Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 3. (14.1.1886)
- Date
- 1886-01-14
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 18 — welche philosophische Probleme in gemeinverständlicher Form vorzutragen und durch fesselnde Darstellung, durch eine klare, fließende Sprache die gebildeten Kreise für dieselben zu gewinnen verstanden haben, so wird Mauch in der Gegenwart von seiner Bedeutung noch nichts verloren haben, und dies um so weniger, als die von ihm behandelten Probleme — wir dürfen es wohl sagen — eine ewige Geltung beanspruchen. Es sind Fragen, deren sich kein tiefer angelegter Mensch entschlagen kann, von deren Beantwortung der Werth seiner Persönlichkeit, die Auffassung seiner Stellung in der Welt und seiner Pflichten, sein Glück und seine Zufriedenheit, wesentlich abhängen Wenn endlich die bescheidenen Forderungen, welche Mendelssohn in Bezug auf die staatlichen und gesellschaftlichen Rechte seines Volkes aufgestellt hat, sich längst verwirklicht haben, so ist es doch auch heute noch nicht überflüssig, die Pflichten, welche die Toleranz aufcrlegt, immer wieder cinzuschärfen und daran zu erinnern, daß im modernen Staats- und Gescllschaftsleben als oberstes Gesetz der bekannte Spruch gelten sollte: Jn necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus autem caritas — in nothwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allen aber liebendes Dulden. Und so dürfen wir hoffen, daß Moses Mendelssohn nicht blos als Reformator seines Volkes, als Freund Lessing's, als Vorbild Nathan's, sondern auch um seines eigenartigen Geistes willen unter uns fortleben wird, und wenn die Säcularfeier seines Todestages seinem Genius neue Verehrer zuführen sollte, so hätte sic gewiß ihren Zweck erfüllt. Nachdem die letzten, zarten Klänge des hierauf folgenden weihevollen Liedes: „Ich suche Dich" verhallt waren, bestieg Herr Professor Lazarus aus Berlin die Rednerbühne, um in nahezu anderthalbstündiger geistvoller Rede Moses Mendelssohn zu feiern. Das Auditorium folgte mit andächtiger Aufmerksamkeit den tiefen, an neuen Aufschlüssen reichen Gedankenzügen des Redners und drang mit ihm in die geheiligte Werkstatt des Geistes Moses Mendelssohns ein. Wir hoffen in der Lage zu sein, diese bedeutende Rede des hervorragenden Aesthetikers, die den Höhe- und Mittelpunkt der ganzen Festesfeier bildete, demnächst unseren Lesern vollständig darbieten zu können, und wollen durch einzelne Auszüge den Tvtaleindruck nicht schwächen. Es war ya3 Uhr Nachmittags, als der Sängerchor das Beethoven'sche: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre" anstimmte und damit diesen geistigen Theil der Feier beschloß. Um 3 Uhr versammelten sich die Festgenossen — etwa 200 — im Saale „zum goldenen Hirsch" zu einem vom jüd. Restaurateur Ury in Berlin hergerichteten Festmahle, das von vielen herrlichen Tischreden gewürzt war. Den Reigen derselben ervffnete der Bürgermeister vr. F u n k, Vorsitzender des Festcvmitä's, mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den deutschen Kaiser und den anhaltinischen Landesherrn. Nach ihm ergriff der Oberstaatsanwalt Siegfried das Wort zu einer herzlich empfundenen, längeren Rede auf die anwesenden Glieder der Familie Mendelssohn's. Er feierte u. A. das „jüdische Herz", das in der M.'schen Familie so kräftig pulsire und durch ihren Wohlthätigkeitssinn so schönen Ausdruck fände. „Angesichts der Wirren einer unruhevollen Gegenwart" — so ungefähr schloß der Redner — „sei diese Mendelssohnfeier so recht geeignet, das Gemüth mit Trost zu erfüllen und uns einen erfreulichen Ausblick auf eine schönere Zukunft zu gewähren, Im Geiste Moses Mendelssohn's müsse fortgearbeitet werden; die Stadt Dessau, welche stolz darauf ist, die Geburtsstadt des großen Weisen zu sein, habe den Mendelssohn'schen Standpunkt immer hochgehalten und Toleranz geübt, auch künftig solle es so sein. Es liegt ein eigener Reiz in der Thatsache, daß die Enkel des großen Mendelssohn heute in unser gutes Dessau gekommen sind, um mit uns das Gedächtniß des Weisen zu ehren. Smd auch die Familien Mendelssohn und Mendelssohn-Bartholdy heimisch überall im ganzen Vaterlande: bei uns haben sie ein Anrecht zu verweilen und uns sind die hochgeschätzten Nachkommen ihres großen Ahnen hochwillkommen." Ein enthusiastisches Hoch folgte auf diese Rede. Im Namen der Familie antwortete in bewegten Worten Ernst Mendelssohn-Bartholdy, Mitinhaber des Berliner Bankhauses. Mit Stolz und Demuth gedachte er des großen und edlen Begründers der Familie, mit Dankbarkeit der Stadt Dessau, die ihn geboren und seiner Kindheit Schutz gewährt.*) Als Vertreter der Stadt erwiderte der Stadtverordnete Reichert mit einem Wort des Dankes an die von fernher erschienenen Delegirten von Gemeinden. Vereinen und Logen, an die Festredner und an alle Gäste.**) Justizrath Meyer. Vorsteher der Berliner Gemeinde, nahm eigentlich für diese das Recht und die Pflicht der Säcularfeier M.'s, der ja erst in Berlin sich frei entwickelt, aber auch seinerseits mächtig auf Berlin gewirkt habe, in Anspruch, dennoch würde es in Berlin schwer geworden sein, ein so schönes Liebesmahl, wie es hier Bürger aller Confessionen zu Ehren eines großen deutschen Juden feiern, so einträchtig und brüderlich zu begehen. Dem Comits, das dieses Fest vorbereitet, galt des Redners Hoch. vr. Goldschmidt aus Leipzig berichtete über den Mendelssohn-Verein und die Mendelssohn-Stiftung in Leipzig und feierte in längerer Rede die Verdienste der aus der Gemeinde Dessau hervorgegangenen jüd. Männer von Bedeutung um die Cultur der deutschen Juden. Professor Lazarus ermahnte, daß die Stimmung dieser Feststunde fortwirken und dauernden Ausdruck erhalten möge in dem geplanten Denkmal Mendelssohn's, das aber nicht etwa nur eine Büste, sondern die ganze Gestalt M.'s zum vollen Ausdruck bringen müsse; er schloß mit einem Hoch auf das Denkmal-ComitZ. Zum Schluß folgten die Toaste von Bodek - Leipzig auf die deutsche Presse, und Ra hm er-Magdeburg auf die nicht anwesenden Verehrer M.'s, die aus weiter Ferne ihre Augen heute nach Dessau lenkten, wo der Quell entsprungen, aus dem Viele ihren Wissensdurst gelöscht. (Redner erinnerte daran,daß noch jetzt vor dem Mendelssohn-Hause ein Bru nnen stehe, und verliest ein ihm aus Petersburg von der Red. des „Hameliz" zur Mittheilung zugegangenes Beglückwünschungsschreiben an das Denkmal-Comitä.) Hieran schließt sich die Verlesung der vielen von auswärts eingetroffenen Glückwunsch - Depeschen durch den Hoflieferanten Herrn M. Probst, Mitglied des Festcomits's. Inzwischen war die Zeit zur Festvorstellung im Herzog!. Hoftheater — 6 ‘/2 Uhr — herangenaht. Aus den Theaterzetteln war mit Fettschrift gedruckt, daß der Herzog den Gesammtertrag zum Besten des Mendelssohn-Denkmals bestimmt habe. Das Haus war bis auf den letzten Platz besetzt. Nach der von der Hofcapelle trefflich vorgetragenen Ouvertüre zu „Athalia" von Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde der Einacter „Onkel Moses" von Hugo Müller, worm Mendelssohn's hochgradige Toleranz zum vollen Ausdruck gelangt, gespielt, alsdann folgte ein vom Prof. L. Gerlach eigens zur Jubelfeier verfaßter Prolog und hieraus Lessing's „Nathan", gewissermaßen Mendelssohn's Apotheose, in sehr gelungener Aufführung. Der Herzog, die Herzogin, sowie fast alle Mitglieder der Herzoglichen Familie wohnten der Festvorstellung von Anfang bis Ende (c. 11 Uhr) bei, die zahlreichen markanten Stellen über Toleranz lebhaft applaudirend. Nach dem Theater traf man in den Räumen des Bahnhofs-Hotels zu mehrstündiger zwangloser Geselligkeit zusammen, die erhebenden Eindrücke und Erlebnisse des denkwürdigen Tages in gemüthlichem Beisammensein besprechend. Diese ganze würdige Mendelssohn - Gedächtnißfeier in Dessau hat ein bleibendes Gedächtniß im Herzen aller Theilnehmer zurückgelassen — Ipv^ (TlT -oft Der Fromme, Tugendhafte, bleibt zum ewigen Gedächtniß! *) Derselbe sprach uns auch privatim den Dank der Familie M» für die zu Ehren des Tages veranstaltete Festnummer uns. Bl. aus. **) Durch Deputationen waren vertreten die Gemeinden: Berlin, Magdeburg, Halle, Leipzig, Bernbucg, Cöthen, die Hochschule der jüd. Wissenschaft, der D.-J. G.-B.. die Gesellschaft der Freunde, die Reformgemeinde, die Logen aus Berlin, Magdeburg und Halle.