Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-01-08 · N° 2. (8.1.1886) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 2. (8.1.1886)
Date
1886-01-08
Page
Seite 10 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/5369809-9585330-9585345--6045-9585347
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

ist; auch eine Deputation des Magistrats erschien. Unter den Klängen eines einleitenden Chorals, der vom Theater- Chor unter Begleitung der Hofkapelle ausgeführt wurde, betrat der Herzog, der die Generalsuniform angelegt hatte, mit feiner Familie, den kleinen, aber sehr schmucken und freundlichen Tempel, in welchem er mit dem Hofe zur Rechten des Alters Platz nahm, während zur Linken die Vertreter der Regierung und der Stadt, sowie die von auswärts erschienenen Delegirten und Rabbiner, Dr. G oldschmidt- Leipzig, Dr. Rahmer-Magdeburg, Pr. Landsberger- Berlin, De. Fröhlich-Halle re. ihre Sitze einnahmen. Nachdem Herr Cantor Abel das Mah. town mit kräftiger, angenehmer Stimme reeitirt halte, wurden vom Synagogenchor unter Mitwirkung der Hoftheaterkapelle und unter Betheiligung der Hofopernsängerinnen Frln. v. Vahsel, Biugenheimer und v. Wenndrich einige Piecen aus Mendelssohn-Bartholdy's „Athalia" vorgetragen. Dann betrat Herr Rabbiner Dr. Weiße die Kanzel und hielt die sehr ansprechende Festpredigt. Nicht den Gelehrten und Philosophen Moses Mendelssohn wolle er an dieser Stelle feiern, denn das würden berufenere Männer heute thun; nur den Menschen Mendelssohn, den treuen Glaubensgenossen mit dem reinen und einfachen Herzen. Dies gelang ihm auch in ganz vorzüglicher Weise. Er hob gegen Ende besonders hervor, daß der Kern zu dem, was „Moses Dessau" dem Judenthum geworden, in seiner Vaterstadt gelegt worden. Hier herrschte damals ein weiser und gerechter Fürst, der „Vater Franz", welcher sich des geknechteten Judenthums annahm und dessen Tugenden sich auf seine Nachkommen vererbt haben. Auch heute' habe der erlauchte Nachkomme des großen und edlen Herzogs, unser allverehrter Herzog Friedrich mit seiner erlauchten Familie, auf's neue den Beweis für seine hohe Denkweise abgelegt, indem er in dem schlichten Gottesh use der israelitischen Gemeinde erschienen, um den großen Sohn seines Landes mitzufeiern. ' Mit üblichem Segenspruch schloß die Predigt, worauf der Sängerchor das Lied: „Ein Herz voll Frieden", anstimmte. Mit einem Seelengebet (Psalm 16) und einer Todtenfeier vor offener Bundeslade, wobei Frau Vorsteherin Sonnenthal das auf die Todtenfeier bezügliche, ergreifende Lied sang und das vom Rabbiner gesprochene Kaddischgebet folgte, schloß der Gottesdienst. — Vor dem Verlassen des Gotteshauses nahmen die höchsten Herrschaften Gelegenheit, dem Gemeinde- Vorstände, sowie dem Festcomit« und dem Prediger ihre Befriedigung über den schönen Verlauf der Feier auszusprechen, die in der That ein Kiddusch Haschern war. lieber den noch folgenden Theil der Festfeier: in der Aula des Herzogl. Friedericianums, im Saale des goldenen Hirsch, und die Festvorstellung im Herzogl. Theater berichten wie in nächster Nr.; wir lassen hier nur noch einige ber telegraphisch ein getroffenen Begrüßungen und Wünsche folgen. Aus Frankfurt a. M. Herzliche Festgrüße und Glückwünsche zur Säcülarfeier des Welsen von Dessau. Der Vorstand des „Mendelssohn-Vereins". Aus Ulm. Namens unserer Gemeinde, welche das Andenken Moses Mendelssohn gefeiert, sendet zur heutigen Hauptfeier in seiner Heimathgemeinde theilnahmsvolle Begrüßung. Das israelitische Kirchenvorsteher-Amt. (Auch vom isr. Lehrerverein in Ulm war eine längere .Depesche'ähnlichen Inhalts eingegangen.) Aus Drohobyez in Galizien: „Als Repräsentanten der zehntausend hier wohnenden Juden sprechen wir Ihnen die wärmsten Gefühle der Theilnahme für die heutige Mendelssohnfeier aus. Der Cultusvorstand. (Auch vom dortigen Lese- und Geselligkeitsverein traf eine längere Depesche ein mit der Mittheilung, daß dort ebenfalls eine solenne Feier unter allgemeiner Betheiligung abgehalten werbe.) Aus Paris. „Wir nehmen an der Säcülarfeier den innigsten Antheil und widmen den Manen Moses Mendelssohn des ersten, des edelsten Verfechters der Gleichstellung der Juden das wärmste und dankbarste Andenken, Alliance israelite universelle. Goldschm idt, Kan u, Präsident. Generalsecretür." Aus Wilna waren 2 größere Depeschen eingetroffen. „Zum hundertsten Todestage des weltberühmten Denkers Moses Mendelssohn drückt die hiesige israelitische Gemeinde ihre Gefühle tiefster Verehrung und Dankbarkeit gegen den großen Mann aus, dessen Lichtstrahlen auch hier die Dunkelheit des Fanatismus und Aberglaubens zerstreut, Bildung und Aufklärung verbreitet haben. Gemeindevorstand S. Fin, A. Lebensohn, I. Gerstein, Rabbiner Dr. Gord.on. (In ähnlichem Sin ne sprachen der Attache, Inspektor und das Lehrercollegium des Lehrer-Instituts daselbst, F t tt it, Ste inberg, Wo h l, Nemser, Wo ller, Z u nzer, sich ans) Auch viele Private hatten Depeschen gesandt; wir heben hervor: Aus Wien. Aufs tiefste bedancrnd, an Ihrer dem großen Weltweisen und Wahrheitsforscher gewidmeten Gedächtnißfeier nicht persönlich theilnehmeu zu können, bin ich im Geiste in Ihrer Mitte, mit Ihnen an dem Borbilde Mendelssohns mich erhebend und den Wunsch desselben theilend, daß alle Menschen die heiligen Wahrheiten annähmen und in Ausführung brächten, die die besten Christen und die besten Juden gemein haben. Eiganuel Baumgarten." Hervorhebenswerth ist auch das von der Redaction des „Hameliz" in Petersburg (A. Zederbaum u. L. Gordvn) au uns gerichtete Schreiben, worin die hohe Bedeutung Meudelssohn's als Regenerator auch der Juden Rußlands hervor gehoben wird und wir ersucht werden, den pietätvollen Gefühlen anläßlich des Mendelssohn-Deukmals*)-einen geeigneten Ausdruck zu geben. Wir haben uns dieses angenehmen Auftrages an der Festtafel unter dem Beifall der Fefttheilnehmer entledigt, unter Hervorhebung des Umstandes, daß man im kalten Rußland mehr Wärme und Verstündniß für die das Judenthum berühren den Culturfragen unserer Zeit bekunde, als in gewissen ortho doxeu Kreisen Deutschlands. Die starre Orthodoxie war bei der Mendelssohn Feier in Dessau nicht vertreten —, kein Mißton störte bte schöne Feier.**) __ Moses Mendelssohn und die heutige Orthodoxie. Es war ein weiter Weg zurückzuleqen von den ersten Tagen, die der verwachsene arme Talmudschüler aus Dessau bei seinem kümmerlichen Zuzuge in die Residenz, in steter Gefahr wegen Mangel an Subsistenzmitteln „ausgewiesen" zu werden, in Berlin in der Umgebung seines verehrten Lehrers Rabbi David Fränkel im Jahre 1746 zubrachte, bis zu jenem Tage, da vor nunmehr 100 Jahren die große Berliner Gemeinde die irdischen Reste des Verfassers des „Phüdon" zur ewigen Ruhe brachte, unter tintiger Theilnähme der ersten Gelehrten und führenden Geister von ganz Deutschland. Es ,ist ein weiter Weg von dem Judenthum der Jugendjahre Moses Mendelssohns, bis zu der Stellung der heutigen Juden in den modernen Staaten, und eine nicht minder große Strecke aus dem Wege der Befreiung von mittelalterlicher Sclaverei ist für einen großen Theil des *) Die geehrten HH. Redacteure des „Hameliz" weisen in ihrem Schreiben besonders ans die trefflichen Leitartikel in den Nrn. 93 u. 94 ihres Blattes hin, woselbst unter der Ueberschrift — D!7 die Verdienste des „Weisen von Dessau" und das tactlose Verfahren des ■ „Orthodoxen von Mainz" gefeiert resp. gegeißelt wird. **) Sie war auch vor 100 Jahren der Bahre M.'s nicht gefolgt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.