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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1886-01-01 · N° 1. (1.1.1886) · p. Seite 2

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
17 (1886)
Issue
N° 1. (1.1.1886)
Date
1886-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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fM Gedächtnitzrede auf Moses Meu-elsfohu. ö ZuUeinem 100.| Todestage. M Es zeigt sich zuweilen ein leichtsinniges, bald lächerliches, bald frevles Spiel mit Worten, daß die Namensgleichheit moderner Menschen mit den Helden der heiligen Schrift dazu benutzt wird, um auch ihr Wirken, ihren Charakter und ihre Sitten in Parallele zu stellen. Der Zufall hat zweien Menschen, die wenig mit einander gemeinsam haben, denselben Namen gegeben; diese Aeußerlichkeit ergreift der leichtfertige Witz und will mit größerem oder geringerem Geschick den Glauben an eine innere Aehnlichkeit gleichsam erzwingen; ja wenn noch bei der Geburt eines Kindes'der Name, falls er an den eines großen biblischen Heroen anklingt, als eine Vorbedeutung, eine Mahnung gefaßt wird, das ließ sich nochwol billigen; aber zwei Leben, die abgeschlossen sind und die fast völlig verschieden sind, nur deswegen vergleichen, weil ihre Träger denselben Namen hatten, ist eine der schlimmsten Abarten leerer Wortwitzelei. Jedoch dieser Vorwurf wird uns wohl nicht treffen, wenn wir den großen Mose, der vor hundert Jahren aus dieser Welt gegangen ist, und dessen Gedenken wir heute feiern, mit dem größern Moseh vergleichen, dessen Geist die ganze heilige Schrift erfüllt, der aber vor allem der Held des dieswöchentlichen Schriftabschnittes genannt werden kann. Fern liegt uns natürlich die Behauptung, daß sie sich gleichen, aber sie zu vergleichen, dazu giebt es nächst dem Klang der Namen noch manchen tiefern Anlaß. Diese beiden Männer mit der schweren Zunge und den gedankenschweren Worten, obgleich ihnen die Kraft lebendiger Rede von der Natur versagt war, haben dennoch das Wort gefunden, das zu dem Herzen ihres Volkes gedrungen ist und die müden Seelen verjüngt und erneut hat. Von Mosel) heißt es: „Moseh wuchs heran und er ging zu seinen Brüdern und sah ihre Lasten". Er hätte es so bequem haben können im ägyptischen Königspalaste, so mancher Andere in seiner Lage hätte alle die tausend schlauen Künste daran gewandt, um es in Vergessenheit zu bringen, daß er zu den Israeliten, den verachteten, gehöre. Moseh's erste Thal aber war es, als er selbstständig wurde, daß er zu den Brüdern ging; zu den Brüdern, nicht mit hochmüthiger Gönnermiene nahte er sich ihnen, wie einer, der es jeden Augenblick merken läßt, daß er Alles besser hat, und Alles besser weiß, sondern er stellte sich mit ihnen in eine Reihe und weinte mit ihnen und gelobte ihnen für sie zu leben und zu sterben. Der Talmud sagt: „Moseh sah ihre Lasten", daß ihnen unnatürliche Lasten aufgebürdet wurden, um sie noch härter zu quälen oder um sie zu verspotten und zu verhöhnen. Und Moseh hat nicht nur seinem Volke, sondern auch seinem eigenen Ruhme gedient, da er aus dem Palaste zu den Sklaven niederstieg; er ist groß geworden dadurch, daß er zu seinen Brüdern ging. Als Günstling eines Pharao wäre er längst vergessen gewesen, als Genosse eines Sklavenvolkes lebt er für alle Zeiten. Auch die Größe Mose's Mendelssohn beruht wesentlich darauf, daß er zu seinen Brüdern ging und mit fühlendem Herzen ihre Lasten und ihre Leiden sah. So manche peinliche Stunde, so manche herbe Enttäuschung wäre ihm erspart geblieben, wenn er das Band zerrissen oder auch nur gelockert hatte, daß ihn mit seinen Glaubensgenossen verknüpfte. Aber niemals wäre -er zu der geschichtlichen Größe emporgestiegen, die ihn jetzt auszeichnet, wenn er es je vergessen, wenn er es nicht in jedem Moment bethätigt hätte, daß er Jude sei. Der Philosoph und Schriftsteller Mendelssohn — ihm wäre wohl in einer abgelegenen Nische der Ruhmeshalle deutschen Geistes ein bescheidenes Andenken bewahrt blieben. Aber nimmermehr wäre ihm die lebendige Wirk .y und Erinnerung beschieden, daß er wie ein Leb""" »n die Arbeit dieser Zeit hineinragt; nur weil er rtscher Mann ein nstisch schreiten, cgt werden. Nein, adert nicht einen fitt Jude war in jeder Faser, weil er d,ld jenes Nathan war, in welchem der deutsche Gc selbst ein noch schöneres und ehrenderes Zeugnis) al Judenthum aufgerichtet hat, nur weil er ein Erlös Israel gewesen ist aus einer neuen ägyptischen Kn»t, ist sein Name hinausgedruitgen über sein Jahrhupind es ist das einzige Kennzeichen, daß ein Ruhm upt dauern wird, wenn er seinen Träger ein Jahrhunserlebt. Denn es ist ja mit der Erinnchn Mendelssohn, nicht so wie sonst wohl mit Vielen, diihrer Zeit geehrt, sodann, wenn hundert Jahre, sei es brer Geburt oder nach ihrem Tode, verflossen sind, voimchts- oder Litteraturkundigen gleichsam wieder anfgea werden, für ein Paar Tage durch alle Tagesblatte^ und hierauf wieder für hundert Jahre Mendelssohn war in diesem ganzen Augenblick todt, wir feiern heut einenwen. dessen liche Größe den Tod überwunden hat Mendelssohn, der sprachgewandte geistvolle Schriftsteller, der im vorigen Jahrhundert inqchland den Ton angab, ist vielleicht gerade weil er vsiten so populär war, nicht mehr im Stande intensiv ijie Gegenwart zu wirken und der Wunsch eines wackerennnes nach einer wohlfeilen Volksausgabe der gesammNendelssohn'schen Schriften, — wie er jüngst veröffentlicürde —• ist mehr aus der Begeisterung und der Liebe,' aus der kühlen Ueberlegung entsprungen; seine Werken sich zum großen Theil überlebt, aber sein Wirken lebt gestaltet fort und fort das Judenthum in den civilisirtelyden. Auch in den Tagen dieses Mosehren wie dereinst (nach dem Talmud) in Aegypten, unnatte Lasten, die dem Juden aufgelegt wurden. Schon der % d?r Arbeit und Armuth ist wohlgeeignet fühlende Heraufzuregen; aber den Juden traf noch das Unnatürliche,! Verhöhnung um seines Glaubens willen, die Ausschließfvou den natürlichsten Berufen, vom Landbau und r Handwerk. Die Thränen, die einst ein Mosel) in Uten, die Moseh Mendelssohn in unserm Vaterlande, fihre Brüder vergossen, sie waren der Thau des Lebens fürsSaat der Freihert. Moseh in Aegypten sprach zu seiufinterdrückten Genossen : „der Gott eurer Väter schickt hatte nicht den Ehrgeiz des Neuerers, er erneuen, er deckte die fast verschütteten Erzväter wieder auf, er ließ die Brunuepieder rieseln, nie einst Abraham, Jsak und Jakob gegrablhatten; und diese frische Fluth aus dem alten Quell weckten schlummernden Volksgeist auf. Die Israeliten begriffene tiefe Lehre von dem Gotte, der ist und ewig sein wieweit ihn Mosch ihnen verkündete als den „Gott der Vf;" die gequälten Männer hätten ihn schwerlich verstanden Nd noch weniger ihm zugejauchzt, wenn er etwa die kalte Istzeit, die er von Aegyptens Priestern erlernt hatte, ihnen ^getragen. Auch Mosel) Mendelssohn hatte Erfß in seinem Erlösungswerke, weil er zn seinen Genossen fdete als Sendbote des Gottes unserer Väter; er selbst kkt, daß ihm jeder Sinn für Geschichte fehle, und dieser Mapl. der nicht nur ihm. sondern seinein ganzen Zeitalter öenthümlich war, stört uns in seiner Philosophie; aber yr sittlicher Takt war größer als sein Wissen; mit bewiderungswürdiger Energie hat er den Zusammenhang festgehsten mit der geschichtlichen Entwickelung des Judenthums. Glicht als Philosoph der Aufklärung des vorigen Jahrhrjdert trat er zu seinen Glaubensgenossen, dann wäre sein Hort ebenso ungehört verhallt, wie wenn Moseh vordem ij Aegypten ägyptische Weisheit seinen Brüdern gepredigt hütt; nein, er wollte das Judenthum der Väter, wie es ihm fett); dereinst in den Schriften des Moseh Maimonides aufgegaucku war, er wollte nur den Schutt und die Trümmer fvrtschchen, mit denen Verfolgung von außen und Verirrung von innen das Judenthum der Väter verdeckt hatten. .) zu Euch". Gr lte nur das Alte erliefernugen

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