Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- 17 (1886)
- Issue
- N° 2. (8.1.1886)
- Date
- 1886-01-08
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
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/ — 11 t ‘l *, ■ ■ Judenthums innerhalb des europäischen Freiheitskampfes, namentlich auf der Etappe „Halb Asien", noch zurückzulegen. Groß und mächtig, und in ihren Grundzügen in den Spuren Halbasiens noch heute zu beobachten, waren die Wirkungen von „Mendelssohn's Teulsch" innerhalb des Gesammtjuden- »thums. Seine Bedeutung als Philosoph ist eine allgemein menschliche, kosmopolitische, sein Ansehen und seine Stellung als jüdischer Schriftsteller wurzeln in seiner nationalen Theilnahme an der deutschen Litte rat ur, in welche die konfessionelle Richtung erst aufging. Nicht Weltbürger wollte Mendelssohn erziehen, sondern gute Israeliten, und gute Israeliten müssen auch gute Bürger sein. Ist es darum übel angebracht, an dem soeben begangenen deutsch-nationalen Säculargedüchtnißtage in festrednerischen Superlativen Mendelssohn zum bloßen „Reformator" aufzubauschen, so ist es doch auch besonders thöricht und nöthigt zu scharfem Protest, wenn heute die Hochorthodoxie Mendelssohn als Vertreter ihrer Separatinteressen glvrificiren will und von dem „Freunde Lessings undKants" als von„unseremMendelssohn"zu sprechen unternimmt. Man bedenke, während die Orthodoxie zu Mendelssohns Zeit den Heraustritt aus dem starren Bann ihrer Principien, ja selbst die Lectüre eines deutschen Buches zu verhindern wußte, protestirt die heutige Hochorthodoxie nur noch gegen die Absicht, „ihrem Mendelssohn" ein Denkmal zu setzen.*) Selbst in den Hauptstädten Europa's wußten die Orthodoxen zu einer Zeit, wo Cultur und Wissenschaften durch Friedrich den Großen emen mächtigen Schwung erhielten, eine Scheidewand aufrecht zu erhalten, welche eine Annäherung an die moderne Bildung ' seitens der Juden fast unmöglich machte. Sie wußten nicht, was Religion, was Nationalität sei, daß man das Judenthum . vollkommen erhalten und dem Staate dennoch völlig genügen könne. Darin war Mendelssohn der Lehrmeister, und um sein Ziel zu verwirklichen, schloß er sich, wie auch heute die religiöse Mittelpartei, eng an die führenden Geister der deutschen Nation an, und nicht an die bildungsfeindlichen Dunkelmänner, deren Gesinnungsgenossen heute ein Denkmal, das die deutsche Nation einem Mendelssohn errichten will, perhorresciren. Die Kämpfe für die Vernunftreligion waren es ganz besonders, die von dem Jahre 1754, wo Mendelssohn mit Lessing zusammenkam und dieser die „Philosophischen Gespräche" desselben der Oeffentlichkeit übergab, bis zu der Mitarbeit an jenem Aufklärungswerk, das durch den deutschen Pentateuch einerseits und den „Nathan" andererseits bezeich- : net wird, Mendelssohn's litterarisches Streben erfüllten. Die Bannstrahlen der Orthodoxie, die Mendelssohn und seinen Mitarbeiter, H. Wessely, trafen, sie übertrafen noch die Pfeile, welche die giftige Schule eines Göze auf Lessing schleuderten, und sie dürfen nicht aus Liebedienerei gegen die „kleine, aber mächtige Partei" an dem Tage vertuscht werden, da ganz Deutschland sich der Beziehungen Mendelssohn's zu den führenden Geistern der Aujklärung freut. Wohl ließ sich Mendelssohn sein tägliches Gebet nicht durch atheistische Philosophaster und nicht durch die süßlichen Bekehrungsversuche eines Lavater rauben, und wohl hielt Mendelssohn das Ceremonialgesetz als berechtigten Kern des Judenthums hoch, dennoch aber schleuderten die Zeloten — mit vollem Recht von ihrem Standpunkt aus — den Bannsirahl gegen ihn, denn er beseitigte dre mittelalterlich nationale Carricatur der jüdischen Ghetti, die sie mit aller Zähigkeit zu eonserviren bestrebt waren. *) Alle 3 in deutscher Sprache erscheinenden jüd.-orthodoxen Blätter (Lehmann-Hildcsheimer-Hirsch) protestiren gegen Errichtung eines Denkmals als gegen die Satzungen des Schulchan aruch und demnach auch gegen den Willen Mendelssohns. All' das unnütze Gerede widerlegt die einzige Thatsache, daß Moses Mendelssohn selbst bei seinen Lebzeiten dem Hofbildhauer Tassaert zu einer Marmorbüste gesessen, die z. Z. in der „Freischule der .jüdischen Nation zu Berlin" aufgestellt worden! Also ein Schulchan-Aruch-Jude, zu dem die heutige Orthodoxie M. mit Gewalt machen möchte, war — Mendelssohn durchaus nicht; das läßt sich auch aus vielen seiner Briefe erweisen. Ohne Mendelssohn's Einfluß auf die Fürsten, Staatsmänner, Dichter und Gelehrten seiner Zeit war die Emancipation, die Beseitigung jener Fesseln veralteter Gesetzgebungen unmöglich, da der Jude in seinem bürgerlichen Recht, in der Wahl seines Lebensberufs in eiu Ghetto gesperrt war. das die Anpassung seiner Lebensverhältnisse und seines Erwerbes an die Praxis der Zeit unmöglich machte. Mindestens wäre ohne Mendelssohn die Emancipation später eingetreten und damit alle jene Generationen, deren Nachkommen eine tüchtige, oft eine führende Rolle in der Jnaugurirung der modernen Zeit beschieden war, weiter in dem geistigen Ghetto verblieben, ja es wäre zu spät für das Judenthum gewesen, sich an dem Frühlings- und Freiheitskampse des 19. Jahrhunderts zu betheiligen. Jndeß wer wollte gegenüber einer providentiellen Gestalt wie Moses Mendelssohn jetzt an seinem 100 Todestage, der uns den Rückblick auf sein faktisches säkulares Wirken ermöglicht, grübelnd den Kreisen und Bahnen der Vorsehung nachzuspüren versuchen. Wie thöricht aber handeln darum auch diejenigen. die heute Mendelssohn als den Führer in die neue Zeit anklagen, daß in den Krümmungen und Wirnissen, die die auf ihn folgende Uebergangsperiode mit sich führte, wie eben jeder Uebergang, nicht alle gleich ihm auf dem neuen Wege vorwärts kamen, ohne zu straucheln und an den edelsten Gütern der Religion, ja der Sittlichkeit Schaden zu erleiden. Nach der Meinung jener orthodoxen Generalpächter des Judenthums, die Mendelssohn heute dafür verantwortlich machen, daß seine Nachkommen trotz sorgfältigster Erziehung dem Druck der auf ihn folgenden verderblichen romantischen Zeitstcömungen erlagen, hat Moses Mendelssohn nur hier und da eine äußerlich veredelnde Wirkung ausgeübt, seine „Richtung" aber sei dem Judenthume „verderblich" gewesen. Wie sehr verkennt diese Richtung, die doch wiederum den gefeierten M. als Person, als den ihrigen mit Eifer reklamirt, das in Mendelssohn wurzelnde Princip. Weder Mendelssohn, noch der mit ihm gemeinsam strebende und ringende Lessing waren Orthodoxe, beide haben vielmehr der Orthodoxie das Grab gegraben und einem neuen Princip zum Durchbruch verholfen. Auch die Orthodoxie hat einst ihr Princip gehabt, dasselbe war einst innerhalb der. geschichtlichen Abgeschlossenheit lebenskräftig und lebenzeugend, heute gehört es der Geschichte an, M. "-ber steht ebenso wie das erste ihm errichtete Denkmal „Nathan der Weise" mitten in dem Princip der heutigen Zeit, heute erst wird er allgemein gefeiert. gelangt er, ebenso wie der „Nathan", den Zeloten gegenüber zu Schutz und Trutz immer mehr zur allgemeinen Anerkennung und „neues Leben blüht aus den Ruinen". „Geschichte hat nur zur Vergangenheit Beziehung, sie bezeichnet Geschehenes, Abgeschlossenes, Fertiges, unsere Zeit wird keinen Stoff mehr zu einer „Geschichte der Juden" liefern, sie wird von nun an nur die Geschichte des Staates sein, in dem der Jude lebt". Alte und neue Zeit, das geschichtliche Princip fossiler Abgeschlossenheit und das lebende mitten in der modernen Zeit wurzelnde Vorwärtsstreben, — das Schiboleth und das Siboleth der Zukunft, sie sind ungefähr in obigen Worten ausgesprochen, mit denen Zacharias Frankel, der gewiß w.'it entfernt war die Einheit des Judenthums oder ein Princip des jüdischen Gesetzes aufzuheben, vor 20 Jahren den fünfzehnten Jahrgang seiner fruchtbringenden „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des JudenthumS" beschloß. Wollen wir heute an dem Sakulargedächtnißtag unseres Weltweisen, der die geistige Welt seiner Zeit und das jüdische Gesetz in sich vereinte, sehen, wie weit die Wurzeln des von ihm vertretenen Princips gedrungen sind, so brauchen wir nur die Presse und die Schule innerhalb des heutigen Judenthums in Betracht zu ziehen. „A jüddische Zatung" schrieen die Generalpächter der Orthodoxie in den Jeschnvoth und Bote Midraschim, als sie in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts ein Blatt mit deutschen Lettern, das jüdische Angelegenheiten besprach, erblickten; ob in dem Blatt bereits