Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 48 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das ging so mehrere Tage, ohne daß sie eine Spur von Sanders gefunden. Konnte sie ahnen, daß er, anstatt Venedigs Kunstschätzen die gebührende Anerkennung zu zollen, draußen auf dem Lido Schießübungen machte? Dem Grafen fiel es auf, daß seine junge Gattin jetzt häufiger das Haus verließ. „Sie spionirt Dir doch nicht etwa nach?" fragte er sich. Doch weit entfernt davon, sich in seinem Verkehr mit Lueia Zwang auszulegeu, verbrachte er jetzt ganze Tage in hrer Gesellschaft. Er machte mit ihr sogar Ausflüge. Der Graf war Jlka viel zu gleichgültig, als daß sie ernstlich bemüht war, zu wissen, wo und mit wem er seine Zeit verbringe. „Er wird spielen," sagte sie sich und begann von 'Neuem die ausregende Jagd nach der Spur desjenigen, den sie, öerade weil ihr die Taute geschrieben, er sei von seiner Leidenschaft geheilt, sprechen mußte. — War er nicht mehr der teidenschaftliche Liebhaber, so würde er ihr doch, so nahm sie an, ein sympathischer Freund und Berather sein. Die Gräfin hatte, um schneller überall sei» zu können, eine Gondel gemiethet, in der sie oft stundenlang zubrachte. Ihr Auge war müd' vom Spähen; nirgends und zu keiner Zeit eine Spur des so sehnsüchtig Herbeigewünschten. „Es giebt eine göttliche Gerechtigkeit," sagte sie sich als sie einst in ihrer Gondel aus dem Canal grande dahin glitt; „ihn, den ich so schnöd' von mir gewiesen, als er mi unglücklich und verzweifelt nahte, ihn sehne ich jetzt, selbst eine Verzweifelte, mit aller Macht meiner Seele herbei Wahrlich, ich bin gestraft genug! — O Gott," rief sie in Thränen ausbrechend, „gieb mir Kraft, daß ich nicht erliege! Ich bin so elend, so verlassen, so sehr meiner Schuld mir bewußt, daß —" Da — ihr umflortes Auge belebte sich! Drüben in jener Gondel hatte sie ihn erkannt. Auch er mußte sie gesehen haben. Doch pfeilschnell glitt die Barke dahin. Warum ließ er nicht halte»? Warum gab er ihr kein Zeichen? „Machen Sie Kehrt!" ries sie dem Gondoliere zu. „Folgen Sie jenem Fahrzeug dort! Schnell! Ich werde Sie reich belohnen!" Wenige Augenblicke später hatte man die voraneilende Gondel eingeholt. Pochenden Herzens blickte sie hinein; die Vorhänge waren dicht zugezogen. „Ellimar," rief sie, laut genug, daß er es hören konnte. Keine Antwort. „Ellimar," bat sie flehentlich, „ich muß Dich sprechen!" Sollte sie sich getäuscht haben? Konnte er ihren bangen 'Ruf, in dem alle Herzensangst der gemarterten Seele zum Ausdruck kam, Schweigen entgegen setzen? „Vielleicht," sagte sie sich, „hat mir nur meine erregte Phantasie sein Bild vorgezaubert." „Lautlos glitten die beiden Gondeln, eine neben der andern, über die spiegelklare Fluth. Wohl eine halbe Stunde mochte vergangen sein, da wurden drüben die Vorhänge auseinandergetheilt. Ellimars Kopf ward zwischen denselben sichtbar; nein, sie hatte sich nicht getäuscht. „Anlegen," sagte er kurz zu dem Gondoliere, reichte ihm ein Goldstück und sprang schnell, als sähe er die ihm folende Barke nicht, an's Ufer. Jlka war keines Lautes fähig. Jetzt wußte sie, daß er sie gesehen, gehört, erkannt und mit Verachtung strafen wolle. „Folgen Sie dem Herrn und sehen Sie, wohin er geht," rief sie dein Gondoliere zu; ich warte hier." Bald hernach kehrte der Mann zurück, meldend, der Fremde wohne im Hotel Bauer. „Fahren Sie mich nach Haus," sagte sie anscheinend ruhig. Fast bewußtlos sank sie, als die Gondel sich weiter bewegte, in die Polster zurück. „Mir das?" jammerte sie nach einer Weile. „Er, der der mich so grenzenlos zu lieben vorgab!" Kaum hatte sie die Kraft auszusteigen. Einem Schatten gleich wankte sie dem Hause zu. Auch die Kammerfrau war nicht zu Hause, Niemand, der der Halbohumüchtigen nur einen Schluck Wasser gereicht hätte. „Verlassen und elend!" jammerte sie, ihren Thränen freien Lanf lassend. Nach einer Weile kehrte der Graf zurück. Er war erstaunt, seine sonst so gefaßt und ruhig scheinende Gattin so aufgeregt zu finden. Das Gefühl dessen, was er ihr schuldig sei, erivachte doch wieder in ihm. „Du weinst, Jlka," sagte er, ihre Hand ergreifend, „bist Du leidend?" — „Ob ich leide!" entgegnete sie schmerzlich. Er nahm neben ihr auf dem Divan Platz, faßte ihre Hand und bat sie endlich, Vernunft anzunehmen. Todtmüde, nicht wissend, was sie that, lehnte sie ihr Haupt an seine Brust. „Armes Weib," sagte der Graf theilnehmend, „wie quälst Du Dich mit Selbstkasteiung? Kannst Du nicht vergessen?— Komm." flüsterte er, sie zärtlich umarmend, „gönne mir endlich das Recht, das Du mir seit Wochen verweigerst, laß mich Dich als mein Weib betrachten, das ich lieben darf, dem ich all mein Denken, Fühlen weihe!" Das klang dem gemarterten Herzen der jungen Frau so süß; es war lindernder Balsam auf die Wunde, die ihr jenes Andern Gefühllosigkeit geschlagen. Willenlos überließ sie sich seinen Liebkosungen; sie erwiderte sie nicht, aber sie ließ es geschehen, daß er sie in seine Arme schloß, Mund und Wange» mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte, ihr tausend Schmeichelnamen gab. „Laß mich allein," bat sie nach einer Weile, „ich bin heut wirklich nicht in der Stimmung, froh zu sein!" „Ich Dich lassen, jetzt, wo ich Dich gefunden?" sagte der Graf. „Verlange nicht das Unmögliche!" Und weinend jenes Andern gedenkend, dessen Kränkung sie nicht verschmerzen zu können glaubte, überließ sie sich den Liebkosungen des Grafen, der sich triumphirend sagte: „Die Widerspenstige ist gezähmt." (Fortsetzung folgt.) Characleriftik des Malers des Antisemitismus. (Schluß.) Wie ich erwartet, suchte sich Marr zu rechtfertigen. Täglich langten von ihm 8—12 Seiten lange Briefe an, die sein Bedauern ausdrückten, daß er das unselige, einer längst vergessenen Epoche angehörende Buch in meine Hände gelegt. Er bat und beschwor mich, Einfluß auf meinen Mann zu üben, daß ihm unser Haus wieder offen stände. „Meine intimsten Freundschaften," schrieb er mir, eine Unzahl Namen anführend, „wurzeln im Judenthum. Ich habe unter de» Juden die ehrenhaftesten Männer und bewunderungswürdigsten Frauen kennen lernen, habe Ihnen wiederholt davon gesprochen — wie ist es nach alledem möglich, daß Sie und Ihr Gemahl mich für einen Judenfeind halten?" Mein Mann blieb, obschon Marr in Briefen, die fast elegisch stimmen konnten, bat, wir möchten ihm gerade jetzt, da er vollständig allein im Leben stand und wie ein Kind des warmen Zuspruchs von Freunden bedürfe, den Verkehr in unserm Hause nicht versagen, dabei — er dürfe seine Schwelle nicht überschreiten. Kurze Zeit nachher hörte ich, Marr sei nach Berlin ge« gangen, er wolle dort sein Glück versuchen. — Das Gespenst des Antisemitismus war damals nur in nebelgrauer Ferne sichtbar. Man sprach in Berlin wohl von Stöcker und seinen Ausfällen gegen das Judenthum, doch legte man ihnen keinen Werth bei. Der in Berlin im Verborgenen wirkenden antisemitischen Liga fehlte die fein zugespitzte Feder. Marr lieh sie ihr *