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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 52 (1885) · p. Seite 204

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
52 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 204 (sequence 2)
Language
German
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— 204 — Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert und zum Thcil auf ihren Ursprung zurückgeführt von Lehrer I. Herzberg. 28. Die steh n schon in der Megilloh. Als «och vor Zeiten in so manchen Gegenden infolge von Fanatismus und Glaubenshaß den Juden nicht gestattet war. sich ansässig zu machen, da waren sehr viele jüdische Familien gezwungen, von Ort zu Ort zu wandern und im Umhcrziehen ihren Erwerb zu beschaffen. Die wenigen Bevorzugten aber, die das oft noch sehr ungewisse und zwcifelhafte Glück hatten, ein eigenes Heim zu besitzen, die, wenn auch unter Darbringung, schwerer Opfer und Tragung drückender Lasten die Erlaubniß erwirkt hatten, sich dauernd ansässig zu machen, sahen mit einer gewissen Geringschätzung auf ihre hcrumzichenden Glaubensgenossen herab, die noch nicht an Stande gewesen, jene Opfer zur Erlangung eines dauernden Wohnrechtes zu bringen, und die freilich aber auch sehr oft als Muster ehrlicher undjbcscheidencr Leute durchaus nicht aufgestellt smcrden konnten. Weil sie von einer Provinz (ruiö) zur anderen zogen, gab man ihnen den oft verletzenden Beinamen: „Mediuo-Leute." Nun steht dieser Ausdruck „Medino" zum östern in der Mcgilloh (d. i. das Buch Esther), die allen bekannt war, da sie bekanntlich am Purimfeste zweimal öffentlich verlesen wird, und wurde daher auch von Leuten, die als Medinoh-Leute bekannt waren, oder wenigstens im Rufe als solche standen, geringschützend gesagt: „Die stehen schon in der Megilloh." 2t. Er kann „Eaumel" benschen. Wenn Jemand einer größeren Gefahr entronnen, wenn er eine schwere Krankheit, eine größere Seefahrt überstanden, wo er stündlich seinen Untergang, seinen Tod vor Augen gesehen, ferner, wenn er aus dem Gefängnisse erlöst worden ist, oder eine Reise durch eine Wüste durchgemacht hat, so hat er gleich nach überstandener Gefahr beim öffentlichen Gottesdienste in Gegenwart der ganzen Gemeinde dem Herrn seinen Dank für die glückliche Errettung in einem Segensspruche auszusprechen. „Wer dir Gutes vergolten, vergelte dir auch in Zukunft alles Gute." Da dieser Lobspruch mit dem Worte „h>v1llN" (Hagaumal) beginnt, so nennt man diese» ganzen Act „Ganmel benschen (benedeien)". Auch im gewöhnlichen Leben sagt man zu Jemandem nach überstandenen kleineren Unannehmlichkeiten, er könne „Gaumel benschen," d. h. also: er könne „von Glück sagen." 22. Nu» kannst Du „Nach-Brocho" machen. Mit Nach - Brocho bezeichnet man denjenigen Segensspruch, den man nach dem Genuß solcher Speisen zu sprechen hat, über die man kein «'L1VN spricht, mit Ausnahme von Wein und Backwerk, also nach dem Genüsse von Obst, allerlei Getränken und dergl. mehr. Dieser Segensspruch lautet bekanntlich: 121 N121 m®B3 «112 und findet sich in jedem Gebetbuche. Jeder fromme Jchudi ist bestrebt, im Laufe des Tages eine bestimmte Anzahl von Segcnssprüchen zu sprechen, oder „Brochaus zu machen" zur Verherrlichung Gottes und zur Hebung und Stärkung des religiösen Gefühles. Da die „Nachbrocho" nach dem Genüsse der betreffenden Speisen „gemacht" wird, so ist die Freude, die jener Genuß bereitet, zur Zeit, da man jene Brocho spricht, bereits enffchwunden. Man sagt daher auch zu Einem, der bis jetzt in Saus und Braus gelebt, dem der Genuß gar vieler Freuden geboten war, dem aber der weitere Genuß jener Freuden nun versagt ist: „Nun kannst Du „Nach-Brocho" machen!" 23. „Der nimmt es gar vom MiSböach herunter." Alles, was zur Zeit, als der heilige Tempel noch stand und der Opferdienst noch vollzogen wurde, auf den „Misbäach" (Altar) gekommen war, war voll und ganz dem Herrn geweiht und durfte bei schwerer Strafe zu profanen Zwecken nicht verwendet werden. Selbst von einem Laien in Israel durfte das Geheiligte weder gegessen, noch überhaupt berührt werden. Ein Jeglicher, außer den Priestern, hatte daher eine heilige Scheu davor, solches, das auf dem Altäre liegt oder auch schon gelegen, zu berühren. Wer nun in seiner Sucht und Gier nach Besitz cs nicht scheut, alle Schranken, die Sitte und Gesetz gestellt, zu überschreiten, der in seiner Habsucht selbst verwerfliche, unerlaubte Mittel anwcndct, um nur sein schmähliches Ziel zu erreichen, von dem sagt mau: „Der nimmt es gar vom Misbäach herunter." Allerlei fiir den Familientisch. Eine kuriose Sekte. In New Brompton, in Kcnt. ist in der letzten Zeit eine neue, seltsame Sekte ausgetreten, über deren mysteriöses Treiben lange nichts Authentisches in die Oeffeutlichkeit drang, da die „Jezriliten" ihren gottesdienstlichen Uebungen nur bei geschlossener Thür obliegen. Sie sind auch unter dem Namen „das neue und letzte Haus Israel" bekannt. Nur Eingeweihte werden zum Zeremoniell zugelassen, dessen erste Handlung im Waschen der Füße der Heiligen besteht. Doch fällt diese Pflicht blos den Frauen zu. Ein Schwert, und ein Bund Schlüssel, die Peters Schlüssel vorstellen, werden als mystische Symbole in den Gottesdienst Angeführt; die b. Schrift wird im Licht der „fliegenden Rute" interpretirt, und die Gesänge sind sehr ordinär. Wie in den meisten auf englischem Boden florircnden Sekten gilt auch unter den Jezriliten der geschäftliche Grundsatz bei der Zulassung von Mitgliedern! Ein Kandidat muß sich einer sechsmonatlichen Probezeit unterziehen. Nach Ablauf dieser Zeit muß er (oder sie) eine vollständige Geschichte seines verflossenen Lebens einliefern und Nichts übergehen. Mit diesem Schritt geht der Kandidat am zweiten Schwert vorbei. Des Weitern wird von ihm erwartet, daß er den zehnten Theil seines Einkommens dem gemeinsamen Fonds überlasse, und hat er eine Leibrente oder Bcsitzlhum, so gehört das der Kirche an! Jedes Auflehnen gegen die kirchlichen Vorschriften wird als strafwürdiges Vorgehen geahndet. Für erwachsene Mitglieder giebt es verschiedene Strafen. Ein altes Ehepaar, das sich gegen die Kirchendisziplin vergangen, mußte sich einen Monat lang mit 6 Unzen Zwieback und ungesäuertem Brot als Frühstück und Erbsen. Bohnen, Mais oder Klößen fürs Mittagessen begnügen; weder Milch noch Salz oder Pfeffer wurde gestattet. Eine andere Strafart besteht in der Entziehung des Vorrechts, mit dem „Boten des Herrn" oder mit Königin Esther am selben Tisch zu essen. Junge Verbrecher werden in rothe Röcke gekleidet, auf deren Rücken der Buchstabe „P“ (punished, d. h. bestraft) als Symbol der Strafe eingcnäht ist. Wereschagt« und Keua«. Ein Mitarbeiter des „Voltaire" hat den Verfasser des .Pebens Jesu", Ernest Renan, in dessen Wohnung im Colläge de France aufgesucht, um ihn in der Wereschagin-Frage über die „heilige Familie" zu interpelliren. Dieser, über die fragliche Angelegenheit ins Klare gebracht, erwiderte: „Der Maler Wercschagin hat mit der Darstellung der „heiligen Familie" ein schweres Problem zu lösen versucht; man hat viel über die Familie Jesu diskutirt, ich selber habe alle Texte studirt, die sich auf diese Frage in den Evangelien-Anhängen beziehen, und konnte nicht zu einer absoluten Ueberzeugung gelangen. Die Evangelien sind voll von Widersprüchen; das eine bejaht,

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