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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 51 (1885) · p. Seite 201

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
51 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 201 (sequence 3)
Language
German
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— 201 — dem jene wohnen, weiß allerlei pikante Histörchen, die er vom Stubenmädchen und Kellner gehört haben will. — So biel steht fest, jene da feiern ihre Flitterwochen nicht wie andere Leute; ob sie wohl gar eine verrückte Engländerin ist, die den armen Mann, der wirklich eine seltene Geduld mit ihr zu haben scheint, narren will, oder ob nach stillschweigender Uebereinkunft bic Beiden allen Ernstes auf all jene Freuden Verzicht geleistet, die selbst der Aermste genießt, wenn er ein liebes Weib heimgeführt — tdj verstehe es nicht." Der noch eben so apathisch dasitzende Doctor Sanders war urplötzlich lebhaft geworden. „Erzählen Sie mir, was Sie wissen," bat er, näher zu dem interessanten Berichterstatter binanrückend; beide Männer steckten die Köpfe zusammen und flüsterten leise, vr. Sanders war ganz Slug’ und Ohr. „Das ändert die Sache", sagte er sich; demnach dürste ich ihre Briefe doch für Wahrheit ansehcn? Sitae soll ich denn meinen eigenen Augen nicht traue»? Sah ich sic nicht dort an jenem Fenster in seinen Armen, so hingebcnd, so selig, so ganz sich seinen Liebkosungen überlassend, daß ich nicht glauben kann, was ich so gern glauben möchte!" Kopfschüttelnd hörte er dem Fremden zu, der ihm bis in die kleinsten Details all die Scenen ausmalte, die Jean, der Kellner, ihm geschildert. „Die Frau ist einfach verrückt, glauben Sie mir", sagte er endlich; sie heirathet einen Mann, den sie nicht mag, geht nicht mir ihm, speist nicht mir ihm, riegelt sich ein." — „Sie sehen, sie geht doch m>t ihm", entgegnete Dr. Sanders. „Die Freundschaft wird nicht lange dauern," sagte höhnisch der Andere; „muß doch mal gleich Jean einen Wink geben, heut aufzupassen! Für 2 Lire horcht der Kerl stundenlang, setzte er lachend hinzu. „Ich sage Ihnen, ich weiß morgen früh jedes Wort, das sie mit einander gesprochen! Werde kommen, es Ihnen mitzutheilen, da ich sehe, daß auch Sie sich für die Leutchen intcrcssiren." Or. Sanders antwortete Nichts. — Jeans Spionage war ihm gleichgültig; es schien ihm unwürdig, sich in dieser Weise Kenntlich über Herzensfragen zu verschaffen, von denen mehr abhing, als der blos Neugierige ahnen konnte. — Obschon er versuchte, als er gegen Mitternacht sein Zimmer aufsuchte, Ruhe zu finden, floh der Schlaf seinen Slugen. Das Fenster öffnend, das auf den Canal Grande hinausfllhrte, hatte er eine» herrlichen Anblick. „Die Galegeante", sagte er elstauut. Hunderte mit bunten Lampions erleuchtete Gondeln schaukelten sich da aus dem Wasser, in der Mitte ein größeres Schiff mit hohem Mastbaum, der bis oben hinan mit farbigen Lampen besetzt war. Jetzt ließ eine Musikkapelle ihre Weisen ertönen, Gesang erscholl, der mit tausenden von Sternen besüete selbst in der Nacht blau erscheinende Himmel wölbte sich wie ein schützender Dom über die frohe Gemeinde, die da sangesfrcudig lebenslustig die Wonne der italienischen Nacht genoß. „Herrlich! Wunderbar!" rief Dr. Sanders von dem eigenartigen Sliiblick überwältigt, Er nahm einen Stuhl hinaus auf die Teraffe und blickte lange und sinnend dem erleuchteten Gondclpark nach, all die Menschen beneidend, die da mit rechter Hcrze»sfrcudigke,t sich dei» eigenartigen Genüsse hingcben koniiten. — Wieder mahnte ihn die innere Stimme: „Dieses Leben, das so viele Freude bietet, ist vielleicht morgen für Dich abgeschlossen! Hast Du ein Recht willkürlich, ohne genügende Rothwcndigkeit Deinem Dasein ein Ziel zu setzen? Muß Dich nicht, men» Du auch keine Freude am Leben hast, das Pflichtbcwußtsein ausrecht erhalten? Und die Freude selbst? Sollte sie aus ewig von Dir gewichen sein? Hast Du cs nicht selbst erlebt, daß Menschen an sich und ihre Zukuiift verzweifelten und etliche Jahre spater mit neuem Lebensmuth an die Arbeit gingen und nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft wurden? Die Morgenröthe vergoldete bereits den fernen Horizont, als er noch aus der Teraffe saß. dumpf hinbrütend, dem Leben Reiz abzugewinnen suchend, obgleich es keinen für ihn Kurze Zeit hernach kamen seine Sccundanten, zwei junge Rechtsgelehrte, ihn abzuholen. Sie waren erstaunt ob seines übernächtigen Aussehens. „Es ist doch nicht so leicht" sagte er, „von diesem Leben, das sich mir erst gestern Abeild in seltner Schöne zeigte, Abschied zu nehmen". — „Warum auch Abschied nehmen?" sagte der Freund; „ein so guter Schütze der Graf ist, braucht er Dich nicht zu treffen, überdies steht Dir der erste Schuß zu!" „Und wenn ich ihn fehle?" „So wird er cdelmüthig genug sein, in's Blaue zu schießen. — Hat er denn eine Rache an Dir zu nehmen?" „Slber ich an ihm", entgegnete Sanders. „Es wird bei dem ersten Gang kein Bewenden haben!" So alle Eventualitäten besprechend, halb und halb die alte Lebenslust wieder erwachen fühlend, bestiegen die Drei die unten angekettete Gondel. Sie selbst ruderten hinaus nach dem Lido, um keinen Fremden zum Zeugen der That zu haben. Zur selben Zeit verabschiedete sich der Graf von seiner Gemahlin. — Er fand sie auffallend weich und wehmüthig gestimmt und konnte sich immer noch nicht klar werden, ob ihr Herz um ihn oder um Jenen bange. — Als sie gestern Abend hingebend wie ehedem, an seinem Arm hing und mit ihm wohl eine Stunde lang an der Riva aus- und abpromenirte, da hatte er gehofft, daß sie heimkehrend, sich nicht, wie zcithcr gethan, gleich aus ihr Zimmer zurückziehen würde. Doch all seine leidenschaftliche» Bitten vermochten nicht, sie zum Bleiben zu bewegen. „Morgen" sagte sie abwehrend, „wenn Du jcne.i'Mann geschont, der, ich fühle es, ein Recht hat, uns zu zürnen und gefchont werden muß!" „So versprichst Du mir von morgen ab mein liebes und liebendes Weib zu sein?" sagte der Graf, „alle Rückerinncrungcn falle» zu lassen, mich durch Deine Hingebung zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen?" „Wenn Du meine Bedingung erfüllst!" entgegnete erröthcnd die junge Frau. „Siebt sie ihn etwa noch?" fragte sich wiederholt der Graf, als er allein in seinem Zimmer war. Dann wäre es natürlich das Klügste, ihn unschädlich zu mache»; „Doch nein" sagte er sich, „sie fürchtet nur Gewissensbisse, hat seiner nie gedacht, ehe die Forderung anlangte; — ihn aufs Korn zu nehmen ist ja übrigens imincr noch Zeit, wenn die Leutchen hernach Miene machen mit einander zu verkehren; einstweilen will ich meine widerspänitige Schöne zur Raison bringen! Ihr Wort wird sie wie ein Edelmann halten müssen! _ (Fortsetzung folgt.) Allerlei für den Fainilienlisch. Mir Uamen entstehe«. Zu diesem Thema erhalten wir folgenden Beitrag: Zu Slnfang dieses Jahrhunderts, wo noch viele Juden keine eigentliche» Familiennamen besaßen, sondern in altbiblischer Weise ihrem Vornamen zur Unterscheidung von Anderen gleichen Namenü den Vornamen des Vaters' beifügten, gebot eine hessische Verordnung den Juden, sich Familiennamen beizulcgen, und diese bei Aint eintragen zu lassen. Ein Jude, der nicht wußte, welchen Namen er sich beilegen solle, erwiderte nun auf die Frage des Slmtmannes, wie er heißen wolle: „Herr Amtmann, rothen Sie's" (rathen Sie es)

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