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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 50 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
50 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ASM .!« 50. Jüdisches 1885. uiulif »•!/*// Herauzgcgcbcn von l)r. Rahmcr in Magdeburg. Zur Untrrhaltung u. Kelehrung für die israelitische Jugend, Inhalt: und Räthsel-Löfungen. Jnterconfessionell. Eine Krzählung aus hakövergaugener Zeit. Bo» Rabbiner Or. Ehrenthcii in Horitz. (Farifttzung). Herr Kalmaun saß einige Augenblicke verblüfft, wortlos in's Blaue starrend, das Hcrzensqeheimniß, das er in den tiefsten Falten seines Innern bewahrt, seine eigene Neigung für die Rabbinerstochter, die er vor aller Welt so lange geheim halten wollte, bis es ihm gegönnt sein werde, sie im Triumphe 'an seiner Hanv als seine künftige Lebensgefährtin Jedermann unter die Äugen, zu führen, es schien allbekannt geworden zu sein, er batte den Blick und die Mienen des Brauers zu deuten verstanden. — Nun hatte zwar Ehrcn- Zalel, der boshafte Lcichcnwächter, allcrbestens dafür gesorgt, daß es Bankier Kalmaun „aus guter Quelle" erfahren, wie die öfteren Besuche des jungen Jaroslawsky im Rabbinerhause, mehr her Tochter, als dem Herrn des Hauses gelten, -es sollte, so calculirte der böse Geist des Friedhofes, das Herz des reichen Bankier dem von ihm gehaßte» Rabbiner früh genug entfremdet werden, ehe der von der geschwätzigen Fraubascnschaft des Städtchens wunderbarer Weise schon Allgemein als Schwiegersohn in spe bezcichnete Bankier in materieller Beziehung ein ergiebiger Quell der Aushilfe für den armen Rabbiner werden könnte; — ältere Männerherzen sind in solchen Fällen, wo ihre Neigung keine Erwiderung gefunden, und ein Anderer mit feinem jungen Herzen glücklicher war — weit empsindlicher als dies bei jungen Männern der Fall zu sein pflegt — ihr Schmerz ist oft weit nachhalliger — und doch hatte der edle Mann, der zwar bis heute vom Rabbiner »och keinen Bescheid crhielr, nun von der Fama bereits das Schicksal seiner Herzcnsncigung ersahren, keinen Groll gegen Malhla oder gegen Jaroslawsky, der ihm im Herzen seiner Auserwähltcn den Rang abgelaufen — er hatte nur Mitleid mit den jungen Liebenden, da doch bei den strengen religiösen Grundsätzen des Rabbiners die Liebe an .der Bcrschicdenheit der Coufession, ein unbesiegbares Hindcrniß finden müßte. — Als dann etwa eine halbe Stunde später der Rathsdiener die Herren Mitglieder des Rathcs in devotester Haltung submissest zur Sitzung in die Rathsslube rief, war selbstverständlich mit den anderen Rathshcrrcn auch der tief erregte Bankier Kalman aus dem kühlen Schatten des Rathskellers in die dunstersüllten Räume der Rathsstube cmpvrgestiegcn; dort im httzige» Wortgefechte, das alsbald begonnen hatte, als die Lehrer- Affaire zur Behandlung kam, war auch der Unmuth des ■ biedern, vorurthcilsfreien Mannes sofort gewichen, sein Rechtssinn wie sein feiner Tact ließen ihn die Situation alsbald erkennen — mußte doch selbst ein Mensch von weniger Verstand und weltmännischer Urtheilskraft als Bankier Kalman» es gar bald weg haben, daß die zahlreichen Pfeile, die da heute gegen den armen wehrlosen, zur Vertheidigung nicht gegcnwärttgen Unter- oder Hilfslehrer Jaroslawsky abgedrückt wurden, alle aus dem, wenn auch uralten, aber leider noch immer nicht außer Gebrauch gesetzten, rostigen Köcher des Glaubenshasses gewonnen waren — -der Eine konnte es mit der Würde und dem fromme» Sinne eines christlichen Jugcndbildners nicht vereinbar finden, daß der Jaroslawsky schon oft, freilich in schulfreier Zeit, die Synagoge besuchte, und einer Predigt des Rabbiners seine ganz besondere Aufmerksamkeit geschenkt — welche beklagcnswerthe Verirrung! — „und hat nicht der allverehrte, gewiß doch wahrhaft fromme, hochwürdige Herr Dechant selbst gar oft schon die eine oder die andere der immer geistvollen Predigten des Herrn Rabbiners mitangehört?" —• frug nun lächelnd Herr Kalmaun den Ankläger — „muß ein solcher junger Lehrer nicht gewissermaßen jüdisches Blut in den Adern haben, der am liebsten nnt Juden verkehrt, jüdische Schulkinder in auffallender Weise in Schutz nimmt, >venn ihnen von ihren christlichen Mitschülern auch nur ein gar nicht böse gemeintes, spöttisches Wort gesagt wird? ja! der muß jüdisches Blut in den Adern haben, sagte ganz voll geworden vor Eifer, der, seitdem der jüdische Doktor Kunitz in der Stadt seine Praxis ausübt, fast ganz außer Thätigkcit gesetzte, früher oft gerufene, alte Wundarzt — „ich verstehe mich auf Blut, der junge Lehrer hat, ich Hab' nur einmal, als ich ihm zur Ader ließ, sein Blut gesehen, das war roth und moussirte wie ein Säuerling, solches Blut haben nur Juden, die, was sie thun, mit Elfer, mit einer gewissen Gluthitze ansasfen, und solches Blut zieht immer wieder zu ähnlichem Blut hin — ja ich wette Hundert gegen Eins, der junge Hilfslehrer ist ein Sprößling derjenigen die, wie unser großer Ringer einst parlamentarisch geheimnißvoll sich ausdrückte, von sich sagen müssen, ihre Wiege sei am Jordan gestanden." — — Eben wollte Herr Kalman, nachdem er sich von seinem Sitze erhoben hatte, dem Blutdiagnostiker eine derbe Abfertigung zukommen lassen, als, wie der leibhaftige „lupus irr fabula“, der junge Htlfslehrer hocherregt in die Rathsstubc trat, und nachdem er in wohlgesetztcn Worten, wegen der verursachten Störung um Entschuldigung gebeten, ein Schriftstück „auf den Tisch des Hauses" niederlegte, indem er mit vor Erregung vibrirender Stimme sprach: „Ich erlaube mir, die Sitzung, die, wie ich weiß, meiner unbedeutenden Persönlichkeit gilt, auf einige Augenblicke zu unterbrechen, indem ich hiermit meine Resignation auf meinem Lehrerposteti achtungsvoll überreiche, und die meine Person betreffende Debatte hierdurch gegenstandslos mache, ich bitte ein löblichen Stadtrath wolle diese meine schriftliche Resignation güttgst zu Kenntniß eines wohllöblichen Bezirksschulrathes gelangen lassen, und sich im Vorhinein hierfür so wie für das mir bisher geschenkte, mich ehrende Wohlwollen, meines innigsten Dankes versichert halten". — Die verblüfften Rathsherren ebenso, wie der bedächtig das Haupt schüttelnde Herr Bürgermeister hatten nicht Zeit, ihr Staunen ob des so unerwarteten Verzichtes des jungen Lehrers in einigen Worten an denselben auszudrücken, denn der junge Mann war alsbald, nachdem er die Resignationsurkunde vor den Präsidenten der Sitzung niedergelegt, auch schon wieder mit einer zeremoniösen höflichen

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