Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 50 (1885) · p. Seite 197

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
50 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 197 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585310--0505-9585313
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— 197 — Täubchen, welche Fieude Du mir mit Deinem Vorwurf bereitest!" „Freude," unterbrach zürnend die junge Frau. „Spielen Sie nicht, mein Herr, mit Frauenherzen," rief sie zornfunkelnden Auges, es möchte Sie doch eines Tages reuen." „Aber Jlka," liebe kleine Frau," unterbrach sie der Graf, „laß Dir doch sagen, daß ich, nur um Dich zu kurire», jene Person hqut überredete, mir für 10 Minuten willig zu sein. Ich sah Dich auf jener Bank einsam sitzen, weinen.— Wäre ich Dir genaht, Du hättest mich wie gestern kalt abgesertigt. Da gerade kam mir jene Person in den Wurf, die ich auf den ersten Blick für eine derjenigen erkannte, die für Geld einem zu Willen sind. — Ich versprach ihr zehn Lire, wenn sic mir helfen könne, eine Dame — ich sagte nicht: meine Gattin — eifersüchtig zu machen. Es ist ihr gelungen. Verstehst Du meine Freude, meine Seligkeit zu beurtheilen, Jlka! Weiß ich doch jetzt, daß ich Dir nicht gleichgültig bin! Hättest Du geschwiegen, bei Gott, ich würde morgen Alles gcthan haben, um beim Duell —" „Du böser, böser Mann," unterbrach Jlka, erleichtert aufathmend. „Soll ich denn wirklich Deinen Worten glauben? Mich so zu kränken! Und nun gar morgen —. o Gott, ich komme von einer Aufregung in die andere! Morgen ein Duell! Kannst Du es nicht vermeiden? Denk an den Eclat, an all die Zufälle, denen Du günstigen Falls ausgesetzt bist, an meine Angst, meine Aufregung!" „Dank! Tausend Dank für diese süßen Worte," sagte der Graf, „die mich zum Glücklichsten der Sterblichen machen, Du bist um mich besorgt, ich werde leben, Dir zu Lieb, doch er —" „Schone seiner," unterbrach ihn flehend die junge Frau, „Du weißt, er war mir einst werth, ich möchte nicht —" „Ich verstehe Dich, Theure," sagte der Graf. „Da Du für ihn bittest, werde ich Rücksicht walten lassen!" „Und wenn Du doch lieber das Duell vermeiden könntest," bat sic wiederholt. „Wer ist des Ausgangs sicher? Laß uns reisen, weit, weit weg, wo er Deine Spur nicht findet." „Ich sollte ihm entfliehen?" unterbrach sie unwillig der -Gras, „Jlka, wo denkst Du hin?" „So habe ich Dein Wort, daß Du — daß Du ihn nicht —" „Mein Wort als Edelmann," unterbrach sie der Graf, „daß ich nicht ihn, sondern den erstbesten Spatzen als Ziel nehme. Bist Du einverstanden?" „Ich möchte dabei sein," entgegnete statt aller Antwort die junge Frau, „vielleicht, daß ich noch im letzten Augenblick das Duell verhindern, Euch vielleicht gar versöhnen kann!" „Du denkst wie ein Weib," sagte abwehrend der Graf. „Unter Männern müssen solche Händel mit den Waffen in der Hand ausgetragen werden, da giebt's keinen Pardon!" „Und warum nicht," entgegnete jetzt vertraulich ihren Arm uin seinen Hals legend die junge Frau. „In meinen Augen verlierst Du gar nichts, wenn Du offen auf ihn zugehst und sagst: Sanders, ich habe Sie beleidigt, Ihnen weh gethan, ich leiste Ihnen Abbitte!" Der Graf lachte höhnisch. „Glaubst Du wirklich, daß ich mich so weit erniedrigen werde," entgegnete er, „einem Juden — Pardon, einem Manne, der in Rang und Ansehen weit unter mir steht, Abbitte zu thun? Und wenn es der Kaiser selbst wäre, ich würde mich nicht dazu bequemen!" „Der Jude scheint in Deinen Angen immer noch," entgcgnete Jlka verletzt, „eine Stufe tiefer, als jeder andere Erdcnmensch zu stehen!" „Und doch bin ich glücklich," entgegnete galant der Graf, „wenn die Tochter eines Juden mich eines freundlichen Blickes ivllrdigt." „Schmeichler," sagte wehmllthig lächelnd Jlka; „es kommt Dir auf etliche schöne Worte nicht an, die Du mir ebenso leichtfertig, wie jener blonden Grisette sagst. — Wenn ich nur klar sähe," sagte sie halb zu sich selbst, „ob nicht doch —11 Jndeß der Graf ließ ihr gar keine Zeit, zu überlegen. Sie mit Fragen verschiedener Art bestürmend, ihr allerhand Vorschläge machend, hatte er ihre Gedanken bald in eine andere Bahn gelenkt und schien so liebenswürdig, daß sie kaum glauben konnte, er könne Gefühle für eine Andere, als für sie haben. _ (Fortsetzung folgt.) Heinrich Heine über Moses Mendelssohn. Wie Heine über Mendelssohns Bedeutung für das deutsche Judcnthum gedacht, darüber äußert er sich mit folgenden. (nicht ganz zutreffenden — Red.) Worten: „.Mendelssohn hat jedoch vor allen übrigen eine große sociale Bedeutung. Er war der Reformator der deutschen Israeliten, seiner Glaubensgenossen, er stürzte (?) das Ansehen des Talmudismus, er begründete den reinen Mosaismus. Dieser Man», den seine Zeitgenossen den „deutschen Sokrates" nannten und wegen seines Seelcnadels und seiner Geisteskraft so ehrfurchtsvoll bewunderten, war der Sohn eines armen Küsters der Synagoge von Dessau. Außer diesem Geburtsübel halte ihn die Vorsehnung noch mit einem Buckel belastet, gleichsam um dem Pöbel in recht greller Weise die Lehre zu geben, daß man den Menschen nicht nach seiner äußeren Erscheinung, sondern nach seinem innern Wcrthe schätzen solle. Oder hat ihm die Versöhnung aus gütiger Vorsicht einen Buckel zugctheilt, damit er manche Unbill des Pöbels einem Uebel zuschreibe, worüber ein Weiser sich leicht trösten kann? Wie Luther das Papstthum, so stürzte Mendelssohn den Talmud und zwar in derselben Weise, indem er nämlich die Tradition verwarf, (? Rd.) die Bibel für die Quelle der Religion erklärte, und den wichtigsten Theil derselben übersetzte. Er zerstörte hierdurch den jüdischen, wie Luther den christlichen Katholizismus — wenigstens in Deutschland. Die Tradition verwerfend (?), suchte er jedoch das mosaische Cercmonialgesetz als religiöse Verpflichtung aufrecht zu erhalten. War es Feigheit oder Klugheit? War es wehmüthige Nachliebe, die ihn abyielt, die zerstörende Hand an Gegenstände zu legen, die seinen Vorvätern am heiligsten waren, und wofür soviel Märtyrerblut und Märtyrcrthränen geflossen? Ich glaube nicht! Wie die Könige der Materie, so müssen auch die Könige des Geistes unerbittlich sein gegen Familicngefühle; auch auf dem Throne des Gedankens darf man keinen sanften Gemllthlichkeiten nachgeben. Ich bin vielmehr der Meinung, daß Mendelssohn in dem reinen Mosaismus eine Institution sah, die dem Deismus gleichsam als eine letzte Vcrschanzung dienen konnte, denn der Deismus war sein innerster Glaube und seine tiefste Ueberzeugung. Als sein Freund Lessing starb und man denselben des Spinozismus anklagte, vertheidigte er denselben mit ängstlichem Eifer und er ärgerte sich bei dieser Gelegenheit zu Tode". Graudenz. . L. Horwitz. Allerlei für den Familientifch. Eine Mendelssohn-Anecdole. Moses Mcndelsohn Pflegte häufiger auf seinen Spaziergängen das nahegelegene Dorf K. zu berühren, wo er dann jedesmal von der lieben Schuljugend mit einem vielstimmigen Hepp- Hepp-Ruf empfangen wurde. Einst machte er nun diesen Gang in Begleitung eines jungen christlichen Gelehrten, dem dies nicht sehr zu mißfallen schien. „Kommt einmal, lieben Kinder, sagie. M. darauf zu einigen der ihm am nächsten stehenden, „hier hat jedes von Euch einen Groschen, nun müßt Ihr aber auch jedesinal, wenn ich hier durchkomme, schön Hep Hcp rufen, denn ich habe immer Glück, wenn Ihr das ruft". Man kann sich denken, daß das gern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.