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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 49 (1885) · p. Seite 193

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
49 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 193 (sequence 3)
Language
German
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— 193 — „Das wußte ich wirklich nicht!" sagte die junge Frau -fröstelnd. „Willst Du mir nicht die näheren Details mittheilen?" Der Graf, ihr verändertes Wesen nicht bemerkend, beschrieb haarklein jene Scene, die man ihr damals, um sie nicht aufzurege», verheimlichte. Jlka schauderte in sich zusammen. „Also das hat ihn von seiner Schwäche geheilt und mich wähnt er im Einverständniß!" sagte sie sich. »Nein, das kann ich nicht, und wenn er sich zehnmal von mir abwendet, hinnehmen, das nicht!" Der Graf schlug ihr noch für den Abend eine Gondelfahrt vor, die sie indcß ablehntc. Jetzt, wo er sie sich zurückerobert zu haben glaubte, war er durch die achtlos mitgctheilte Erzählung weiter denn je von ihr entfernt. „Warum nicht, Jlka?" bat er. „Laß nur einma den Zauber dieser wunderbaren italienischen Landschaft auf Dich einwirkcn und Du wirst Deine Einsamkeit aufgeben, im Genuß der wunderbaicn Natur schwelgen und ihrer gedenken, wenn Du dereinst längst daheim bist." „Man muß in der Stimmung sein, solchen Eindruck auf sich wirken zu lassen," sagte Jlka ausweichend. „Ich bin es heul nichk, wäre Dir auch eine recht schlechte Gesellschafterin!" Mit diesen Worten stand sie aus und war durch keinerlei Bitte zu bewegen, an der Abendfahrt Theil zu nehmen. „Sie ist räthselhaftcr als je," sagte sich der Graf. „Wähnte ich doch heut, daß sic endlich einlcnken würde, gleich überkommt sie wieder die alte Verstimmung. Soll mir da Einer einen Vorwurf machen, wenn ich anstatt mit meiner Gattin, mit Lucia eine Gondclfahrt mache! Ein Bischen Unterhaltung will doch der Mensch haben," setzte er, sich selbst entschuldigend, Hinz». XXIII. Die Entdeckung. Als sich Jlka allein wußte, griff sie nach Dinte und Papier und dem Drange ihres übervollen Herzens folgend, schrieb sie: „Mein Herr! Ich will gern glauben, daß Sie diejenige verachten müssen, die Sie im Einverständniß mit dem Manne wähnen, der so schändlich an Ihnen gehandelt. Erst heut erfuhr ich, was er Ihnen damals gethan! Wenn Sie noch einen Funken von Liebe für mich fühlen, geben Sie mir Gelegenheit, mich in Ihren Augen rechtfertigen zu können! Nie haßte ich den Grafen, der nur nominell mein Gatte ist, mehr, wie heut, da er mir, Sie erkennend, von jenem Attentat erzählte, das man seinerzeit vor mir verheimlicht hatte. Ich bin namenlos unglücklich, führe ein Leben, das dem Tode gleicht. — Haben Sie Mitleid! Gewähren Sie mir — ich erwarte Sie morgen früh 7 Uhr am Lido — eine Stunde ruhiger Aussprache. Es muß klar zwischen uns werden! Jlka." Nachdem sie den Brief abgesendet, war sie ruhiger. „Er wird kommen," dachte sic. „Ich werde in ihm den ehemaligen Freund wiederfinden! In aller Ehrbarkeit können wir vielleicht mit einander verkehren; hat er Gefühl für mich, so muß er mir in dem Unglück, das mich betroffen, beistehcn." Ruhe und Frieden schienen nach der ausgestandcnen Aufregung in ihr Herz einzuzichen. Als der Graf Abends heimkehrte, fand er sie bereits schlafend, ihre Thüre verriegelt. „Wahrlich, ich bin ein bencidenswerther Gatte," sagte er sich. „Ein Glück nur, daß ich leichten Sinn genug habe und mich zu trösten weiß." — (Fortsetzung folgt.) Für den Kachertisch ans ChanuKa. Schon viel ist darüber geschrieben worden, daß es an Weihegaben in Jugendschriften für Chanukka mangelt; aber für den Kenner der jüdischen Litteralur giebt es jetzt schon eine schöne Auswahl specifisch.jüdischer Schriften für unsere Jugend. Erinnern wir nur an die Jugcndschriften von Simon Krämer, die einer neuen gesammelten Ausgabe wohl würdig wären; ferner an die Erzählimgen von Fanny Neuda, W Hause, Hcrzberg, Gustav und Ludwig Philippson, Kompert, Bernstein, Berthold Auerbach, Formstecher, Wassermann rc.; in gebundeuer, Rede die poetischen Schriften von Mich. Sachs, Tendlau Ludw. Frankel, Leopold Stein, Isidor Kämpf, Letteris, Rappop ort, Fürst, Karl Beck, Mosenthal, Hartmann rc. rc. — Es hat seiner Zeit vr. Emil Lehmann ein besonderes „Chanukkabuch" herausgegeben; aber ihm ist das Mißgeschick passirt, daß Plagiate aus Karl Geroks „Palmblättern" sich darin eingeschlichen haben, deren christliche Tendenz von dem Plagiator umgeändert und für eigenes Machwerk ausgegeben wurden, vr. Lehmann hatte dieselben dem „Volkslehrer" von Leopold Stein entnommen, der seiner Zeit auch von dem litterarischen Fälscher getäuscht wurde. Das Verlangen, die jüdische Jugend nur mit Schriften von jüdischen Autoren zu versehen, ist nicht einmal sehr rathsam; denn dadurch würden wir in ein litterarisches Ghetto gebannt und der deutschen Litteralur entfremdet, die so reich an poetischen und ethischen Schriften ist, die der jüdischen Jugend und dem jüdischen Volke zur. Lektüre empfohlen werden dürfen. Solche besonders zu bezeichnen, ist für den Litteraturkenncr überflüssig. Als eine sehr empfehlenswerthe Dichterin, auch für die isr. Jugend, wäre z. B. die hochbegabte Schriftstellerin Luise Pichler, verehelichte Frau Professor vr. Zeller zu bezeichnen. Diese hat eine reiche Sammlung von Jugendfcheiften geschaffen, die in keiner Jugend- und Volksbibliothek fehlen sollten. Der rein ethische und hochpoetischc Inhalt derselben macht sie zur beliebten Lektüre für Jung und Alt. Die historischen Novellen derselben sind Erzeugnisse gelehrter Forschung und keinerlei Geschichtsfülschung ist denselben vorzuwerfen. Die deutsche Geschichte von Herrmann dem Cherusker bis auf unsere Tage bildet das Sujet dieser Erzählungen. In denselben hat sie auch aus der Geschichte der Jude» im Mittelalter Bilder entnommen, die den Juden und dem Judenthume zur Ehre gereichen. Bei dem frommen Sinne der Verfasserin hat sie alles confessionell Anstößige aus ihren Schriften fern gehalten, so daß der Kardinal Raffaele Gonzalez die Erzählungen der Protestantin ins Italienische übersetzt. So ist jüngst im Verlage von Gebr. Kröner in Stuttgart von ihr erschienen: „Diademe und Myrten", 8 Erzählungen auf 257 Hochoktav Seiten mit herrlichen Bildern in Farbendruck und trefflicher Ausstattung. Auch in dieser Sammlung kommt ein jüdisches Charakterbild zu Ehren. Kurz: die Schriften der Luise Pichler sind auch jüd. Familien als Lektüre zu empfehlen, sie werden wegen ihrer künstlerischen Ausstattung jeden Büchertisch zieren. Alexander Elsässer. Allerlei siir den Familientisch. Ein junger Gekehrter, der gar hochfliegende Pläne hatte, wollte eine „Allgemeine Geschichte der Menschheit" schreiben. Als er zu diesem Riesenwerke Vorstudien machte, sah er ein, daß er das Thema zuvörderst nicht so weit fassen, sondern sich spezialisiren müsse. Und er spezialisirte sich. Aber auch das jetzt gewonnene Gebiet war viel zu groß und der junge Historiker spezialisirte sich wieder und immer mehr. Als dann nach Verlauf mehrerer Jahre die „Allgemeine Gefchichte der Menschheit" erschien, da führte

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