Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 52 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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was das andere verneint, und vice versa; 50 oder 60 Jahre nach dem Tode Jesu geschrieben, beschäftigen sie sich weniger mit seiner menschlichen, als mit seiner göttlichen oder übernatürlichen Eristcuz, Civilregister gab es nicht in jener Zeit, somit müssen die biographischen Notizen vage und verworrene sei», man muh sich also mit Bcrmuthnngcn behelfen, doch kann man mit einiger Bestimmtheit sagen, daß Jesus Halb¬ oder Stiefbrüder und Schwestern halte. Sein Vater Josef scheint sich zweimal verheiralhet zu haben (>vie kommt Renan zu dieser Vermuthung?); aus der erste» Ehe stammten die Bruder und Schwestern, von denen die heiligen Schriften melden; als schon in den Jahre» sehr vorgerückter Mann hciralhete Josef Maria, und aus dieser zweite» Ehe stammt der einzige „Sohn der Maria", wie er in Nazareth genannt wurde. Am Fuße des Kleuzes auf dem Kalvarienberge findet man, wie es in den Evangelien heißt, noch eine Warna, die Frau des Clcophas; diese ist eine Schwester der Jungfrau, die gleichfalls Kinder hatte, die wle die Halbbrüder des Christus wieder Jakob, Josua und Simeon hießen. Die von den Evangelisten Markus und Matthäus als Brüder Jesu ausgesührten Personen wären also nach der Auffassung der Kirche und ihres orthodoxen Anwalts Vettern Jesu, als Söhne des Cleophas und feiner Frau, der Schwester der Jungfrau Maria. Von diesen Aushilssnntteln, die Evangelien auszudeuten, weicht aber wieder die jerusalcmiii.che Tradition ab, welche die Brüder Jesu von der Familie des Cleophas getrennt wisse» will." (Diese Aufklärungen Renan's sind wohl dazu angcthan, den Glauben an den götttlichen Ursprung der Evangelien zu erschüttern, aber keineswegs beweisen sie, daß der russische Maier in seiner Auffassung sich irrte.) Jüdische Wohlthätigkeit. Von dem jüngst verstorbenen Stadtverordneten - Vorsteher Dr. Straßmann thcilt man die uachfolgende Geschichte mit, welche für den edlen, stets hilfsbereiten Mann bezeichnend ist: Vor mehrere» Jahreii kam ein Handwerksmeister zu Dr. Straßmann, um ihm die Mittheilung zu machen, daß ein Wechsel über achthundert Mark, welcher sich im Besitze der Genossenschaftsbank für das Stralauer Stadtviertel befinde, von ihn, gefälscht sei, Dr. Straßniann möge ihm Rath erthcilen, wie er, der in der bittersten Nvth aus die abschüssige Bahn gekommen, dem bürgerlichen Ruin entgehe. Dr. Straßmann fuhr den Petenten hart an und machte ihn in ernster Weise aus seine Gesetzcs-Verletzung aufmerksam. Er werde das Weitere schon erfahren. Unser Handwerker verließ sorgenvoll den Ort der Unterredung. Nach einigen Tagen (der Wechsel war inzwischen fällig gewesen) ließ Dr. Straßmann den Handwerker zu sich berufen. Hier theilte er ihm mit, daß er in seiner Eigenschaft als Direkter der Bank ihm in Ratenzahlungen die Möglichkeit der Tilgung jenes Wechsels geben werde. Der Handwerksmeister erklärte sich zur Abtragung von fünfzehn Mark monatlich gern bereit, mehr sei er außer Stande zu bezahlen. Dr. Straßmann aceeplirte. Die Ratenzahlungen begannen im October und wurden ein ganzes Jahr lang, bis November, prompt innegehalten. Im December des folgenden Jahres, bevor der Handwerker seine monatliche Ratenzahlung eingesendct hatte, empfing er einen eingeschriebenen Brief von Dr. Straßmann, dessen Inhalt der betreffende Wechsel, drei Einhundertmarscheine und die besten Wünsche zum Wcchnachtsfestc bildeten. Dr. Straßmann hatte den Wechsel aus seinen Mitteln eingelöst und in so humaner und edler Weise dem Beteeffcnden nicht nur den ehrlichen Namen gerettet, sondern dessen ferneres Fortkommen durch sein Weihnachtsgeschenk unterstützt. Jerusalem. .Auch hier ist der Geist der Neuzeit und Irreligiosität eingedrungen!" — heißt's. Den Bann fürchtet man nicht mehr und Jeder thut, was er will. Es geschehen haarsträubende Dinge! In dem „Kolcl Ungarn" hat cs sogar Einer gewagt — die Feder scheut sich, es niederzuschreiben — gewagt . . . nun, da es denn sein muß: seinen Sohn von einem Manne unterrichten zu lassen, der der Jeschiba des „Deutschen Kolel" angehört!! Die Vorsteher des „ung. Kolel" haben ein strengstes Verbot in dieser Hinsicht erlassen, weil die deutsche Jeschiba im Geruch der Ketzerei bei den Ungarn steht — und die Mauer dieses Verbotes ist nun durchbrochen! Es ist schrecklich: auch die heilige Stadt verketzert sich! „Es ist eine schlimme Welt"! (Zcwi.) Die Todesbräute. Episode aus dem Kosaken-Ausitaud 1648. Von Moritz Schcrbcl, Prediger in Gumbinnen. Der Ausruhr tobt, entsesselt sind die Bande Der wilden Gräuel im Kosakenlandc; Nach Rache ruft's im grausen, wüsten Johlen. Und in dem Rase», in dem Mordgcdränge, Da brüllt, vom Blutdurst wild gemacht, die Menge: „Den Juden Tod! — mit ihnen auch den Polen!" Und über weite, weite Landesstrecken, Da zogen hin, verbreitend Angst und Schrecken, Der Raub, der Brand, von Menschenhand getragen. Was sonst der Fleiß, was sonst die Kunst errichtet. Des Feuers Wuth, sic hat cs bald vernichtet. Und in den Straßen: Jammer nur und Klagen! Dort in der Hütte, die noch blieb erhalten, Erblickst du jetzt zwei liebliche Gestalten; Zwei Mädchen sind es von dem Judcustamme. Der Mord, er scheute ihnen sich zu nah'n, Die geile Lust versperrte ihm die Bahn, Und sie entriß die Beiden noch der Flamnie. Gesängen sollten sie durch Priesterweihe Den Eltcrnmördern nun iu Gattintreue Verbunden sein — o grause Unnatur! Der Abscheu wächst, er wird säst zum Entsetzen, Der Liebe Lust, das bräutliche Ergötzen, Sie fliehen ängstlich vor der blut'gcn Spur. Da sitzt sie nun im engen Raum verlchlossen, Die Menschenbeute, und die Raubgenossen, Im strengsten Tone haben sie besohlen: Daß Jede morgen zu dem Kirchcngange, Wie's Sitte heischt, im schönsten Schmucke prange, Wenn sie dann kämen, uni sic abzuholen." — Da sitzen sie und drinnen ist es Nacht In ihren Seelen, wo Verzweiflung wacht. Die Eine spricht: „O, nimmer soll's geschehen, Daß ich dem Unhold mich zum Weib verbinde. Er komme her, doch nur als Leiche finde Er mich dann vor; — sag' Recha, wär's Vergehen?" — „Gewiß Vergeh'», so Hand du legst an's Leben An's eig'ne, Lcah, dir von Gott gegeben. Erwidert Jene ihr im strengen Tone. — Vom Himmel ward es dir einst anvcrtraut terstörest du, was nicht von dir gebaut, o zitt're vor dem Schritt zum Richterthron." „Ha, willst du feig' der Schande dich ergeben, Wo liegt alsdann der Werth von deinem Leben! — Was hast dann Du vor Gott einst mitzubringen? — Wann haben Juda's Töchter denn die Ehre Geopfert feig dem niedrigen Begehre, Daß lieber sie den Tod nicht gern empfingen?" — Daß weiß ich wohl, und nimmer wird erstürmen Der Mordgesell, was treulich wird beschirmen Die Kraft der Pflicht, der Muth, den ich empfinde. Er selber soll den Dolch in's Herz mir senken, Mich glücklich in den schnellen Tod zu lenken, Und ich, ich bleibe frei von schwerer Sünde. „Doch würde, Leah, süßer mir's das Scheiden, Könnt' ich mit dir vereint den Tod erleiden, Die Müder sändcu nur die tobten Bräute. — O, tödte mich, du hast ja Muth und Stärke, Beginn an mir mii diesem blnt'gen Werke, Und schließ es ab mit dir an meiner Seite." —