Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 50 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585310--0504-9585312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 196 — Verbeugung, aus dem Sitzungssaale verschwunden, — Es dauerte eine geraume Weile, bis die Debatte wieder in Fluß kam — die Affaire Jaroslawsky war nun selbstverständlich — in unerwarteter Weise zwar — doch immerhin erledigt — ein minder wichtiger Gegenstand wurde, als auf dem Sitzungsprogramm für heute der Erledigung harrend, noch vorgenommcn, dann wurden die Rathsherren vom Herrn Bürgermeister entlassen, die Sitzung wurde aufgehoben, und die Jaroslawskydebatte wurde auf der Straße von einzelnen Gruppen der heimkehrenden Stadträthe wieder privatim ausgenommen und in mehr oder weniger humanem Sinne fortgesetzt, — l Schlich folgt.) versöhnt! =» Original-Roman von Jda Barbe r, (Fortsetzung.) Mit dem ersten Dampfer, der am andern Morgen nach dem Lido hinabsetzte, fuhr Jlka ab. Sehnsüchtig spähte sie, ob er. den sie zu sprechen sich sehnte, von dem sie die ganze Nacht geträumt, nicht schon auf diesem Schiffe sei. Er war nicht da. „Vielleicht ist er schon draußen," flüsterte ihr das hoffende Herz zu. Aufgeregt ging sie lävgs des Strandes dahin, fortwährend die Allee im Auge behaltend, die die vom Dampfschiff Kommenden entlang ziehen mußte. Es ward 7 Uhr, halb acht, 8; schon war sie entschlossen, den Rückweg anzutreten, als ihr ein Dienstmann cntgegentrat, ihr einen Brief übergebend. Die junge Frau zitterte an allen Gliedern. War er vielleicht gar krank, daß er nicht kam? Er schrieb: „Frau Gräfin! Ihr Brief ist mir unverständljch! Sie schreiben, daß Sie nie Ihren Gotten lebhafter gehaßt, wie heut, und gerade heut sah ich Sie seine Liebkosungen so füll und selbstverständlich hinnehmen, als hätten Sie ein heiliges Recht auf dieselben, als wäre er nicht nur „nominell" ihr Gatte, Suchen Sie mich nicht irre zu führen! Geben Sie es auf, Komödie mit mir zu spielen! Sie wußten von jenem Attentat, von dem sich ganz Ischl erzählte und reisten ab, um nicht in's Gerede zu kommen. Mit dem Herr» Grafen habe ich noch einen Gang zu machen, Ihnen aber ein Rendezvous zu bewilligen, bin ich nicht gemüßigt. Speculiren Sie nicht auf mein Mitgefühl! Ich trage einen Stein an der Stelle, wo ehedem ein warm pulsirendes Herz war, — Ich bin ein Anderer geworden, Frau Gräfin, sehe klar und bin nicht gewillt, mich dupiren zu lassen, selbst nicht von denen, die mir ehedem nahe standen. In gebührender Hochachtung Ellimar Sanders." Wüthend zerknitterte Jlka den Brief in den kleine» Händen. „Das mir," jammerte sie, „mir, deren Unglück er kennt, die er bedauern, bemitleiden sollte! Gramerfüllt ließ sie sich auf einer Bank nieder. Wer da die junge, schöne, elegant gekleidete Frau, heiße Thränen weinend, sitzen sah, konnte sich schwerlich in ihre Ideenwelt hineindenken. Sie hatte nicht Vater, nicht Mutter nicht Gatten, nicht Bruder, Niemand, dem sie ihr Leid klagen Niemand, der ihrem Herzweh Linderung bieten konnte. Wie sehnte sie sich nach einem theilnehmenden, gut gesinnten Menschen! „Ja, die Guten, Braven," sagte sie, sich ihrer Verwandten erinnernd, „wenn ich sie hier hätte, oder zu ihnen könnte! Sic sind Menschen von echtem Schrot und Korn, treu, bieder, ohne jedes Falsch! Ihr Gottvertrauen läßt sie nie muthlos werden, sie haben jenen Fonds in sich, der.,." Urplötzlich hielt sie in ihrem Gedankengang inne. Täuschte sie ihr Auge? Sah sie dort nicht ihren Gatten! eifrig mit einer großen, blonden Dame plaudernd, die ihm jetzt mit dem Fächer Kühlung zuwehte? Ja, er wares, er schien der Vorübergehenden nicht achtend in tiefem Gespräche mit der Fremden, Wer mochte sie sein? Eine Bekannte? Er hatte ihr nie von einer solchen erzählt. „Sollte er gar eine Liäson angeknüpft haben?" fragte sie sich. Gang und Haltung, auch die Kleidung'der Fremden schien ihr verdächtig. Sie sprach lebhaft, gesticulirte viel, schien aufdringlich. Durch eine Seiten - Allee schlich sich Jlka davon, um ihrem Manne in ihrer jetzigen Aufregung nicht zu begegnen. „Er wird mir ja erzählen, wer die Fremde ist," dachte sie, den Rückweg antretend. Doch, als sie schon das Schiff besteigen wollte, überkam sie eine Ahnung, daß ihr Gatte seine freie Zeit in unpassender Geiellschaft verbringe. Wie ein Schleier lag es über ihren Augen, doch der Schleier sank; sie glaubte klar zu sehen und entschlossen ging sie zurück zum Lido, hoffend noch zeitig genug zu einer un liebsamen Entdeckung zu kommen Arme Frau! Auch das sollte ihr nicht erspart bleiben. Gerade als sie die Terrasse bestieg, von der aus man einen Blick auf die Badenden hat, sah sie den Grafen mit seiner Dame im anstoßenden Salon, dessen große Fenster geöffnet waren. Die Beiden mochten sich wohl daselbst allein glauben, da Alles in den Cabinen oder im Bade war, -und legten einander keinerlei Zwang auf. Die junge Frau wandte den Blick ab, um nicht vor Scham und Unwillen laut aufzuschreicn. „Das ist keine Bekanntschaft von heute,"- sagte sie sich. Seit lange muß sie seine Maitrcsse sein!" Von Wuth und Ingrimm überwältigt, hätte sie sich auf die freche Petson, die da ihren Gatten umhalste und küßte, losstürzen mögen, doch sie fragte sich: „Verlangst Du im Ernste, daß er Dir treu sei? Bist Du sein Weib? Welche Rechte hast Du ihm bereits gewährt?" Und lauter sprach ihr Gewissen, als sie sich jetzt vergegenwärtigte: „Wie, wenn Sanders Deinem Rufe gefolgt wäre? Warst Du nicht auch willens, ihm in die Arme zu stürzen?" Ein unnennbares Gefühl des Ekels llberkam sie. Pfui über solch ein Ehcleben! hätte sie ausrufen mögen, doch sie unterdrückte ihre Worte, aber der Entschluß gedieh in ihr zur Reife, diesem unwürdigen Verhältniß ein Ende zu machen. Ohne noch einmal den Blick nach dem Paare hinzuwenden, eilte sie. als ob sie von Furien verfolgt wäre, dem Dampfer zu. XXIV. Das töte-ä-töt«. Zu Hause angelangt, packte sie in Eile ihre Sachen, erkundigte sich, wann der nächste Zug nach Wien ginge und war fest entschlossen, mit demselben zu fahren, als ihr Gatte gegen Mittag heimkehrte und sie mit de» Worten begrüßte: „Denke Dir, schickt mir dieser Lump, der Sanders, eine Forderung auf Pistolen! Muß sie quasi annehmen, kommt mir aber jetzt sehr ungelegen, da ich hier an Alles eher, als an die abgethane Prügelei dachte. „Ich glaube gern, daß sie Ihnen ungelegen kommt," , entgegnete die Gräfin spitz; „wenn man in den Armen der Liebe auszuruhen denkt, ist Pulvergeruch kein anmuthendes Parfüm." Der Graf blickte forschend in ihre Züge und erbleichte. Nur zu gut erkannte er, was in Jlka vorging. „Ich verstehe Dich nicht," sagte er zögernd. „Glauben Sie, ich sei blind, daß ich, wenn Jemand es wagt, im Salon am Lido Arm in Arm mit seiner Dulcinea schön zu thun, nicht —" „Siehst Du, so gefällst Du mir, Jlka," unterbrach sie, schnell Fassung gewinnend der Graf. „Also das Mittels hat gewirkt! Du bist gekränkt, eifersüchtig? Wenn Du wüßtest,