Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 3. (14.1.1886)
- Date
- 1886-01-14
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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— 19 — X Dr. Ii. Adler, emcrit. Landrabbiner. Eine erschütternde Trauerkunde durchfliegt Israels Gemeinden: vr. Levi (Lazar) Adler, emerit. Landrabbiner von Cassel, weilt nicht mehr unter den Lebenden! Einen Tag nach Mendelsson's Todestage ist er in ein besseres Jenseits abberufen worden. — Soll ich den Lesern der „Wochenschrift" den Verlust schildern, den das Judenthum mit dem Tode dieses Mannes erlitten hat? Noch ist die Serie von Aufsätzen nicht vollendet, welche er, der 76 jährige Greis, den Lesern der „Wochenschrift" aus dem reichen Horte seines noch immer jünglingfrischcn Geistes dargelotcn hat, und in dem dessen ganze Eigenartigkeit des Denkens: die philosophische Tiefe, die Strenge der Logik, die Klarheit der Auffassung, der hohe Ernst der Anschauung, der Schwung der Begeisterung fürs Judenthum, durch die Frische und Anmuth und Darstellung hindurchlcuchtet. Auch wäre ich in diesem Augenblicke nicht im Stande eine solche Schilderung zu entwerfen. Der Schlag kam zu plötzlich. Gestern noch schrieb ich ziemlich launisch an Vr. Levi Adler, und heute bekomme ich von seinem Neffen die Antwort: Or. Levi Adler ist nach schwerem Leiden sanft verschieden. Der Schmerz und die Trauer schütteln alle meine Gedanken über ihn, alle meine Erinnerungen an ihn, alle meine Gefühle für ihn durch einander. Denn ich darf das stolze Wort aussprechen: der Entschlafene, er war mir ein Freund, ein väterlicher Freund, ein mich in den Bestrebungen meiner schwachen Kräfte durch sein rührend warmes Interesse für dieselben zur fröhlichen rüstigen Arbeit anregender und anspornender väterlicher Freund. — Ich würde dies für mich so stolze Bekenntniß in dieser Trauerstunde nicht preisgebcn, wenn es nicht auch einen Ruhmeskranz um den Charakter des Verewigten wände. So war Dr. Levi Adler! Ich hätte es nicht gewagt, zu ihm, dem berühmten und verehrten Greise, auf den Stufen der Freundschaft hinanzusteigen, ich hätte dies bei dem Unterschiede unseres Alters für unmöglich gehalten. Aber er stieg zu mir, der nicht die Hälfte seiner Jahre zählte, hernieder und führte mich hinan, hinan zu seinem stets liebevoll offenen Herzen, an das er so viele jüngere Männer gedrückt, an dem er so viele gehegt und gewärmt, indem er ihnen mit Rath und That väterlich zur Seite stand, von denen manche freilich sich als Schlangen entpuppten, die in niedriger Selbstsucht den sie belebenden warmen Busen mit ihren Bissen vergifteten. Er, der Verewigte, mit seiner freundlichen Gesinnung, konnte dann über solche Undankbarkeit wie ein Unerfahrener staunen, so oft er auch die Erfahrung machte; aber alle diese Erfahrungen konnten sein Herz nicht zuschließen: immer wieder that es sich weit auf, sobald jemand Einlaß begehrte. — So war seine praktische Thätigkeit über seinen amtlichen Wirkungskreis hinaus beschaffen: und doch war seine Wirksamkeit weit entfernt, eine nur praktische zu sein. Sein ganzes Leben hindurch, vom frühen Jünglingsalter, bis ins hohe Greisenalter, bis in die letzte Lebenszeit, war er literarisch thätig, auf so vielen Gebieten des jüdischen Geistes. Noch vor wenigen Wochen, als ich ihn besuchte, thcilte er, der so lange schon kränkliche Greis, mir seinen Plan mit, in epischer Einkleidung ein anschauliches Bild von dem Judenthume unserer Zeit, von seinen Zuständen, Licht- und Schattenseiten und von seinen praktischen Forderungen zu entwerfen. Von der poetischen, erzählenden Form hoffte er einen liefern Eindruck auf den Leser, wie von der logischen Deduktion. Wie weit dieser Plan ausgeführt ist, weiß ich noch nicht. So war sein Geist unermüdlich, immer weiter sich auszubreiten und auf die Mitwelt zu wirken — denn so wenig er sich auf blos praktische Thätigkeit beschränkte, so hatte seine literarische Wirksamkeit auch eine ausschließlich praktische Tendenz. Das ausschließliche Interesse, welches die jüngere Generation seiner Collegen aus die theoretische Forschung in Geschichte und Litteratur des Judenthums concentrirte, wollte dem Entschlafenen gar nicht gefallen. „Ich bewundere" — sagte er mir vor Kurzem in Bezug auf ein ausgezeichnetes kritisch-historisches Werk eines Collegen, das er von mir entliehen hatte — „ich bewundere die Schärfe des Geistes und den Reichthum der Gelehrsamkeit in diesem Werke. Aber — die Rabbinen werden es einst bitter bereuen, daß sie über die Wissenschaft das praktische Leben vernachlässigen. Allerdings bietet die Wissenschaft Zuflucht vor den Kämpfen der Parteien; früher hieß es vom Rabbiner: „Er ist Orthodoxer, er ist Reformer u. s. w., jetzt heißt es: „Er ist Historiker, er ist Philologe, er ist Josephus-Kenner, er ist Arabist" u. s. w.; die Folge davon wird sein, — die Gemeinden werden die Rabbiner für überflüssig halten unddie Religionslehrer und Sänger an ihre Stelle setzen. Das Rabbinat ist ein praktisches Amt, ein Rabbiner muß Farbe haben und bekennen". — O, wie viel Wahres liegt in diesen Worten, die zugleich ein Schlüssel zu seinem nun abgeschlossenen Leben und Wirken sind. — Mögen die reichen Saaten dieses Lebens und Wirkens zu reichen Blumen und Früchten reifen! O, sie werden reifen, wenn auch nicht in den unmittelbar bevorstehenden Jahrzehnten! Es kommt die Zeit, wo sich das verwirklicht, was Or. Levi Adler so klar und ernst anstrebte! 12,7) “TT wie ein Adler, so hoch hatte er die Kinder seines Geistes getragen, unberührt von der gemeinen Niedrigkeit, war jedes seiner Worte, frei von! Haß und Leidenschaft, vom Adel reinster Gesinnung durchhaucht. *6 TOB w x “fri, der „Mann vom Hause Levi", der zum Diener im Heiligthume durch sein ganzes Sein Berufene, er ist von uns weggegangen, und die Schäden des Heiligthums, in dem er diente, sind nicht ausgefüllt, ja, scheinen erweitert. Doch einst, einst kommt die Zeit, wo auf reinen Altären reine Priester reine Opfer darbringen werden, und dann wird Israel auf den Adlershöhen anlangen, auf die es vr. Levi Adler mit den Fittigen seines Geistes erheben wollte! vr. Goldschmidt-Weilburg. Krrichte «nd Corresponderye«. Deutschland. Magdeburg. Während die deutschen orthodoxen Blätter fortfahren, das Mendelssohn-Denkmal zu perhorresciren und die 3 Rabbiner, die den „Aufruf" unterschrieben haben, als Gesetzesübertreter zu verketzern, beweist das in hebr. Sprache zu Petersburg erscheinende, nicht minder orthodoxe Organ der Gesetzestreuen in Rußland, der „Hameliz", (Nr. 96) aus den Responsen des als talmudische Autorität ersten Ranges hochgeachteten spanischen Gelehrten R. Schlomo b. Adereth, daß gegen die Errichtung eines Denkmals in religiöser Beziehung nichts einzuwenden sei.*) Kr. Brandenburg a. d. K. (Or.-Corr.) In einem Vortrage, den jüngst der Abgeordnete R i ck e r t in einer von etwa 1500 Personen besuchten Versammlung des hiesigen liberalen Vereins hielt, sprach er auch über die Ausweisung von 30,000 Polen. Wir sind, sagte der Redner, nach reiflicher Ueberlegung zu der Ansicht gekommen, daß diese Maßregel in ihrem Umfange und nach der Art ihrer Ausführung — ganz abgesehen von dem humanen und völkerrechtlichen Moment — die nationale Sache mehr schädigt als fördert. Wir bestreiten der Regierung keineswegs das Recht, Fremde auszuweisen, welche gegen unsern Staat intriguiren; aber hier handelt es *) Die betr. Stelle im „Hameliz" lautet: pDB 723V ,rwin anv 7I!27> unnb p pn NLvV nn mpn awa?db rraa p nn jao» vnowra (In Petersburg glaubte man, daß am 4. d. Mts. das Denkmal in Dessau bereits errichtet rvürde, während es sich vorerst um Gal zu sammlungen für dasselbe handelt, welche die deutsche Orthodox: besonhindern möchte. Worte