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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-01-14 · N° 3. (14.1.1886) · p. Seite 20

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 3. (14.1.1886)
Date
1886-01-14
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 — sich um ruhige und friedfertige Leute, die ohue Noth mit Härte behandelt werden. Dies veranschaulichte Herr Rickert durch ein Beispiel aus seiner Vaterstadt Danzig. Dort sei u. Ä. ein durchaus unbescholtener, fleißiger und friedfertiger Jude — dessen Frau in Deutschland geboren und erzogen — nebst Familie ausgewiesen worden; der Mann habe eine Art Kürschnergeschäft betrieben, habe viele Leute beschäftigt und seine zahlreichen armen Verwandten unterstützt; durch die Ausweisung sei nicht nur das umfangreiche Geschäft des Mannes völlig ruinirt, sondern auch die Existenz seiner Verwandten untergraben worden. Es müsse hierbei hervorgehoben werden, was sich nun einmal nicht leugnen lasse, daß die Juden fast durchweg ihre Verwandten „nicht blos mit Rath, sondern auch mit That, mit klingender Münze unterstützen, und darin sollten w i r (Christen) sie uns zum Vorbild nemeu." Lebhafter Beifall folgte auch diesen Worten des vorurtheilsfreien Redners. Aus HSerfchkeste«. (Or.-Corr.) Berichte über patriotische Kundgebungen aus Anlaß des Regierungsjubiläums unseres greisen Königs in Synagoge und Schule, sowie über festliche Begehung des Mendelssohn - Gedenktages übergehe ich heute absichtlich. Sie würden doch post festum kommen und da gilt der Grundsatz: ijyip St02 lJÖT ^22. Im Allgemeinen genüge die Bemerkung, daß die intelligenteren Gemeinden Oberschlesiens gern der Anregung Folge leisteten, der patriotischen Gesinnung gegen Kaiser und Reich und der Pietät gegen den großen und edlen Moses Mendelssohn in geeigneter Weise Ausdruck zu geben. Falls es noch nicht zu Ihrer Kenntniß gelangt sein sollte, theile ich Ihnen mit, daß am 27. December 1885 in Beulhen O.-S. eine Versammlung jüdischer Lehrer Oberschlesiens tagte. Die Vereinigung der jüdischen Lehrer Oberschlesiens soll — nach dem Wortlaute des Einladungsschreibens — den dreifachen Zweck verfolgen: 1. für Oberschlesien einen einheitlichen, auf pädagogischen Grundsätzen aufgebauten Religionsunterricht herbeizuführen; 2. die Interessen der jüdischen Lehrer wahrzunehmen unb 3. die Collegialität unter denselben zu pflegen und zu fördern. Das ist Alles sicherlich recht schön, gut und lobenswerth. Nun besteht aber bereits seit Jahr und Tag ein Verein jüdischer Lehrer Schlesiens und P osens und es ist gar nicht abzusehen, wo hier das Bedürfniß für Bildung von Vereinen und Vereinchen vorliegt. Wozu diese decentralisirenden Bestrebungen, wozu dieser Particularismus. diese Kleinstaaterei in neuen Vereinsbildungen? Die jüdische Religionsschule Oberschlesiens hat dieselbe Culturmission und unter denselben Schwierigkeiten zu erfüllen, wie andere Regierungsbezirke unserer Monarchie. Da Mitgliedschaft und Vereinsangehörigkeit immer mit Kosten verbunden ist und auch bei oen jüdischen Lehrern Oberschlesiens dafür gesorgt ist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, so befürchte ich, daß solche Sepa rat vereine den Centralverein schwächen, wenn nicht gar in seiner Existenzfähigkeit gründlich gefährden. Wir waren nicht in der Lage, der Versammlung beizuwohnen. Aus diesem Grunde kennen wir auch den weiteren Verlaus derselben nicht. Vor einiger Zeit wurde in Nicolai von maßgebenden Persönlichkeiten der rege Wunsch geäußert, den seit Jahren vacanten Rabbinerposten wieder zu besetzen. Man kann sich eben bei einiger Gewissenhaftigkeit der Wahrnehmung nicht verschließen, daß der Rabbiner in heutiger Zelt mehr, als ein Luxusgegenstand sei, daß er in Gemeinde und Schule an allen Ecken und Enden fehle. Ob dieses Project über das Stadium eines pium desiderium hinauskommen, ob es nicht an dem irervus rsrrun, an der leidigen Geldfrage scheitern werde, läßt sich vor der Hand noch nicht absehen. Immerhin bedeutet es einen gewissen Fortschritt, daß man nicht mehr nur vereinzelt das Bedürfniß nach einem V-ibbtiter als dringend anerkennt.— Die Simultanschule in E Myslowitz scheint noch nicht aufgelöst zu sein. In letzter Stunde noch zeigten sich Differenzen zwischen dem Magistrate und der jüdischen Gemeinde. Letztere verlangte von der Stadt die Besoldung dreier jüdischer Lehrer. Die Stadt ist aber nur gewillt, die Besoldung zweier Lehrer in ihrem Etat auszuwerfen und so bleibt vorläufig noch Alles beim Alten. Leipzig, 3. Januar. Wie von allen israelitischen Gemeinden des deutschen Reiches, so ward auch heute von der hiesigen zur würdigen Feier des 100jährigen Todestages Moses Mendelssohns in der Synagoge ein Fest-Gottesdienst veranstaltet. Die Feier ward durch Ma, towu eingeleit; nachdem dann der Chor mit Begleitung der Orgel sehr wirkungsvoll die Motette von Jadassohn: „Was betrübst Du Dich, meine Seele? vorgetragen, entwarf Herr Rabbiner vr. Goldschmidt in längerer Rede ein Bild des großen Todten. Ec betonte, die Leipziger Gemeinde habe besonders das Recht und die Pflicht zur Feier desselben. Der Geburtstag Mendelssohns sei der Weihetag der Synagoge dahier gewesen, gleichsam als sollte der Geist Moses Mendelssohns der Wegweiser des Gemeindelebens sein. Es habe sich auch damals.der Mendelssohn-Verein gebildet, um anregend zu wirken, und das sei erstrebt worden durch Verbreitung wissenschaftlicher Arbeiten, und manche «erthvolle Publikation jüdischer sowohl wie christlicher Autoren habe dem Vereine ihre Entstehung zu danken. Dieser Verein habe auch das Geburtshaus Mendelssohns in Dessau erworben. Auch die Mendelssohn-Stiftung sei aus jenen Tagen hervorgegangen, welche seit ihrem, nun bald 25 jährigen Bestehen so manches Gute gefördert habe durch Ueberweisung von Stipendien an jüdische Studirende, die ja noch immer von den Universitütsstipendien zum g.oßcn Theil ausgeschlossen seien. Mendelssohns hauptsächliches Streben sei die Förderung des Deutschthums gewesen und die Wiederzuführung der damaligen, dem Deutschthum entfremdet gewordenen Kreise zu demselben. Ec habe gezeigt, wie gerade der deutsche Geist am besten geeignet set, sich mit jüdischer Religion zu verbinden und in der Folge hätten denn auch jüdische Männer als deutsche Söhne für ihr Vaterland treu gekämpft, geblutet und gesiegt; „nichc deutsche Juden" so schloß der Redner seinen Vortrag, „wollen wir sein, sondern jüdische^Deutsche. Moses Mendelssohn, der ein Germanisator der Juden genannt werden darf, sei ein Vorbild: dem Todten zur Ehr und dem Lebenden zur „Lehr". — An die Rede schloß sich der Vortrag der Sonate Nr. 1 IT-moll für Orgel von Felix Mendelssohn-Bartholdy, dem die Liturgie zur Seelenfeier und eine Motette von C. Höchst etter folgten. Erwähnt sei noch, daß Tags zuvor, nach dem Sabbathgottesdlenste, in der Synagoge eine besondere Feier für die Schuljugend stattgcsunden, bestehend in deutschem Choralgesang und Ansprache, welche die Schilderung der Jugendzeit Mendelssohns zu ihrem haupsächlichen Inhalte hatte. ßolrnar (i. Elsaß), im Januar. (Or.-Corr.) Die hiesige Rabbin atsschule ermögliche den das staatliche Gymnasium, bezw. „Lyccum", besuchenden Kandidaten der isr. Theologie die Vorbereitung zum Uebertritt auf die Universität und gleichzeitig die Ausbildung tu der h.brüischen Sprache und den andern Disziplinen der theol. Wissenschaft. Bereits haben 2 Zöglinge mit dem Zeugnisse der Reife von hier die Universität Straßburg bezogen, obwohl daselbst für die isr. Theologie noch keine Facultät resp. Fachschule, wie in Berlin oder Breslau besteht. Für die Ausbildung der Rabbinatskandidaten giebt die Landeskasse von Elsaß- Lothringen jährlich 8000 M.; es wäre zu wünschen, daß hieraus auch den, die unteren Klassen des hiesigen Lyceums besuchenden Zöglingen, welche sich nur zum Vorsängerdienste ausbilden wollen, Freiplätze gewährt werden könnten. Hierzu wäre nur eine anderweive Bezeichnung des Etatstitels im Staatsbudget erforderlich. Leider befindet sich aber unter den 53 Landesausschußmitgliedern des Reichslandes zur Zeit

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