Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 3. (14.1.1886)
- Date
- 1886-01-14
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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21 — kein Israelit mehr, welcher hierfür auftrcten könnte. Bis 1882 erhielten auch Vorsänger-Kandidaten halbe Freiplätze. ßokverg. Der „Zeitg. f. Pommern" entnehmen wir folgenden Bericht über die goldene Hochzeitsfeier des Herrn Hermann Sußmann und dessen Ehefrau Henriette geb. Tobias, früher hier, jetzt in Labes wohnhaft, vom 28. v. M. Schon 2 Uhr Nachmittags fand im Saale des Alten Gesellschaftshauses die religiöse Weihefcier durch den Rabbiner Herrn vr. Goldschmidt statt. Auf Veranlassung de-? Herrn Oberpräsidenten von Pommern überreichte der Rabbiner darauf die von Sr. Majestät dem Kaiser dem Jubelpaar verliehene Ehe-Jubiläums-Medaille. sowie das im Allerhöchsten Aufträge erlassene Kabinets-Glückwunschschreiben Einer der Söhne trug alsdann einen Festprolog vor, worauf der Vorstand der hiesigen Synagogen-Gemeinde. sowie der Vorstand des hiesigen jiidischen Armen- und Krankenpflege-Vereins, dessen Mitbegründer und langjähriger Vorsteher der Jubilar gewesen ist und dem er nunmehr als Ehrenmitglied angehört, vor dem Jubelpaar als Deputationen erschienen, um dasselbe Namens ihrer Auftraggeber mit herzlichen Worten an ihrem Jubeltage zu beglückwünschen. — Die Festtafel vereinigte alsdann den engen Familienkreis, welcher nunmehr aus 10 Kindern. 27 Enkeln und einem Urenkel also aus 40 Gliedern besteht, die fast vollzählich aus der weitesten Ferne herbeigeeilt waren, um ihre Eltern, Großeltern und Ahnen im Schmuck des goldenen Kranzes zu ehren. Den ersten Trinkspruch brachte Herr Or. Goldschmidt mit begeisternden Worten auf den Kaiser. Es folgte eine lange Reihe von Trinksprüchen, Tafelliedern re., die sämmtlich das Jubelpaar feierten. Nach Aufhebung der Tafel schloß das Fest mit Vorstellungen und Deklamationen, die von den Kindern und Enkeln des Jubelpaares gegeben und gehalten wurden. Erst in früher Morgenstunde schloß das schöne Familienfest, dem das greise Paar geistesfrisch und in seltener Rüstigkeit fast bis zum Schlüsse beigewohnt hat. England. London, Januar. (Or.-Corr.) In meiner jüngsten Correspondenz von hier berichtete ich Ihnen von der bevorstehenden Bildung eines litterarischen Vereins in Verbindung mit dem hiesigen Jews-College unter dem Vorsitz des Herrn vr. Friedländer, der Director dieser Anstalt ist. Seitdem hat dieser Verein seine Thätigkeit bereits begonnen und verspricht man sich von lhm den besten Erfolg. Denn nicht allein wird den jungen Studenten, die sich der jüdischen Theologie widmen, die Gelegenheit geboten, mit den verschiedenen Wissenszweigen des Judenthums genauer bekannt zu werden, sondern dies ist auch der Fall in Bezug auf das allgemeine gebildete jüd. Publikum, das bei den bisher gehaltenen Vorträgen stets zahlreich anwesend war. Den ersten Vortrag hielt vr. Friedländer, der Präsident des Vereins, und wählte er zum Thema „das Buch Ko Hel et", welches er mit großer Gewandtheit und Geschicklichkeit behandelte. Den zweiten Vortrag hielt vr. Chotzner, vom Harrow-College, über „die hervorragendsten hebr. Dichter der sogenalinten spanischen und italienischen Schule des Mittelalters", und skizzirte in kurzen Umrissen das Leben und die litterarischen Erzeugnisse Gabirots, Jbn Esra's, Jehuda Halewi's, Alcharizi's, Immanuels und Kalonymos ben Kalonymos'.— Vorige Woche hielt vr. Neubauer, Lector an der Oxforder Universität, einen hochinteressanten Vortrag über „die Einführung der Quadratschrrft in die biblischen Manuscripte", der, wie nicht anders zu erwarten war, mit großem Beifall ausgenommen wurde. — Nächste Woche wird vr. Herrmann Adler einen Vortrag halten über das Thema; „Moses Mendelssohn, sein Leben und seine Werke". Rußland. U. F. Aus Sfofen, 1. Januar. (Or.-Corr.) Außer der in Petersburg bei dem Ministerium des Innern tagenden sog. „Judencommission" unter dem Präsidium des Grafen von Pahlen ist bekanntlich schon wieder von dem General- Gouvernementschef des Zarthum Polen. Herrn Gurko, für die 10 polnischen Goubernien eine besondere Commission „für die Angelegenheiten der Juden" unter dem Vorsitz des Baron von M e n g d e n ernannt worden! Dieselbe wird sich vornehmlich, wie ich aus sicherer Quelle erfahre, mit der Untersuchung beschäftigen, in welchen Grenzen es sich für nöthig erweist, die bekannten, tief einschneidenden. von Jgnatiew redigirten „temporären Vorschriften vom 3. Mai 1882" — welche die Juden in Rußland so bitter zu beklagen haben — auch auf Polen auszudehnen, nämlich über folgende Angelegenheiten: 1. über das Recht der Juden in Polen des Erwerbes von Grund und Boden außerhalb der Städte, 2. der Güterpachtung. 3. des Waldankaufs, 4. des Hausirens und Schankstättehaltens auf dem Lande. 5. der Theilnahme au der Gemeindeverwaltung. 6. der Niederlassung in den Grenzbezirken und auf^dem Dorfe und noch über einige andere Freiheiten (?) der Juden in Polen, die vorläufig noch athmen. D ese für pharaonischeZwecke eingesetzte,,Judencommission" soll demnächst ur Warschau ihre heilige Thätigkeit beginnen und binnen einer Monatsfrist ihre Aufgabe erfüllt haben. Diese Nachricht hat in eminenter Weise zu dem ohnehin großen Leidwesen der Judenheit in Rußland auf uns polnische Juden einen sehr trüben Eindruck gemacht, besonders als man sah, daß mehrere Mitglieder dieser „Commission" zu den gehässigsten Antisemiten gehören. Gott allein weiß, was wir noch m Rußland erleben werden! Die residenzliche Beamtenwelt wird nicht müde, alle möglichen bis dahin ad acta gelegten, gegen die Juden gerichteten Beschränkungen und Sondergesetze wieder ausfindig zu machen. So hat neuerdings der residenzliche Stadtchef die sog. „Pahlen'fche Judencommissiou" projectirt, eine aus uralter Zeit herrührende Verfügung wieder zur Geltung zu bringen, nach welcher alle Juden von der Pachtung von Bahnhof-Restaurationen und Militär-Kantinen ausgeschlossen sein sollen, die zur Discussion in der Commission zunächst gelangen wird. Daß nicht durchaus allein die Juden, sondern auch die Polen und die Ausländer aus allen Zweigen der Verwaltung und des öffentlichen Lebens ausgeschieden werden, beweist folgende Tharsache. Man hat auf Grund eines höheren Befehls alle bei den Eisenbahnen an der Westgrenze angestellten Ausländer, Polen und Juden, so viel wie möglich entfernt, und wird diese Maßregel auch auf die im Innern des Reiches befindlichen Eisenbahnen ausgedehnt. — Auch auf B.fehl des General-Gouverneurs von Kiew, Herrn von Drentelen, wurden aus der Verwaltung der Kiewec Agrarbank, sowie aus der Taxationscommtssion sämmtliche Juden u. s. w. entfernt und von nun ab nur „Russen" in denselben angestellt. — Die Massenausweisungen der Juden in den Baltischen und Ostseeprooinzen, auf dem flachen Lande wie in den Städten, werden leider mit der größten Strenge und Energie ohne Unterbrechung ausgeführt. Sicherem Vernehmen nach geht diese harte Ordre von örtlichen Behörden aus, die nur gegen diejenigen nicht zu den dortigen Provinzen gehörenden Juden und gegen solche Personen, welche keine bestimmte Erwerbs-, resp. Existenzquelle aufzuweisen haben, gerichtet ist. Vermischte und neueste Nachrichten. Heks, den 4. Januar. Montag Abend fand in der hiesigen festlich geschmückten Synagoge die erhebende Gedächtnißfeier zu Ehren Moses Mendelssohns, jenes Mannes, der seine ganze Lebensaufgabe darin erkannt hat, Liebe und echte Religiösität in die Herzen nicht nur seiner Glaubensgenossen, sondern aller Menschen zu Pflanzen, statt. Herr Rabbiner vr. Chodowski verstand es, in treffenden Zügen ein leuchtendes Gesammtbild des großen Todten zu entwerfen, und verlieh seinem Vortrage dadurch einen besonderen Reiz, daß er in geschickter Auswahl goldne Worte