Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 4. (21.1.1886)
- Date
- 1886-01-21
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 — zu streiten, sich umsteht, wie dieser Geist in der religiösen Praxis jener Schule Gestalt annimmt, vb es wirklich der Mendelsohn'sche Geist der Milde und Sanftmuth der Weisheit und Toleranz, der Geist der Versöhnung der Religion mit der Cu l tur ist, der durch diese Jünger in die Gemeinden hineingetragen wird, oder nicht das gerade Gegentheil davon. An den Früchten sollt Ihr sie erkennen, die echten Jünger Mendelssohns. Da residirt ein solcher „Jünger" in einer großen süddeutschen Gemeinde. Er ist ein begeisterter Verehrer der sogen. „Frauen-Scheitcl": eine „ungescheitclte" Frau ist in seinen Augen ein religiöses Monstrum. Er hat nun auch den größten Theil der Frauen seiner Gemeinde glücklich unter den „Scheitel" gebracht. Vcrheirathet sich ein junges Mädchen, so ruht er nicht, bis er ihr oder ihrem Bräutigam das Versprechen der strengen „Scheitelung" abgcrungen. Aller Zauber seiner Beredtsamkeit, alle Schrecken der Hölle werden in den heiligen Dienst dieser Friseur-Frage gestellt. Dennoch giebt es manchmal böse, weltlich gesinnte Mädchen, welche denken, das sei eine Frage der Mode und nicht eine Frage der Religion oder des Rabbiners, und auch Bräutigame, welche so denken. — So erging ck unserem heiligen Scheitel-Eiferer mit einem Brautpaare auch einst sehr, sehr schlecht. Alle Künste der Rhetorik, olle Gluthcn des ewigen Feuers wollten nicht verschlagen. Das Mädchen blieb fest und sprach: „Herr Rabbiner, ich denke man kann eine gute, ehrbare Frau sein, wenn man auch nicht sein eigenes schönes Haar mit einen falschen Haarputz unnöthigerweise aufbauscht", und der Bräutigam sagte: „Ich mache meiner Braut keine Vorschriften. Soll ich schon vor der Hockzeit wegen eines Haarzopfes mich mit ihr entzweien?" — Allein der „Zopf" ging unserem Rabbi nicht aus dem Kopf. Tag und Nacht hatte er keine Ruhe; er mochte auch fürchten, andere Bräute würden hingchen und desgleichen thun. So unter den Qualen des Gedankens, daß er ohnmächtig sein srllte, die hartnäckige Braut den Klauen der „Scheitcl"-losigkeit zu entreißen, kam der Hochzeitstag heran. Der Rabbi konnte die Trauung wegen des Scheitel-Punktes zurückwcisen — doch das that er nicht: er fühlte ein ..menschliches" Rühren. Nein, er vollzog die Trauung, denn er hoffte doch noch der Widerspenstigen Zähmung durchzusetzen. Nämlich so. Er sprach in der Trauungsrede von der Wichtigkeit und Heiligkeit des „Scheitels", wie davon alle Sittlichkeit, alle Keuschheit abhänge re. Das Brautpaar stand wie auf glühenden Kohlen. Doch es sollte nrch btsser kommen. Als der fromme Rabbi mit seinem Scheitel-Thema sich zur höchsten Begeisterung emporgeschwungen, apostrophirte er plötzlich die Braut: „Und nun frage ich Sie, in diesem feierlichen weihevollen Augenblicke, antworten Sie mir — wollen Sie einen Scheitel tragen oder nicht"? — Die Braut war empört und das gab ihr Muth ein festes „Nein" zu sprecheu. Das hatte der Rabbi nicht erwartet! Seiner selbst nicht mehr mächtig, sprach er mit drohendem Tone: „An dieses „Nein" sollen Sie noch denken!" — So geschehen im 19. Jahrhundert, von einem Priester des Jndenthums, welches schon von mehr als 3000 Jahren den heiligen Gottcsnamen auslöschen ließ, um das getrübte Glück einer Ehe wiederherzustellen! *) (F. f.) Berichte mb Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg. (Professor Stade und die Berliner Rabbinerversammlung.) In der „Geschichte des Alterthums in Einzeldarstellungen von Dümichen, Hertzberg, Justi, Lefmann, Hemmel und Stade" hat Letzterer die Geschichte des Volkes Israel behandelt. Ueber die Berliner Rabbinerversammlung äußert er sich Seite 510, Note 3, folgendermaßen: „Es ist *) Und gerade von dem Akte, wo dies geschah, von plßfr, dcduzirt Uw «c Berechtigung solch brutaler Scheitel-Theorie! Sollte der betr ueuorthodoxe Rabbiner ntDfc? mit verwechselt haben? ein durch seine Unverfrorenheit auffallendes Beginnen, wenn versammelte Rabbiner dem christlichen Publikum einzureden suchen, daß die Juden durch Gebote wie Levit. 19,18. 24, 22. zu gleichem sittlichen Verhalten gegen alle Menschen verpflichtet seien und das Judenthum zur Religion der Menschenliebe stempeln. Man spcculirt hierbei auf die falsche Uebersetzung von Eea „Volksgenosse" mit „Nächster" und Gor mit „Fremder" in der deutschen Bibel. — Ich zweifle gar keinen Augenblick, daß jene Rabbiner wirklich nach solchen Grundsätzen handeln, unk auch ihre Gemeinden hierzu zu erziehen suchen, allein dann handeln sie unter dem Einflüsse christlicher Ethik und gegen die Ethik des talmudischen Judenthums. Da man hierdurch noch nicht zum Christen wird, so ist jedenfalls kein Grund vorbanden, den Sackverhalt zu verdunkeln, zumal es noch nie Vortheil gebracht hat, Thatsachen zu leugnen, welche Jedermann zu eonstatiren vermag. Das Judenthum hat ja schon einmal unter dem Zwange der christlichen Sitte eine barbarische Sitte beseitigen müssen, die Polygamie. Das unlängst erfolgte Zugestündniß, die Rabbinen hätten danach gestrebt, die Anwendung der betr. Gesetze „in der Fremde illusorisch zu machen", Hütten aber das alte Gesetz weder „fälschen noch abschaffen können", nöthigt zu der Frage, wie man wohl eine Religion zu beurtheilen hat, welche ihre eigenen Diener in eine solche Lage bringt". So weit Stade. Diesem nichtjudenthumfreundlichen Elaborat fehlt es selbstredend nicht an Widerjprüchen und Jrrthümern. Die auf der Berliner Rabbiuerversammlung ausgesprochenen ethischen Grundsätze, auf die Stade jedenfalls hinzielt, — s. Nr. 24 der Israel. Wochenschrift vom Jahre 1884, — sollen „unter dem Einflüsse der christlichen Ethik" gezeitigt sein. Allein der Begriff „christl. Ethik" involvirt einen exclusiven Standpunkt, denn das Attribut „christlich" zwingt uns, an die religiösen Dogmen der christl. Kirche zu denken, es schließt also die Glaubensgenossen anderer Confessionen aus. Man braucht sich nur den Begriff „christl. Staat" zu vergegenwärtigen, in dem die Juden nicht zu allen Staatsämtern gelangen können und andere Einschränkungen zu erdulden haben, ferner den Freimaurerorden, der thatsüchlich die anzustrebende allgemeine Verbrüderung vom christl. Glaubensbekenntniß abhängig macht.*) Doch weiter! Ein Grunddogma der christl. Kirche ist die Trinitätslehre. Prof. Stade ist es jedenfalls bekannt, wie sich Luther über dieses Dogma äußert: „Die Christen sind's allein, die solchen -Artikel (wir lassen absichtlich das Epitheton fort), wie die Vernunft klügelt, glauben. Denn da wird sich die Vernunft nimmermehr darein schicken können, daß drei eins und eins drei seien. Aber, wer's glaubet, wird selig." Hier könnten wir mit demselben Rechte mit Stade sagen, wie hat man eine Religion zu beurtheilen, welche ihre eigenen Diener in eine solche Lage — gleich Luther — bringt. Man sieht, wo die „Unverfrorenheit" zu finden ist. Prof. Stade spricht dann weiter von „christlicher Sitte"! Was heißt denn christliche Sitte? Gehört das Faustrecht des Mittelalters, gehört das Stiergesecht zur christl. Sitte und sittlichen Kultur? (In den Sprüchen Salomonis heißt es: „Der Fromme liebt sogar ffin Vieh," darum ist auch im Judenthum das Jagdvergffi ü g e n verpönt.) Heischte es die christl. Ethik, daß die Juden bis auf die jüngste Zeit verfolgt wurden? Ist das die vielgepriesene christliche Ethik? Herr Professor Stade möge doch vor allen Dingen die Ethik ins Auge fassen, wie sie in xraxl geübt wird, er wird dann zu der Ueberzeugung kommen, daß die christl. Ethik in ihren wahrhast sittlichen Bestandtheilen ein Ausfluß des Judenthums ist. Es ist nachgewiesen, daß sämmtliche Sittenlehren des neuen Testamentes dem alten Testament und dem Talmud entnommen sind bis *) S. Geschichte der Loge „Ferdinand zur Gliickseligkeit" Magdeburg 1861. Seite 116 das.: „Unter dem 3. Juni 1833 erließen unter Bezugnahme ans die Brochnren des Prof. Hengstenberg die Vorstände der 3 Großlogen eine öffentliche Erklärung, worin sie wiederholt darauf hinwiescn, daß die Grundsätze des Ordens spezifisch christlich seien und das wir an Christus, den Erlöser und Versöhner des Menschengeschlechts, und an sein heiliges Evangelium glauben."