Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 2. (8.1.1886)
- Date
- 1886-01-08
- Page
- Seite 13 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 13 — Thätigkeit. Dennoch war er ein Führer besonders durch diejenigen seiner Schriften, die er in der spätern Zeit seines Lebens verfaßte; er lehrt uns, sich suchen zu lassen und nicht sich hervorzudrängen, auf den Höhen des Wissens die Religion zu pflegen. Er war ein Fürst, ein Nagid, nicht in dem Sinne, daß er wie etwa ein Nagid in der Zeit der Araber, der Rathgebcr der Vornehmen war und deren Gunst sich erfreute, sondern er war ein Fürst im Reiche des Geiües; auch darin ist er uns ein Vorbild, unser Heil nicht zu suchen bei denen, die die Gunst der Mächtigen haben, die der Fülle irdischen Besitzes sich erfreuen, sondern bei den Helden der Forschung. Dieser kurze Abriß der erbaulichen und ihres hohen Gegenstandes würdigen Predigt erhebt selbstverständlich nicht den Anspruch den Gedankengang derselben vollständig wiederzugeben. Eine gleiche Gedächtnißfeier fand auch in der alten Synagoge statt, wo dieselbe Liturgie gesungen wurde und Herr Rabbiner Dr. Maybaum die Festrede hielt. In der Synagoge an der Potsdamer Brücke hielt Rabbiner vr. Cohn die Festpredigt. Die jüdische Reformgemeinde hat bereits am Sonntag Abend eine Mendelssohn-Feier veranstaltet, bei welcher Herr Or. L c w i n die Festrede hielt. Werkin, 4. Januar. Die berliner Universität hat anläßlich des heutigen Gedeukiages Moses Mendelssohn's sich einer sehr bedeutenden Zuwendung zu erfreuen. Der Urenkel des Philosophen, Herr Geh. Cvmmcrzienrath Franz Mendelssohn, hat der Universität eine Schenkung voll 150,000 M. nberwiesen, aus deren Erträgen Studirenden der philosophischen Facultär ohne Unterschied des Glaubens, aber nur Deutschen, lediglich nach Maßgabe ihrer Würdigkeit und Tüchtigkeit, Stipendien gewährt werden sollen. Das noble Geschenk erwöglicht die jährliche Verleihung von sechs Stipendien in Höhe von je 1000 M. und um so dankenswerther erscheint die Zuwendung, als an ihre Verleihung nicht lästige Bedingungen geknüpft sind. Die Philosophie Studirenden, welche als Bewerber auftreten, brauchen nur nachzuweisen, daß sie in Deutschland geboren sind; der Bedürftigkeitsnachweis wird nicht verlangt. Macht die Facultät den Nießbrauch des Capitals davon abhängig, daß der Stipendiat mit der Philosophie Mendelssohn's vertraut werde, so fördert sie hierdurch nur die wissenschaftliche Erkenntniß, ohne den betreffenden Studirenden eine Last aufzubürden. Es wird jedem derselben heilsam sein, mit der Aufklärungs-Philosophie möglichst eingehend sich zu befassen, besonders da das Studium der Mendelssohu'schen Lehre zum Eingehen in die Geschichte des vorigen Jahrhunderts nöthigt, die um Lessing's und Friedrichs des Großen halber ohnehin sehr interessant ist. In dem Verlangen der Facultät an die Stipendiaten, über Mendelssohns Dvctrinen sich genau zu unterrichten, liegt der Dank der Universität an den Geber. Aus demselben Anlaß hat Herr Bankier Ernst Mendelssohn-Bart hvldy an den Oberbürgermeister der Stadt Berlin 30000 Mark mit der Bestimmung übersandt, dieselben am 4. Januar d. I. an verschämte Arme Berlins ohne Unterschied der Confession zu vertheilen. Den Wünschen des Geschenkgebers gemäß hat diese Vertheilung gestern stattgefunden. Arandenvurg a. d. K. Mit Rücksicht auf örtliche Verhältnisse beauftragte der Synagogenvorstand unfern Rabbiner, die Feier des Regierungsjubiläums, sowie die des hundertsten Todestages von Moses Mendelssohn gleichzeitig am Sonntag, den 3. Januar, zu veranstalten. In welcher Weise Herr vr. Krön er in der Festpredigt diesem Aufträge entsprach, zeigt schon der Anfang derselben, der ungefähr also lautete: „Wie lieblich sind auf den Höhen die Tritte des Heilsboten, der Frieden, Glück und Heil verkündet. Ja, Frieden, Glück und Heil auf den Höhen des Lebens und der Wissenschaft — welche lieblichen, welche erhebenden Bilder! Wir sind hier versammelt, eine hohe Doppelfeier zu begehen, eine sclbstauferlegte Pflicht zu erfüllen: einem großen Lebenden und emem großen Todten, einem Fürsten auf dem Throne und ernem Fürsten der Wissenschaft geziemenden ehrfurchtsvollen Tribut zu zollen. Welch ein harmonisches Berhältniß offenbart sich dem Tieferblickenden zwischen dem Helden der That und dem Helden des Gedankens! Dieser lehrt die hehren Ideale des Menschen, des Staates, der Gesammnnenschhcit, welche die Allweisheit ihn schauen läßt: jener strebt, die Ideale auszuführen nach dem Maaße der Kraft, welche die Allmacht ihm verleiht. Heil dem Volke, dessen Herrscher also strebt, eingedenk der Wahrheit, daß nur ein Staatswesen, welches auf höherer Gedankenweihe auferbaut ist und bleibt, feststeht und nimmer wankt! Doch was kann das edelste Wollen eines Fürsten dem Volke nützen und frommen, wenn in diesem nicht mindestens bis zur Keimkraft die Entwickelung vorbereitet ist, zu welcher er es zu führen trachtet? Vergebliches Mühen! Die Gegenwart ist die Tochter kder Vergangenheit. Was haben nicht bedeutende Männer, Denker, Dichter und Lehrer, gestritten und gelitten, gesungen und gerungen, gelehrt und entbehrt, um das Volk für die Größe Preußens, für die Einheit und Freiheit Deutschlands und für andere höhere Güter zu begeistern? Und woraus schöpften diese Männer ihre tiefe Einsicht und ihre selbstlose Hingabe? Wesentlich aus den Ideen großer Vorgänger. Zu solchen großen Vorgängern zählt Moses Mendelssohn. In dreiviertelstündigem Vortrage wurden diese Gedanken ebenso freisinnig wie pietätvoll ausgeführt. Dieser und der übrige Theil der Feier machte aus die Anwesenden sichtlich einen tiefen Eindruck. Hlees a. Rhein, 3. Januar. Folgender Act ungeheuchelter Toleranz und aufrichtigster Menschenliebe verdient auch in weiteren Kreisen bekannt zu werden. In dem Dorfe Raesfeld in Westfalen lebt eine arme jüdische Familie. Die Frau liegt leider seit 5—6 Jahren an einer schmerzhaften Krankheit schwer darnieder und ist es dem Vater der sechs unversorgten Kinder nicht möglich, das tägliche Brot für die Bedauernswerthen zu schaffen. Die 3 übrigen jüdischen Familien des Dorfes können allein der Noth nicht steuern. Durch diese trostlose Lage der armen Familie gerührt, haben katholische Einwohner des Ortes in jüngster Zeit bei den Dorfeinwohnern eine Sammlung an Geld, Korn, Kartoffeln und sonstigem Bedarf veranstaltet und das Ergcbniß der bedauernswerthen Familie eingehändigt. Ehre und Dank den braven christlichen Brüdern! Uees a. Rhein, 4. Januar. Heute bin ich in der angenehmen Lage, mittheilen zu können, daß, nachdem der Artikel „Magdeburg" (Nr. 48 v. I.) auch in inehrere politische Tagesblätter übergegangen war, es Herrn Lehrer Feith zu Borken in Westfalen gelungen ist, bei dem dortigen Herrn Pfarrdechant die Rücknahme der Verfügung, wonach kein Katholik in der Synagoge die Lichter an Sabbath- und Festtagen anzünden sollte, zu erwirken und zugleich auch das Versprechen des Herrn Pfarrdechant, in Weigerungsfällen seinen Einfluß zu Gunsten der jüdischen Gemeinde geltend zu machen. L. Cohen. Waderöorn, 4. Januar. (Or.-Corr.) Am ersten Tage des neuen Jahres, Morgens 6 Uhr, verstarb eines unserer besten Gemeindemitglieder, das sich um das hiesige isr. Waisenhaus große Verdienste erworben hat. Es war dies der 65jährige Gatte der Vorsteherin dieser so segensreich wirkenden Anstalt, Herr Herz. Marks. Er entstammte einer frommen Familie aus M ö r s und wenn er auch keine offizielle Stellung im Waisenhause einnahm, so hat er doch — was umsomehr anzuerkennen ist — freiwillig soviel gewirkt, daß sein Andenken stets in demselben lebendig bleiben wird. Durch sein Beispiel sowohl, als durch Belehrung flößte er den Zöglingen der Waisen - Anstalt Ehrfurcht und Liebe für unsere heilige Religion ein. Sein größtes Vergnügen war es, Knaben in den jüdischen Fächern einen Extra-Unterricht zu ertheilen, um in denselben den Geist des Judenthums zu kräftigen; in dem Bewußtsein, dieses Ziel bei vielen Kindern auch erreicht zu haben, fand er den Lohn für die ihnen gewidmeten Stunden. In der jüdischen Gemeinde war er wegen seines tugendhaften, frommen Lebenswandels von Jedermann sehr geachtet. — Daß er seiner Frau stets helfend zur Seite stand, sie in der schweren Aufgabe, die ihre Stellung als Vorsteherin der Anstalt bedingt, zu unterstützen, ist selbstverständlich. Sein Tod war ein sanfter, wie er den wahrhaft Frommen verheißen ist. Möge der Allbarmherzige ihm * ■