Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 49 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585305--0499-9585307- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 192 und bald ist es uns auch klar geworden, daß es unser alter Bekannter, der junge Hilfslehrer sei, über den heute so eifrig debattirt wird. „Ich bin, das wird mir Jeder, der mich kennt, gerne zugestehen, durchaus kein Finsterling, — sagte der Seifensieder und Unschlittkerzengicßer der Stadt, ein sehr wohlbeleibter Mann, der in dem Maaße zu dick, als seine Kerzen zu dünn gerathen waren — ich bin ein Freund des Lichts und der Erleuchtung — aber, ich bin ein guter Katholik, und ich will nicht, daß ein Lehrer an unserer Schule, wie dies der Jaroslawsky thut, den Kindern beim Unterrichte sage, die Judenkindcr seien um keinen Grad besser, aber auch um keine» Grad weniger werth und eben so hoch angeschriebcn beim lieben Gott, wie die Kinder gut christlicher Bürger, die doch ehrlich getauft sind — das heißt denn doch schon etwas zu freisinnige Ansichten vor den Kindern laut werden lassen, welche Christen sollen dann aus unseren Kindern werden? — „Brave, friedliche und humane Staatsbürger sollen sie werden, aber eben, wenn sie des Lehrers Worte beherzigen und alle Mensch:» gleich achten werden, auch gute und wahrhaft erleuchtete Christen" — rief jetzt eine Stimme aus der oberen Fensternische des Saales, die Stimme des Bankier Kalman, der sich bisher gar nicht bemerkbar gemacht hatte, auf den aber nach diesen seinen Worten alle Blicke gerichtet waren — „ja! ja! schauen Sie mich doch, meine geehrten Mitbürger, nicht so verwundert ob meiner Rede an, ich glaube cs vor der ganzen gläubigen Christenheit verantworten zu können, wenn ich behaupte, daß Herr Hilfslehrer Jaroslawsky gut christliche Lehren ins Herz der Jugend pflanzt, wenn er sic lehrt, daß alle Menschen vor Gott dem Vater im Himmel gleich sind" — sagte Herr Kalman, und seine Augen glänzten im edlen Eifer, als er, der einzige Jude in der Gesellschaft, behauptete, er werde als das frei gewählte einzige jüdische Mitglied des Ortsschulrathes de» jungen Hilfslehrer ob seiner von mancher Seite übel vermerkten Frcisinnigkeit in der Schule allezeit kräftigst in Schutz nehmen, — „Und werde» Sie, Herr Kalman! — frug mit malitiösem Lächeln um den aufgeworfenen Lippen, der vierschrötige städtische Herr Brauermeister, auch dann noch den jungen Lehrer in Schutz nehmen, wenn ihm vorgeworfcn werden sollte, daß er zum allgenieinen Aergernisse seine Gunst einem Judenmädchen, der allerdings braven, aber doch erzjüdischen Rabbinerstochter, hier zugewendet? ist auch dies eines christkatholischen Lehrers würdig?" — Ob der Sprecher dieser Worte wohl bei der räumlichen Entfernung seines Sitzes von dem des Bankier Kalman merkte, wie bei dem Worte „Rabbincrstochter" eine auffallende Blässe über das Gesicht des Herrn Kalman zog? — vielleicht,1 denn er lächelte befriedigt, der ehrenwerthe Ritter im Dienste des Gambrinus, er lächelte, wie der glückliche Schütze lächelt, der soeben ins Schwarze getroffen, -(Forts, folgt.) versöhnt! w Original-Roman von Ida Barber. (Fortsetzung.) Doch er hatte zu früh triumphirt. Sobald Jlka's Schwäche vorüber, erwachte in ihr von Neuem ihre Abneigung gegen den Grafen, Sich gewaltsam von ihm losrcißend, eilte sie in ihr Zimmer, Der Graf in dem Glauben, sie werde zurllckkehren, wartete eine Weile, doch da sie nicht kam, ging er an die Thür, die er verriegelt fand, „Laß mich allein!" bat ihn die junge Frau; ich mag Dich nicht sehen, mag jetzt keinen Menschen sehen! Ich bin zu elend!" „Sie will nicht capituliren", sagte sich der Graf, Soll ich mich auf's Bitten legen? Soll ich warten? Bin halb und halb schon der blonden Lucia müde, mir wäre eine kleine Abwechselung jetzt gerade recht gewesen!" Noch einmal wagte er einen Appell an Jlka's Herz und war nicht wenig erstaunt zu hören: „Es gehört Ihnen nicht, Herr Graf! Haben Sie etwa in den 3 Wochen, seit" dem ich hier bin, auch nur Etwas gethan, es zu gewinnen?^ „Liebe Jlka, laß uns keine Conversation durch die Thür führen", sagte der Graf, „öffne, so werde ich Dir mittheilen, warum ich mich von Dir fern hielt." „DaS möchte ich wirklich wissen", sagte Jlki, die Thür öffnend, „Tagelang hast Du mich allein gelassen, Du sahst, wie ich mich langweilte, ohne mich zu fragen, gingst und ■ fuhrst Du stets allein aus, kehrtest heim, ohne mich zu grüßen; ist das liebevoll, ist das das Benehmen eines Mannes, der eine Frau für sich gewinnen will?" „Mußte ich nicht so handeln", entgegnete der Graf, „da Du mir erklärt hattest, Du wolltest allein sein? Jetzt, wo Du Dich wieder menschlich zeigtest, fandest Du mich auch gleich bereit, Dir^meine Liebe zu beweisen, doch kaum glaubte ich in Dir das Weib wieder gefunden zu haben, da überkam Dich von Neuem die Teufelslaune und Du läufst davon. Sag, wohin soll das führen? Wallen wir unser Leben in dieser Weise vertrauern?" Wieder halte er sie in seine Arme genommen und stand mit ibr in der Fensternische, ihre Stirn mit Küssen bedeckend. Sie wehrte ihm nicht; wußte sie ja selbst nicht, was sie von ihm verlangte: wir er bei ihr, war sie unfreundlich, weilte er fern, verlangte sic nach ihm. — Das Haupt an seiner Brust geborgen, sah sie nicht, wie unten in der Gondel ein Mann unablässig jeder ihrer Bewegungen folgte. Es hatie ihm doch weh gethan, daß er sie so von sich gewiesen und um zu sehen, wie sie den ihr augethanen Affront auffasse, ob sie aufgeregt, ob ruhig sei, nahm er in einer Gondel, die gerade vor ihrem Hause angekettct lag, Platz, zog sorglich die Zeltgardincn zusammen, um beobachten zu können, ohne gesehen zu werden. „Kaum '/. Stunde nachdem sie eine Aussprache mit mir gewünscht, in seinen Armen!" murmelte er unwillig, — „Wahrlich da muß der Drang, mich zu sprechen, nicht sonderlich lebhaft gewesen sein!" Und nun sah er, wie der Graf einen Sessel an daS Fenster rückte, wie sie auf seinem Schooße Platz nahm, sein Mund ihre Stirn berührte, sie seinen Worten lauschte. — Hätte er ahnen könne», daß sie, einer verzeihlichen Schwäche folgend, endlich, nachdem sie mehr als 3 Wochen des Grafen Weib war, ihm die erste kleine Vertraulichkeit ohne Widerstreben gestattete und auch das nur, weil 'ihr liebebcdürftiges Herz sich von ihm verschmäht. zurückgestoßen sah, — er würde vielleicht milder geurtheilt haben. „Ich verstehe dieses Weib nicht! sagte er sich, Ihr ganzes Thun ist mir räthselhast! Was haben die Verhältnisse ausJlka gemacht",seufzteer wehmuthsvoll, „die einst mein Alles war, — sie ist nicht mehr der Schatten ihrer selbst!" Lange saß er da in stummem Schmerz, Er sah, wie Jlka und der Graf auf die Tcrraffe hinaustraten, Hand in Hand, wie jetzt ein Diener Erfrischungen brachte, dann ein einfaches Mahl, das ihnen aber prächtig zu schmecken schien. Die armen, reichen Leute! Es >var das erste Mal, daß sie, seitdem sie verheirathet, miteinander speiste». All das wußte vr, Sanders nicht, noch weniger, daß seine Weigerung sie zu sprechen, es gewesen, die sie dem Gatten in die Arme geführt. — Verbittert und in seinen heiligsten Gefühlen getroffen, verließ er seine Gondel, um den Heimweg anzutreten. Da, gerade als er das Trottoir betrat, sah ihn Jlka. Sie erbleichte. Der Graf, ihre Verwirrung bemerkend, wandte seine Augen nach jener Seite und erkannte Sanders. „Der will noch einmal die Peitsche haben," rief er in übermllthiger Laune. „Was hat er hier zu thun?" „Noch einmal die Peitsche?" fragte Jlka entsetzt und des Briefes der Tante gedenkend, fragte sie schnell: „Hättest Du ihm denn schon einmal —" „Das weißt Du nicht?" rühmte sich der Graf, „wie ich ihn damals durchgebläut, daß er 3 Wochen in Ischl an seinen Wunden darniederliegen mußte?"