Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 2. (8.1.1886)
- Date
- 1886-01-08
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
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reichen himmlischen Lohn für sein hiniediges Wirken zu Theil werden lassen und seiner Hart heimgesuchten Gattin den Balsam des Trostes in's schwer verwundete Herz träufeln. Wahrlich, solche Männer sind schwer zu ersetzen. Aückeöurg, 15. Dec. Der Vorstand der hiesigen Gemeinde hat gegen den Redacteur derSchaumb.-LippischenLandeszeitg. in Stadthagen wegen einer in seinem Blatte begangenen Beleidigung der israelitischen Religionsgesellschaft Strafantrag bei der fürstlichen Staatsanwaltschaft in Bückeburg gestellt, die auch demselbeu stattgab und Anklage erhob. Der inkriminirte Artikel besprach in gehässiger Weise das unter dem Namen Kvl-Nidre bekannte Einleitungsgebet des Versöhnungsfestes und enthielt die Behauptung, daß die Juden ihre Gelöbnisse und Verpflichtungen durch ihre Rabbiner löseil lassen könnten, wie überhaupt die Zuverlässigkeit der durch Juden geschworenen Eide anzuzweifeln sei. Der Termin war auf den 19. December festgesetzt, ist jedoch auf Antrag des Klägers verschoben worden, der die gutachtliche Vernehmung zweier christlicher Autoritäten in dieser Angelegenheit (Prof, sowie zweier jüdischer vorgeschlagen hat. Das Gericht beschloß aber, sich vorläufig niit der Vernehmung des hies. jüd. Lehrer zu begnügen. Oesterreich-Ungarn. Wie», Ende December. (Or.-Eorr.) Mit dem Jahresschlüsse scheidet Herr Moritz von Borken au aus dem Vorstande und damit erreicht auch die Präsidentschaft desselben ihr Ende. Der Rücktritt dieses Mannes aus dem öffentlichen Leben unserer Gemeinde wird allgemein beklagt. Man hat ihn trotz seiner Absage durch Wiederwahl zwingen wollen, im Amte zu bleiben. Aber alle Bemühungen waren vergeblich. Die Gemeinde verliert in ihm einen Mann, der seit Jahrzehnten eines der eifrigsten Vorstandsmitglieder war und das Präsidium mit Takt, Würde und Unparteilichkeit leitete. Wer wird nach ihm den Präsidentenstuhl einnehmen? Die Frage regt zu einem traurigen Rückblicke an. Es fehlt gegenwärtig gänzlich im Vorstande an Männern, die. sei eS. in finanzieller Hinsicht oder durch die Notorietät ihres Namens mit den Wertheimer, Königswarter, Kuranda, Borkenau sich entfernt vergleichen können. Um so erfreulicher ist es, daß es außerhalb des Vorstandes noch nicht ganz an Männern gebricht, die durch ihren Namen und Einfluß dem Judenthume dienen können und auch bereit sind, ihm zu dienen. Als erster unter denselben ragt Baron Moritz v. Königswarter, Herrenhausmitglied und Landtagsabgeordneter der Stadt Wien hervor. Wo sich nur eine Gelegenheit bietet, für die Sache des Judenthums einzustehen, da tritt er mannhaft und energisch auf, fast kann man sagen, er sucht Gelegenheit, sich als Juden und Champion für die Rechte seiner Glaubensgenossen zu beweisen. Kürzlich wurde er im Landtage von einem protestantischen College» ersucht, ein Subventivnsgesuch des protestantischen Waisenvereins zu vertreten. Er sagte: „Ich bin gern bereit, fahre aber jetzt nach Hause, um den jüdischen Waisenverein ebenfalls zur Eingabe eines Subventionsgesuches zu bewegen, und ersuche Sie, dieses Gesuch zu vertreten". Dem Abt Karl, der ihn kürzlich um seine Unterstützung für den Antrag bat, daß die Ortsgeistlichen Civilstimmen im Schulrath haben sollten, entgegnete er: „Ich stimme nur dann für den Antrag, wenn ersieh auf die Geistlichen aller Confcssionen erstreckt". Der geiiannte Abt ging auch auf die gewünschte Fassung des Antrages ein. Und so könnte ich noch andere Züge dieser Art anführen. Besonders zu rühmen ist, daß Baron K. die Tradition, die er von seinem Vater empfangen hat, auch auf seine Kinder zu vererben sucht. Seinem ältesten Sohne Heinrich schrieb er bei Gelegenheit seines 14. Geburtstages einen Brief, in welchem u. A. folgende Stellen Vorkommen, die der Verbreitung würdig sind: „Du hast in Deinem elterlichen Hause stets nur ein gutes Beispiel vor Augen gehabt, Du hast gesehen, daß die Bethätigung guter Grundatze, das unerschütterliche Festhalten an dem ererbten Glauben, die gewissenhafte Erfüllung übernommener Obliegenheiten, bei den Mitmenschen Achtung erwirbt und Anerkennung bereitet, was aber noch mehr ist, dem eigenen Gewissen zur Befriedigung gereicht und dem Herzen wohl thut. Wandte auch Du stets den Weg der Wahrheit, der Tugend und der Rechtschaffenheit. Mit diesen Attributen, wenn sie mit sittlichem Ernste und mit Fleiß und Eifer gepaart sind, gelangt man, in welcher Sphäre man sich auch bewege, ans Ziel, und diesen Grundsätzen verdankt unsere Familie den Erfolg, aus kleinen Anfängen zn einer achtunggebietenden Stellung gelangt zu sein. . . . Weit entfernt. Dir das Jagen nach irdischen Gütern als Lebenszweck zu empfehlen, erachte ich doch das Streben, die ererbte Position festzuhalten, den Glanz des Namens in der Kaufmännischen Welt thunlichst zu erhöhen, als ein gerechtfertigtes. Wir bedeuten nur etwas, in solange wir, des Ursprungs eingedenk, den überkommenen Traditionen treu bleiben. . . . Bestrebe Dich stets auch fortan Deinem Geiste frische Nahrung zuzuführen, und Deine Kenntnisse zu erweitern. In unserer Zeit muß man unaufhörlich lernen, beobachtet! und studiren, um nur annähernd auf der Höhe erworbener Bildung zu bleiben. Mache Dich nützlich im Dienste der Humanität; es ist nicht genügend, Nothleidende mit Almosen zu unterstützen, denn das ist die Pflicht der Begüterten, sondern der unabhängige Mann soll seine Zeit, sein Wollen, sein Können, seine Kenntnisse und seine socialen Beziehungen zum Wohle seiner Mitmenschen verwerthen und auf diese Art seine Existenz rechtfertigen. Rechne aber niemals auf Dank und Anerkennung und suche den Lohn iit Deiner eigenen Brust". . . . Man kann nur wünschen: Möchte es, zumal' unter den reichen und angesehenen Juden viele Väter geben, die das ihren Söhnen sagen, und viele Söhne, die sich das sagen lassen! Arag, im Januar. (Or.-Cvrr.) Die erste Hälfte der Wintersaison war für den Verein „Afike Jeliuda“, der sich mit der Veranstaltung populär-wissenschaftlicher Vorträge befaßt, nicht sehr günstig. Man bekam bis jetzt noch wellig zu hören, und'das Wenige war nicht gut. Eine lobenswerthe Ausnahme machten die Vorträge des Herrn Rabb. M. Stark, Lehrer an der hiesigen Talmudthora-Anstalt, und des Herrn Dr. Deutsch aus Brünn. Ersterer, ein gewiegter Talmudist und Kenner des rabbinischeu Schriflthums, hat sein Thema: der Wein im jüd. Cultus — zur Befriedigung aller Fachgelehrten und zur Belehrung des Publikums durchgeführl: letzterer, ein gründlicher Kenner der Bibelexegese und Religions Philosophie, hielt vor kurzer'Zeit einen Vortrag über „Symbolik in Cultus und Dichtung" im Spiegelsaal des deutschen Hauses, wo selbst sich auch Damen einfandeu. Auf diesetl Theil des Publikums konnte Do. Deutsch wenig Rücksicht nehmeu, zumal er erst in letzter Stunde hierher berufen wurde. Um aber einigermaßen auch die anwesenden Damen für den Gegenstand zu erwärmen, flocht Redner auch viele humoristische Aperyus ein. Der sehr interessante Vortrag des Herrn Dr. Deutsch war mit großer Sachkenntnis ausgearbeitet und wurde in anmuthiger Weise gehalten. So viel, in gedrängter Kürze freilich, über die Vortrüge bis jetzt. Hoffen wir, daß die umsichtige Leitung, deren sich der Verein erfreut, auch fernerhin für die Belehrung des Publikums durch Herbeiziehung gediegener Kräfte und gelehrter Männer, wie es die Herren Rabb. Stark und Dr. Deutsch sind, reichlich sorgen wird. X. Vermischte und neueste Nachrichten. Aus Wiesöaden erhalten wir eine höchst betrübende Trauernachricht vom 5. Januar: „Am Tage nach unserer Mendelssohnfeier — heute morgen um 8 Uhr - ist Herr Landrabbiner Dr. Adler zu einem bessern Leben hinübergeschlummert, ohne vorher eigentlich krank gewesen zu sein. Indem ich Ihnen dies tiefbetrübt mittheite, verbinde ich hiermit die Anzeige, daß die Beerdigung wahrscheinltch am Donnerstage hier stattfindet. Ob seine gedlegene Arbeit, über die Ethik des Judenthums, die er in der Wochenschrift be-