Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 52 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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.1? 52. Jüdisches 1885. L^Ailien-S/s// Hcrausgegcbcn von I)r. Rahmer in Magdeburg. -•N3- Jur llntrtljflltiing u. Mehrung für die israelitische Jugend. E^. Versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert und zum Theil auf il)rcu Ursprung zuriickgeführt von Lehrer I. Herzberg. — Allerlei für den Familientisch: Eine kuriose Sekte. — Wcre- O lvwl1» schagin und Renan. — Jüdische Wohlthätigkeit. — Jerusalem. — Die Todcsbräute. Von Moritz Scherbe!, Prediger in Gum- - binnen. — Räthsel-Ausgabcn und Räthsel-Lösungen. Versöhnt! 8a Original-Roman von Jda Barber. LXVl. Das Pistolenduell. Da der Graf am Lido anlangte, traf er dort bereits seine Sccundanten und auch die Gegenpartei. Die Pistolen wlirdcn geladen. Di. Sanders schien auffallend bleich, unruhig, der Graf gut gelaunt, ja fast lustig. Sanders hatte den ersten Schuß; er traf nicht. Jetzt legte der Gras an; auch er schoß fehl. Die Sccundanle» reichten andere Pistolen. Sanders war ruhiger geworden; er legte an, der Schuß ging los, mit lautem Schrei sank der Graf zu Boden. Die Secundanten hoben ihn auf, legten ihn auf eine Tragbahre; der Arzt constatirte, daß die Kugel ziemlich tief in die Rippe» gedrungen. Mit gebrochenen Augen lag Graf Zandos da. „Warum hat er auch Großmuth geübt," sagte Graf Lindom, der eine seiner Secundanten; „hätte den Juden gleich über den Haufen schießen sollen! Das hat man davon, wenn man sich mit solcher Bagage liirr!" „Ich habe ihr mein Wort gegeben, ihn zu schonen," sagte der Graf unter «Stöhnen. Sanders hatte Alles gehört; Graf Lindom's Worte nicht beachtend, tönten ihm die des Grafen fortwährend in den Ohren, langc noch, nachdem er den Kampfplatz verlassen, lange nachdem er seine Wohnung erreicht und in dumpfcin Brüten auf dem Sopha lag. „Ich habe ihr mein Wort gegeben, ihn zu schonen." „Rathjclhaftes Weib," sagte er, „Du bist der Dämdn und der gute Engel meines Lebens! Soll ich Dir fluchen, soll ich Dich lieben? Dir nahen, Dich fliehen? Dir zürnen, Dir danken?" — Sein Blick fiel jetzt auf den Brief, den er an seine Mutter gerichtet; hastig griff er »ach demselben: heiße Thränen rollten über die Wangen des ernsten Mannes. „Ich danke Dir, Gott in der Höhe," rief er wehmuthsvoll. „Du hast der alten Frau den herben Schmerz erspart, der auch sic das Leben gekostet hätte! — Wo hatte ich eigentlich meine Sinne," fuhr er sich vor die Stirn schlagend fort, „daß ich das hätte thun können! Ich wäre der Mörder meiner eigenen Mutter geworden! Und Jlka hat dieses Unglück von mir fern gehalten, sie, die ich verachtete, in den Abgrund der Hölle verwünschte!" Er wußte nicht, daß jetzt bcr Freund, mit dem er gestern Abend im Cafs quadre gesessen, zu ihm eintrat, ihm meldend, daß Jean bereits berichtet, der Graf habe gestern wieder vor tauben Ohren gefleht, sie habe immer von einem Andern gesprochen, ihm Hoffnung gemacht, daß, wenn Jener gesund bliebe, sie — „Ah, Sie sind da," sagte Sanders, aus seinen Träumen erwachend; „von wem reden Sie?" „Von der Gräfin," enlgegnete Jener, „haben Sie denn nicht gehört, was ich Ihnen soeben miltheilte?" „Doch! doch!" sagte ausweichend Di. Sanders, und sich besinnend, fuhr er fort: „Wollte eben zu Ihnen kommen, um Abschied zu nehmen; ich reise mit dem Frühzuge; habe eben wichtige Depesche bekommen, daß meine Anwesenheit zu Hause nöthig!" „So? So?" sagte der Andere, dem das verstörte Wesen des jungen Mannes auffiel, doch war er biscret genug, nicht weiter in ihn zu dringen Schwerlich hätte ihin Di. Sanders auch gesagt, weshalb er abreiste, daß urplötzlich die ganze Gluth jener heißen Liebe, die er einst für Jlka gefühlt, ihn wieder überkommen, daß er fliehen müsse, um sie, die das Weib eines Andern geworden, nicht in Versuchung zu führen. Für ihn war sie, obschon er wußte, daß sie nur zu sehr geneigt war, mit ihm zu verkehren, verschollen. - -Weshalb einen Conflict heraufbcschwören, da die früheren der unheilvollen Folgen zur Genüge hatten? Als er dem Bahnhof zufuhr und wehmüthig von der schönen Venetia, die ihm unter anderen Verhältnissen ganz andere Genüsse gebracht haben würde, Abschied nahm, Hütte er fast aufschreien mögen vor lautem Weh. Mit so gebrochenem, zerfleischtem Herzen in's Alltagsleben zurllckkehren, war ihm fast unmöglich. — Seine Berufsgeschäfte, denen er sonst mit so großer Liebe und Pflichttreue nachhing, dünkte» ihm eine Last. — Immer wieder trat ihr Bild und auch das des leblos daliegenden Mannes vor seine Seele. Wie, wenn der Schuß tödtlich? Hatte er da nicht einen Mord auf seinem Gewissen? Und sie? Sie war dann Wittwe, vereinsamt, unglücklich. — Wäre es dann nicht seine Pflicht, sic aufzurichten? Seine Sinne verwirrten sich; er mochte all die Fatalitäten nicht ausdenken, denen zu begegnen ihm noch auferlegt sein konnte. Und in dieser Verwirrung der Mutter unter die Augen treten? Sie würde ihn nicht erkennen, unglücklich sein, ihn so verändert zu finden. Ein rettender Gedanke, der ihm da im Moment kam, sollte auch sogleich auSgefüyrt werden. Er mußte Menschen sehen und um sich haben, vor denen er rückhaltlos seinen Schmerz auSwcinen konnte, deren Theilnahme seinem wunden Herzen wohl that. Das würdige Haupt Leo Braun's, die von echter Guthcit und Theilnahme durchgeistigten Züge der Frau Rosa tauchten vor seinem Geiste auf; und neben ihnen erblickt er das junge, glückliche Paar, die hingcbende, zu ihrem Gatten wie zu einem Gott aufblickende Leah, — den ernsten, milden Mann, dessen wohlklingende Sprache und poetische Lebensauffassung ihn jeder Zeit so mächtig anzogen, ja, zu ihnen wollte er seine Zuflucht nehmen, mit ihnen konnte er ja von all' dem Weh reden, das sein Herz bedrückte, sie würden auch das rechte Wort finden, um ihn wieder mit sich und seinem bessern Selbst, mit seiner Zukunft und seinen Idealen zu versöhnen. Ende des erste« Theiles.