Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 2. (8.1.1886)
- Date
- 1886-01-08
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
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— 12 — Nachäffer M.'s oder wirklich gesetzestreue Anhänger ihre Principien vertraten, war ihnen gleich, es ging ihnen ebenso wie den bannschleudernden Zeloten, die M.'s deutsche Bibelübersetzung lediglich des dentschen Idioms wegen als ein ouvrage scandaleux bei den Regierungen denunciren ließen. Selbst konnten sie damals nicht einmal denunciren. Nach Mendelssohn war die Orthodoxie ohnmächtig, und daß sie heute mächtiger ist, verdankt sie dem Einfluß der Schulen, denen sie sich nicht entziehen kann und diese Schulen sind im Geiste M.'s erst möglich geworden. Die Orthodoxie ging bei Moses Mendelssohn, der einst Moses Dessau war, in die Schule und — o seltsame Ironie der Geschichte — die Orthodoxie zur Zeit Mendelssohn's, sie hätte keinen Blick in ein Blatt wie der „Israelit" gethan. denn es war ihr Princip, interne Angelegenheiten des Judenthums nicht in das deutsche Idiom zu übertragen und so der Allgemeinheit des deutsch-nationalen Lebens zugänglich zu machen. Erst Mendelssohn durchbrach dieses orthodoxe Princip, er beseitigte mit seinen Schriften das rabbinische Verbot und die unbekannten Gefahren, welche die Juden in den Werken christlicher Schriftsteller fürchteten. Presse und Schule innerhalb des Judenthums, sie gehen beide auf M. zurück, der seinen Glaubensgenossen die Schranken jener Ghetti niederriß, hinter denen sich mit der Abgeschlossenheit des geistigen Lebens nur Ideen und Anschauungen der Vergangenheit verrammelt hatten, während sie durch ihn an der Bildung und Kultur des deutschen Vaterlandes Theil zu nehmen begannen. Presse und Schule, sie ermöglichten den Juden später im Geiste Mendelssohns an dem politischen und socialen Leben der Zeit Theil zu nehmen. Die Dohm, Welcker, GabrielRiesser bis auf Johann Jakoby, Lasker u. a. auch Männer wie Straßmann und die lebenden politischen Vorkämpfer des deutschen Liberalismus, sie sind ohne die Schule Lessing-Mendelssohn's unmöglich. Die deutsche Sprache ist das Lebenselement der deutschnationalen Bildung, und dieses Lebenselement hat M. erst seinen Glaubensgenossen erschlossen, indem er es zur Grundlage der ersten Jugendbildung machte. Mit dieser deutschnationalen Bildung kam der ästhetische Sinn und die deutsche Wissenschaft und ohne diese Grundpfeiler kann das deutsche Judenthum nicht bestehen, wenigstens nicht innerhalb des deutsch-nationalen Staatswesens, daran kann auch die „orthodoxe Vereinigung" des Herrn Hirsch in Frankfurt a. M. nichts ändern. Daß damit das abgeschlossene nationale Gefühl des Kehillah-Juden des Mittelalters geopfert war, wußte M. sehr wohl, er stand auf sokratischer Höhe und mit griechischer Geschmacksmilde über den Parteien, — die heutige Orthodoxie wußte das aber lange Zeit nicht, daß sie nunmehr deutsch sei und sie verschanzt sich noch heute hinter allerhand Quincaillerien, um diesen sich immer mehr verflüchtigenden Ghettogefühls-Jnhalt zu konserviren. Als ob ein sich verflüchtigender Geruch noch dann konservirt werden kann, wenn er bereits in der allgemeinen Atmosphäre lebt. Die Idee und das Gesetz, sie hat Mendelssohn konservirt, denn sie können und dürfen nicht untergehen, das oäsnr äs Ghetto, dessen intensivste Propagatoren die polnisch-galizischen Lehrer waren, die damals in Berlin 0. in den Straßen, in denen noch heute eine Gedenktafel M.'s unsterbliches Gedächtniß verkündet, noch mehr als jetzt nisteten, ist bis auf eine kleine Spur innerhalb des deutschen Judenthums verschwunden.*) Berichte und Correspandenzen. Deutschland. Magdeburg, d. 3. Januar. Ueber die in der hiesigen Synagoge begangene Doppelfeier berichtet die „Magd. Ztg.: In der hiesigen Synagoge fand gestern im Anschluß an den Sabbathgottcsdienst die religiöse Feier des Regierungs-Jubiläums des Kaisers statt. Nachdem Herr Eantor Winter den *) Berichtigung. In vor. Nr. S. 4 Sp. 6 Z. 10 v. o. muß es „vierzig" (st. neunzig) heißen. Königspsalm 21 recitirt hatte, bestieg Herr Rabbiner Or. Rahmer die Kanzel und feierte in begeisterter patriotischer Rede (unter Zugrundelegung des Ps. 45, Vers 3—8) die Menschen-, Helden- und Fürsten-Tugeuden des Kaisers, den er als das Ideal eines Regenten hinstellte. Mit einem innigen Gebete für Kaiser und Reich, die königlichen und städtischen Behörden schloß die erhebende Feier. — Heute, Sonntag. 11 Uhr Vormittags, fand daselbst eine Gedächtnißfeier zu Ehren des vor 100 Jahren verstorbenen Moses Mendelssohn, dem in seiner Vaterstadt Dessau ein Denkmal errichtet werden soll, unter Mitwirkung des Synagogen- Gesangvereins und eines Solovortrages des genannten Eantors statt. In der Festrede wurde Mendelssohn als Erzieher und Vorbild der dentschen Juden gefeiert und der Nachgeweis geführt, wie in seinen 6 Hauptwerken (Morgenstunden, Jerusalem, Phädon) die 3 Hauptglaubenssätze der jüdischen Religion philosophisch begründet seien. Aerlirt, 4. Januar. (Or.-Eorr.) In allen Synagogen Berlins ist dieser Tage die Erinnerung an Mendelssohn gefeiert. Ihr Referent war in der neuen Synagoge ans der Oranienburgerstraße. Die Feierlichkeit machte einen tiefen Eindruck; das Gotteshaus war festlich erleuchtet und erzeugte mit seinem gedämpften Lichte eine feierliche Stimmung. Das Bedeutsamste an der Feier war die Fülle der Theilnehmer; das große Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt; die Gesänge wurden herrlich ausgeführt, besonders ergriff ein Solist durch seinen edlen, maßvollen und tiefempfundenen Vortrag Aller Herzen. Dr. Fran kel hielt die Gedächtnißrede. Ec ging vom Kaiserjubilüum aus und sagte, daß der Enkel des großen Friedrich mit Mendelssohn dem Zeitgenossen des großen Königs darin übereinstimme, daß beide ausgezeichnet sind, durch ihr treues, edles Streben., Was Mendelssohn wurde, konnte er nur werden unter dem Friedrich, der den Grundstein zu dem Bau gelegt hat, den Kaiser Wilhelm gekrönt hat. Fünfzig Jahre früher geboren, oder fünfzig Jahre später (?) wäre Mendelssohn verschollen; im Zeitalter des großen Friedrich wurde er durch die Freundschaft Lessings der hochbedeutsame Mann; von dieser Freundschaft sprach der Redner in schönen geistreichen Wendungen; „ist nicht Ephraim auch mir ein Liebling" so spricht die Gemeinde Israel von Ephraim Lessing; von diesem Freundespaare gelte das Prophetenwort: „das sind die beiden Söhne des Lichtes, die stehen bei dem Herrn der Welt". Ueber Mendelssohn's Stellung in der Philosophie berief sich der Redner auf das Uctheil Zeller's. Er wolle seine ganze Persönlichkeit ins Auge fassen, sein Text war das Wort Samuels: „Gott suchte einen Mann nach seinem Herzen und setzte ihn zum Fürsten über sein Volk". Mendelssohn gehörte zu den von Gott Berufenen; der Mensch sitze nicht im Rathe Gottes und könne nicht wissen, wen Gott berufe, aber wenn einer in sich die Fähigkeit einer großen Gesammtheit vereinigt und zur Vollendung vollbringt, so ist das ein Zeugniß seiner Berufung. Mendelssohn war das Urbild Israels;*) in seiner Jugend, da er als ein alles deutschen Wissens baarer, verkrüppelter, stammelnder Kuabe nach Berlin kam, war er das Urbild des rief gedrückten und verkümmerten mittelalterlichen Israels, das nur jüdisches Wissen pflegte, und keinen Sinn für gebildete Form hatte; in seiner spätern Zeit, da er geistig sich entfaltete, da er durch seine sonstigen Vorzüge die körperlichen Schäden vergessen ließ, ist er Urbild und Vorbild des strebenden Israels dieser Zeit. Aber Mendelssohn pflegte auch die Tugenden des alten Israels; er war ein frommer Mann und ergreifend wirkte das Citat aus Mendelssohn, wo er vom Gebete sagt, daß der Weise so gut beten könne und solle wie der Thor. Und ihn hat Gott zum Fürsten über sein Volk erkoren, er hatte kein Amt, keine Würde, er lebte wie ein Lehrer der talmudischen Zeit von seiner bürgerlichen *) Als desselben Typus stellt ihn bereits Grätz im II. B. seiner „Geschichte der Juden" S. 3 hin. (Red.) Al r<'