 Schwiegervater. Der Verstorbene ist leider nur 52 Jahre alt geworden, eine 84 jährige Mutter überlebt ihn. Er wohnte erst in Bodenfelde, siedelte später nach Uslar über, woselbst er einen würdigen Privatgottesdienst für die dort befindlichen Gemeinde-Mitglieder errichtete. Als Vorbeter und Vorleser wußte er die Uslaraner an sich zu fesseln, noch mehr aber durch seinen ganzen Lebenswandel. Obgleich zur Privatsynagoge steuernd, hielt er doch treu zu seiner Muttergemeinde Bodcnfelde, vielmehr waren es grade „religiöse Bedenken", die ihn von einer Trennung ab hielten. Für das Interesse der Lehrer, welche jeden Sonntag den Religionsunterricht in seinem Hause ertheilten, war er stets bedacht. Tief betrauern seinen Verlust die Armen, Wittwen und Waisen, deren Vater und Berather er war. Von seinem Vermögen gab er nach altjüdischem Brauche den Zehnten an die Armen. Möge der Allgütige die Wittwe und 8 Kinder trösten, und das Andenken des Frommen der Gemeinde zum dauernden Segen gereichen, 'iTSXJ'n Kamvurg, den 18. Januar. (Or.-Corr.) Wohl nirgends im großen deutschen Vaterlande ist der hundertjöhrige Todestag Moses Mendelssvhn's weniger gefeiert worden, als in Hamburg. Außer der am Sabbath zuvor vom Prediger des israelitischen Tempelverbandes, Dr. Jonas, beim Morgengvttesdienst gehaltenen Gedächtnißrede, ist der Manen des großen Denkers und Philosophen an heiliger Stätte nicht gedacht worden. Aus welchem Grunde der Synagogen- Verband eine Feier nicht veranstaltet hat, konnte ich nicht erfahren; auf mein Befragen an geeigneter Stelle wurde mir die Antwort zu Thcil, die Frage set gar nicht discutirt worden! Sollte man sie perhoriescirt haben? Das wäre kaum denkbar und doch scheint es so. Was die Synagoge Neweh - Scholaum betrifft, so war dieselbe in Abwesenheit ihres Rabbiners, der zur Zeit in Breslau weilte, an der Abhaltung einer Feier verhindert. Der Vorstand der Töchterschule der Gemeinde dagegen hat am Mittwoch voriger Woche eine Gedächtnißfeier veranstaltet u.Schnudt's„MosesMendelSsohu", ein Lebensbild, unterdie Zöglinge vertheilen llassen. Bei der Sammlung hat die Gemeindeverwaltung sich durch Zeichnung eines Beitrags von M. 50u betheiligt. (Siehe „Hamburg" unter Neueste Nachr.) Faribervischofsheim, im Januar. Auch in der hiesigen Gemeinde ist der hundertjährige Todestag Moses Mendelssohns durch eine Gedächtnißfeier in Synagoge und Schule in würdiger Weise begangen worden. Am Sonnabend, den 2. Januar, wies Lehrer Driese n in einem längeren Vortrage in der Synagoge — anknüpfend an den Inhalt des Wochenabschnittes — darauf hin, wie Moses Mendelssohn die dem Propheten Moses von Gott gestellte doppelte Aufgabe — einerseits auf das geknechtete und erniedrigte israelitische Volk erhebend und veredelnd zu wirken, andererseits dieses Volk nach .außen zu vertreten, seine ihm in der Erniedrigung entzogene Achtung wieder zu -gewinnen — voll und ganz erfüllte. Am 4. Januar wurden nach einer feierlichen Ansprache seitens des Lehrers mehrere Exemplare der Ferd. Schmidt'- jchen Festschrift, die vom hies. Synagogenrathe angeschafft worden waren, an die Kinder vertheilt. Zum besseren Verständniß dieses leider nicht durchgehend p opulär gehaltenen Merkchens führte der Lehrer das Lebensbild Mendelssohns und die Zeitverhältnffse, in der dieser lebte und wirkte, in großen Zügen den Kindern vor. — Man sah es den Kleinen an. wie sie die Leiden und Freuden ihres berühmten Glaubensgenossen mitfühlten. — In manchem Kinderauge erglänzte eine Thräne bei der Schilderung des armen, bleichen und zitternden Judenknaben bei seinem Eintritt in das Rosenthaler Thor in Berlin. — Wie triumphirend blickten die kleinen, andächtigen Zuhörer drein, als ihnen erzählt wurde, der Jude Mendelssohn hätte den Preis über seine berühmten Gegner davongetragen. Ein aufmerksameres und dankbareres Auditorium jkann man sich kaum denken. — Mit einer Aufforderung an di, Kleinen, Mendelssohn zum Vorbild sich zu nehmen in Schule und Leben, seine Eigenschaften sich anzueignen, den heiligen Glauben der Väter durch gute Thaten zu verherrlichen, denselben stets hoch zu halten und, wie hoch man auch im Leben gestiegen, ihn nie zü vernachlässigen — schloß diese Schulfeier, die im wahren Sinne des Wortes eine Religionsstunde genannt zu werden verdient. — Oesterreich-Ungarn. Wie« „Wem die Schule gehört, dem gehört die Zukunft" ist ein im Kampfe um die Schule oft gehörte- Schlagwort. Wahrheit wohnt ihm mne, das wird Niemand in Abrede stellen wollen. Dem Sinne nach stimmt diese- Schlagwort mit dem Ausspruche des Psalmisten überein: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge befestigst Du Dein Reich!" *) Den isr. Schul- und Gemeindevorständen dürfte dieser Wahrheitssatz ganz besonders zur Beherzigung empfohlen sein. Daß ihm nicht überall die nothwendige Berücksichtigung in gehörigem Maße zu Theil wird, ist eine bekannte Tatsache. Die Folgen treten freilich auch grell genug zu Tage. Es müssen hier, wenn die Heranwachsende Jugend dem Judenthume erhalten bleiben soll, um so mehr alle Hebel zur Besserung angesetzt werden, als, namentlich in den Mittel- und Großstädten, die Schulverhältnisse in der Neuzeit sich so gestellt haben, daß sie in Verbindung mit der religiösen Gleichgiltigkeit der Eltern und der durch den Besuch der öffentlichen Schulen bewirkten Abhaltung der isr. Jugend vom sabbathlichen Gottesdienste eine nachhaltige Wirksamkeit der Paar obligaten wöchentlichen Religionsunterrichtsstunden sehr erschweren, ja fast unmöglich machen. Dem muß Abhilfe werden, und es lassen sich wohl noch Mittel und Wege finden, diesen Uebelständen entgegenzuwirken. Die in der isr. Cultusgemeinde Wien bestehende Einrichtung des allsabbathlichen Schülergottesdienstes ist in der Art und Weise, wie derselbe stattfindet, in dieser Beziehung sicherlich) von hervorragender Bedeutung und verdient überall, wo die Verhältnisse es erheischen, Nachahmung. Ich wollte mir bei einem mehrwöchentlichen Aufenthalte in Wien die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesem Gottesdienste im Leopoldstädter Tempel anzuwohnen und dürfte ein Referat hierüber für Ihr geschätztes Blatt nicht unerwünscht sein. Ich begab mich am Samstag TM 'B Vormittags um 11 Uhr in den genannten Tempel. Um diese Zeit beginnt der Gottesdienst für die Schüler der Volksschulen. Es waren wohl gegen 409 Knaben anwesend. Von den zwei vor den Stufen, welche den Aufgang zur heiligen Lade bilden, befindlichen großen Candelabern strahlte Heller Lichterglanz. Der Gottesdienst begann mit dem von Chorgesang begleiteten Ausheben der Thora. Es wurde ein Abschnitt aus;bcr Wochensidra vorgelesen und drei Schüler wurden aufgerufen. Nachdem die Thorarolle unter Chorgesang wieder in die heilige Lade gebracht worden war, wurde ein Vers eines deutschen Liedes gesungen. Darauf betrat der Religionslehrer Herr vr. Braun die Kanzel und hielt unter Anlehnung an die Worte des Wochenabschnittes 'VV DrQ eine, dem Fassungsvermögen der Kinder angepaßte vortreffliche Ansprache an die versammelten Schüler, welche auf dieselben sichtbaren Eindruck machte. Hierauf wurde wieder ein Vers eines deutschen Liedes gesungen und dann Mussar gebetet. Um 3 Uhr Nachmittags begann der Gottesdienst für die Schüler der höhern Schulen. Es hatte sich eine gleiche Anzahl Knaben, wie beim Morgengottesdienste, eingefuuden. Das Minchagebet begann in üblicher Weise. Das Aus- und Einheben der Thora fand in gleicher Weise, wie beim Morgengottesdienste statt. Gelesen wurde der erste Abschnitt aus der nachwöchentlichen Sidra und wurden ebenfalls nur Schüler *) Schöner noch drückt es der Midrasch aus, der die Schulkinder die „Messiassc der Welt" nennt: ptf flpim *6* TP ttJ Ö 3 INN P& PN N'3 1 (Red.)

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